Pakete

Bote und Seelsorger zugleich

Die Zustellerbranche knackt die Marke von vier Milliarden Sendungen. Ein Zusteller spricht über seine Erfahrungen, die er in 15 Jahren erlebt hat.

17.06.2021

Von LENA BAUTZE

Zusteller Rainer Gebhard. Foto: Privat

Ulm. Als ich angefangen habe, mussten die Menschen noch auf Papier unterschreiben“, sagt Rainer Gebhard, Paketzusteller von Hermes. „Heute ist das eine richtige Erleichterung mit dem Scanner.“ Seit mehr als 15 Jahren arbeitet er als Zusteller – davon die letzten zwölf im gleichen Bezirk in Filderstadt: „Die Kunden sind wie eine Familie. Über die Zeit bauen sich viele Freundschaften auf“, freut sich Gebhard. Bei ihm gibt es wenig Situationen, die unangenehm sind. „Auf 1000 positive Erfahrungen kommen drei negative. Die kann ich locker wegstecken.“

So einfach hat es nicht jeder Zusteller: „Bei Fehlern vonseiten der Beschäftigten neigen die Kunden häufiger dazu, ihre Unzufriedenheit durch Beschwerden bei der Bundesnetzagentur oder bei Verbraucherzentralen kundzutun. Viele nutzen auch die Sozialen Medien“, sagt Maik Brandenburger – er ist Pressesprecher der Fachgewerkschaft für die Mitarbeiter von Post, Postbank und der Telekom (DPVKOM).

Die Gewerkschaft bekommt auch viele Beschwerden seitens der Zusteller. „Die Beschwerden über die hohen Arbeitsbelastungen, stetig größer werdende Zustellbezirke und auch die Überwachungsmöglichkeiten nehmen immer weiter zu“, sagt Brandenburger.

Rainer Gebhard ist jedoch zufrieden mit seiner Arbeit: „Bei dem Depot in Esslingen, wo ich jetzt bin, funktionieren die Abläufe.“ Das sollten sie auch, denn die Fließbänder stehen seit Beginn der Pandemie nicht still: „Wir haben genauso so viel zu tun wie vor der Weihnachtssaison“, sagt Rainer Gebhard. Der Bundesverband Paket und Expresslogistik (BIEK) veröffentlichte jetzt die neue Kurier-Express-Paketdienste-Studie (KEP). In der heißt es, dass 2020 mehr als 4 Milliarden Sendungen ausgeliefert wurden. Das ist ein Anstieg um 400 Millionen Sendungen.

Seit Ausbruch der Pandemie boomt der Online-Handel, was dem Ebersbacher Zusteller Sorgen bereitet: „Ich merke, dass der Einzelhandel daran zugrunde geht. Ich habe Angst, dass die Städte verwaisen.“ Die Menschen haben, seiner Meinung nach gemerkt, wie bequem es ist, sich etwas zu bestellen.

Auf bis zu 150 Stopps kommt Gebhard täglich. Laut Gewerkschaft kommen schnell mal 150 bis 200 Pakete zusammen. Hinzu kam laut der KEP-Studie auch ein Anstieg an Alltagsgütern für den täglichen Bedarf.

Auch Sendungen mit einem besonderen Format finden sich laut Klaus Esser, dem Autor der Studie, häufiger in den Transportern: „Es wurden selten so viele Swimming-Pools verschickt“, sagt er. Aber auch Gartenmöbel oder Wein standen vermehrt auf dem Lieferschein.

Dabei wird der Druck auf die Zusteller laut Maik Brandenburger immer höher: „Kaum ein Paketzusteller kann diese Arbeit bis zum Renteneintrittsalter schaffen. Die Be- und Überlastung führt dazu, dass viele Zusteller krank werden.“ Diese zusätzlichen Pakete werden laut der KEP-Studie zu etwas mehr als der Hälfte mit neuen Beschäftigten aufgefangen und die andere Hälfte durch verbesserte Technologien und Arbeitsabläufe. Insgesamt wurden vergangenes Jahr 10 600 neue Arbeiter und Arbeiterinnen eingestellt.

Hermes-Zusteller Rainer Gebhard denkt mit seinen 57 Jahren jedoch noch nicht ans Aufhören – ganz im Gegenteil, oft ist er länger unterwegs, als er eigentlich müsste. „Ich sehe mich als Dienstleister und möchte für die Kunden da sein.“ Das bedeutet für ihn auch mal, gemeinsam einen Kaffee trinken: „Wenn eine Person ein Bedürfnis hat zu reden, nehme ich mir die Zeit. Ich bin nicht nur Bote, sondern auch Seelsorger.“

Die Corona-Pandemie hat der Paketbranche im vergangenen Jahr einen sprunghaften Anstieg beim Sendungsvolumen beschert. Foto: Monika Skolimowska/dpa

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Erstellt:
17. Juni 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
17. Juni 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. Juni 2021, 06:00 Uhr

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