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Zur Einweihung der Gedenkstätte eingeladen

Böblinger NPD-Kreisrat Janus Nowak verhöhnt KZ-Opfer

Unter den Kommunalpolitikern, die zur Einweihung der KZ-Gedenkstätte im Gäu kommen, ist auch ein Böblinger NDP-Kreisrat. Die beteiligten Gemeinden Rottenburg und Gäufelden verteidigten am Donnerstag seine Einladung.

28.05.2010

Von willibald ruscheinski

Hailfingen/Tailfingen. Insgesamt 37.000 Euro haben Nachbargemeinden und der Landkreis Böblingen für das KZ-Dokumentationszentrum im alten Tailfinger Rathaus gespendet – für Gäufeldens Bürgermeister Johannes Buchter ein Grund unter anderen, auch die Mitglieder der entsprechenden kommunalen Gremien zur Eröffnung einzuladen.

NPD-Kreisrat Janus Nowak nutzte diese Ehre prompt für eine Medien-Offensive. Per E-Mail wies er die Presse darauf hin, was auf seiner Internet-Seite nachzulesen ist. Dort steht teilweise schlicht Falsches – zum Beispiel, dass neben der Multimedia-Dauerausstellung in Tailfingen auf dem ehemaligen Flugplatz-Gelände „ein pompöses Holocaust-Mahnmal“ von Lutz Ackermann errichtet werde (tatsächlich schuf das eher schlichte Denkmal der Ellwanger Bildhauer Rudolf Kurz).

Aber Nowak betreibt auch kräftig Geschichtsklitterung: So sei der Nachtjäger-Flugplatz an der Kreisgrenze „zur Abwehr todbringender alliierter Bombergeschwader“ gebaut wurden. Das Wort KZ kommt nur in Anführungszeichen vor, Opfer gibt es für den NPD-Mann nicht. Statt dessen spricht er wörtlich von 600 „jüdischen Kriegsgefangenen“, von denen „in den Kriegswirren der letzten Kriegsmonate 200 gestorben sind“.

Unwahr ist auch Nowaks Behauptung, die Gedenkstätte verschweige „wohl wissentlich die näheren Umstände, welche durch anrückenden französischen Armeen“ verursacht worden seien. Tatsächlich wird sowohl auf der neuen Erklärungstafel beim Mahnmal als auch im Tailfinger Rathaus auf die von den Franzosen im Juni 1946 angeordnete Zwangsexhumierung des Massengrabes und die dabei an den Folgen von Misshandlungen gestorbenen beiden Bondorfer eingegangen.

Und schließlich behauptet der stellvertretende NPD-Landesvorsitzende noch, Bürgermeister Buchter setze sich „lieber für einseitige Mea-Culpa-Projekte“ ein, statt sich um eine bessere DSL-Versorgung Tailfingens zu kümmern. „Trotzdem“, kündigt Nowak an, werde er zur Einweihungsfeier kommen, „auch wenn es bei einigen Teilnehmern ein unangenehmes Gefühl verursachen könnte.“

Bei der gestrigen Pressekonferenz verteidigte Buchter die Einladung des NPD-Kreisrates und sah „keinen Grund, ihn wieder auszuladen“. Es gebe, das sei allen Beteiligten klar, „viele kleine Nowaks hier in der Umgebung. Aber mit denen setzen wir uns öffentlich auseinander. Die Zeit des Ausweichens und Nichteinladens ist vorbei.“ Ob man Rechtsradikale dadurch aufwerte, sei „eine andere Frage. Ich halte nichts davon.“

Ob die Auslassungen Nowaks den strafrechtlichen Tatbestand der Holocaust-Leugnung erfüllten, mochte Buchter auf Nachfrage nicht bewerten. Sein Rat: „Faxen Sie den Text an den Staatsanwalt!“.

Wie sein Gäufelder Kollege wies auch Rottenburgs Oberbürgermeister Stephan Neher darauf hin, dass es sich bei Nowak um das „politisch legitimierte“Mitglied eines gewählten Gremiums handle. Die beteiligten Kommunen würden sich zu weit vorwagen, wenn sie nach eigenem Gutdünken entschieden, welche Volksvertreter politisch genehm seien und welche nicht. Über ein NPD-Verbot zu befinden sei „Aufgabe der höheren Politik“. Auch Parallelen zur (im Rottenburger Gemeinderat mittlerweile vertretenen) Linken zog der OB: „Es gibt Parteien, von denen man nicht weiß, ob sie verfassungsmäßig auf der richtigen Seite stehen, und die sitzen sogar im Bundestag.“

Birgit Kipfer, die Regionalvorsitzende des an der Gedenkstätten-Planung maßgeblich beteiligten Vereins „Gegen Vergessen“, hatte Verständnis dafür, dass man ein Gremien-Mitglied „nicht unbedingt ausschließen“ könne. Aber, so gab sie zu bedenken: „Es ist eine andere Frage, wie die zur Eröffnung anreisenden Zeitzeugen es aufnehmen. Sie könnten anders empfinden als wir, die wir schon öfter mit Neonazis zu tun hatten.“

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Erstellt:
28. Mai 2010, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
28. Mai 2010, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 28. Mai 2010, 12:00 Uhr

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