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Leitartikel · Syrien

Blutiges Kalkül

02.08.2016
  • MARTIN GEHLEN, KAIRO

Kairo. Die Welt schaut weg. Höchstens noch aus den Augenwinkeln nimmt die internationale Gemeinschaft das Drama von Aleppo wahr, wo sich momentan die größte Katastrophe des fünfjährigen syrischen Bürgerkriegs anbahnt. Monatelang schoss die Assad-Armee zusammen mit ihren Verbündeten Russland und Iran unter dem Deckmantel der Genfer Friedensgespräche den Rebellenteil der Stadt sturmreif. Mehr als Presseerklärungen oder ein paar von den USA mühsam herausgeschlagene 72-Stunden-Feuerpausen hatte die westliche Seite dem Abschlachten nicht entgegenzusetzen, das bald in einer fundamentalen Niederlage der moderaten Opposition enden könnte.

Seit vergangener Woche ist der Belagerungsring um Aleppo dicht. Erstmals seit vier Jahren gelang es dem Regime, die Versorgung der Rebellenviertel zu kappen. Die Lebensmittel reichen noch bis Mitte August. Rund um die Uhr prasseln Fassbomben und Raketen auf die Eingeschlossenen nieder, die systematisch Wohnhäuser, Bäckereien, Schulen und Kliniken in Schutt und Asche legen. Kurze Kampfpausen nutzten die Angreifer zu zynischer Propaganda. Von Hubschraubern ließen sie Päckchen mit Babywindeln und Zahnbürsten herabregnen sowie Flugblätter mit Karten, auf denen angebliche humanitäre Korridore eingezeichnet sind, durch die die Bewohner den Schergen des Regimes direkt in die Arme laufen.

Doch es ist zu befürchten, dass das blutige Kalkül von Damaskus, Moskau und Teheran aufgehen könnte. Kapitulation oder Tod heißt die Botschaft an die 300 000 Menschen im Ostteil Aleppos. Die Angreifer werden nicht zögern, die Viertel der Aufständischen menschenleer zu bomben. Wer nicht flieht und sich ergibt, der wird im Geschosshagel sterben.

Der Zeitpunkt für die mörderische Militäraktion könnte kaum günstiger sein. Die US-Außenpolitik ist in Frustration und Lähmung erstarrt. Präsident Barack Obama will seine Amtszeit noch ohne größere Turbulenzen zu Ende bringen, während seine Landsleute im Bann des Nachfolgeduells zwischen Donald Trump und Hillary Clinton stehen. Europa ist absorbiert von eigenen Dramen – den Terrorserien in Frankreich und Deutschland sowie der Flüchtlingskrise. Ähnlich abgelenkt agieren auch die regionalen Unterstützer der Rebellen. Saudi-Arabien ist in einem blutigen und kostspieligen Krieg gegen seinen südlichen Nachbarn Jemen verstrickt. Und die Türkei wird nach dem gescheiterten Militärputsch von drakonischen innenpolitischen Säuberungen geschüttelt.

Dem Assad-Regime und seinen Verbündeten bieten diese Wirren nahezu freie Hand, die syrische Machtlandschaft bis Ende des Jahres in ihrem Sinne zu planieren. Durch eine Rückeroberung Aleppos könnte das Regime seinen bisherigen Zweifrontenkrieg gegen moderate Rebellen und Dschihadisten beenden und durch eine einzige Front gegen die Terrorbrigaden von Al Nusra und IS ersetzen. Die moderate Opposition, deren Aufstand 2011 einen friedlichen Machtwechsel erzwingen wollte, wäre zerschmettert, die Genfer Gespräche am Ende. Eine komplette Kontrolle über Aleppo wäre für Baschar al-Assad die wichtigste politische Überlebensgarantie, auch im Blick auf die mögliche Obama-Nachfolgerin Hillary Clinton, die für ihre Syrienpolitik bereits einen schärferen Anti-Assad-Kurs ankündigte. Denn das Ende der moderaten Opposition ließe den USA für das Jahr 2017 nur noch eine einzige Option – die kürzlich mit Moskau vereinbarte Militärkooperation gegen Al Nusra und „Islamischen Staat“. Dann aber wäre Washington nichts weiter mehr als ein neues Mitglied der Pro-Assad-Allianz.

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02.08.2016, 06:00 Uhr
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