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Klau auf dem Bergfriedhof: Freche Rehe oder scheue Diebe?

Blumengestecke vom Grab klauen – wer macht sowas? Eine trauernde Mutter aus Tübingen berichtet

Wenn auf dem Friedhof Blumen verschwinden, wird zwar nicht die Ruhe der Toten, aber zumindest die der Hinterbliebenen gestört. So wandte sich eine trauernde Mutter, die schwer am Tod ihrer Tochter zu tragen hat, ans TAGBLATT.

25.11.2017
  • Ulla Steuernagel

Einen kleinen Trost bietet und bot ihr der tägliche Gang zum Friedhof und auch der Blumenschmuck für ihre erst kürzlich verstorbene Tochter, Nach der Trauerfeier waren die prächtigen Gebinde auf dem allgemeinen Platz bei der Urnengemeinschaftsgrabstätte abgelegt worden.

Die Mutter erfreute sich an einem schönen Kranz aus weißen Orchideen, an den großen Sonnenblumensträußen und einem üppigen, bunten Blumengesteck. Jeden Tag besuchte sie den Platz, an dem sie lagen, ganz in der Nähe des zukünftigen Urnengrabs ihrer Tochter. Doch fünf Tage nach der Trauerfeier herrschte plötzlich gähnende Leere, wo vorher bunte Blütenpracht war.

Dass die Friedhofsgärtner den Grabschmuck bei Aufräumarbeiten weggeworfen hätten, sei ausgeschlossen, so die Frau, die ihre Trauer nicht ausstellen und deshalb ihren Namen nicht genannt haben will. „Die Blumen waren kein bisschen verwelkt.“ Die Frau kann sich das Verschwinden des Blumenschmucks nur als Diebstahl erklären, zumal das Plündern keineswegs aufhörte. Eine Vase, die sie von zu Hause mitgebracht hatte –„Ich wollte meinem Kind doch die Blumen nicht in einem Einmachglas hinstellen!“ –, verschwand; eine Kerze, die Kinder ihrer Tochter gewidmet hatten, ebenfalls. Vergangene Woche tauschte sie Verblühtes aus einem Korb auf der Gemeinschaftsablage gegen kleine rote Winterbeerenbüsche aus. Nach zwei Tagen schaute sie verblüfft in die leeren Pflanzlöcher. Ein Anruf bei der Friedhofverwaltung ließ sie eher ratlos zurück. Es müsse sich wohl um gefräßige Rehe handeln, wurde ihr beschieden. Am Tag ihrer telefonischen Beschwerde fand die Frau die vermissten Pflanzen jedoch nachmittags wieder an ihren angestammten Platz zurückgekehrt. „Das muss das gleiche Reh gewesen sein“, sagt sie sarkastisch. Diese wundersame Pflanzenrückkehr sei doch kaum zu glauben. Es habe sie fast der Schlag getroffen, und es sei dies gewiss keine Einbildung von ihr, so versichert sie.

Dabei sind die allgemeinen Ablegeflächen, die zu der Gemeinschaftsanlage „Mein letzter Garten“ gehören, keineswegs kahl gefressen oder vom gesamten Blumenschmuck befreit. Es stehen schon noch Schalen von anderen Trauerfeiern dort, doch sie enthalten eher typische Friedhofsgestecke mit Chrysanthemen und unverwüstlichem Dauerkraut. Die Räuber scheinen zwar pietätlos, aber zugleich wählerisch zu sein. Und egal, ob diebische Rehe oder lichtscheue Diebe, sie mögen auf jeden Fall frische Blütenpracht.

In der Derendinger Gärtnerei Stephan kennt man sich auf vielen Friedhöfen, so auch auf dem Bergfriedhof, aus. Auch wenn Seniorchef Karl-Martin Stephan bescheiden anmerkt: „Ich mach das Geschäft erst seit 47 Jahren!“ Die Gärtnerei hat um die 1000 Einzelgräber in Pflege und bepflanzt darüber hinaus auch viele Gemeinschaftsflächen. Nach Stephans Einschätzung hat der Grabraub in den letzten Jahren eher nachgelassen. Ein Grund könnte sein, dass die Diebe schleckig sind. Und für Grabschmuck werde heutzutage oft nicht mehr sehr viel ausgegeben. Preiswerte Gestecke verlocken weniger zum Klauen. Potenziellen Räubern fällt es vermutlich auch leichter, sich bei einer Gemeinschaftsbegräbnisstätte zu bedienen und davon gibt es immer mehr. „Bei Ablegestellen, bei denen alles zentriert ist, trauen sich die Diebe, eher zuzugreifen.“ Auch wenn es sich um einen persönlichen Kranz mit Schleife handelt? „Mit Schleife?“, fragt der Gärtner ungläubig. „Das hab ich noch nie erlebt.“ Dass angestellte Friedhofsmitarbeiter sich bedienen könnten, hält er für völlig ausgeschlossen. Für sie legt er die Hand ins Feuer. „Da bin ich mir 150-prozentig sicher.“

Stephan weiß, dass Rehe manche Pflanzen sogar mit Stumpf und Wurzelballen herausrupfen. Und auf Anruf wieder einsetzen? Seiner Theorie nach hat ein Mitarbeiter vom Verschwinden gehört und eigenverantwortlich eine neue Pflanze gesetzt. Das wäre dann kein Schuldbekenntnis, sondern ein Zeichen des Mitgefühls.

Die verschwundenen Gestecke, der Kranz, die Vase und die Kerze sind jedoch nicht wieder aufgetaucht. Räuberische Rehe waren hier wohl nicht tätig, das sieht ganz nach den Spuren von Menschen aus, die keine Achtung vor der Trauer anderer haben.

Was sagt der Friedhofsverwalter dazu?

Bernd Walter ist der Leiter der Friedhofsverwaltung. Ob er von Pflanzendiebstählen auf dem Bergfriedhof weiß? „Bei mir kommt in letzter Zeit relativ wenig davon an“, sagt Walter. Es hätte schon schlimmere Jahre gegeben, als beispielsweise in Lustnau ganze Gräber leergeräubert wurden. Er rät allen betroffenen Angehörigen, sich bei der Verwaltung zu melden und dieDiebstähle anzuzeigen.

Dass seine Friedhofsgärtner Gestecke entfernen, die noch frisch sind, hält er für ausgeschlossen. Und was sie entfernen, weil es ihnen verwelkt erscheint, aber von Angehörigen noch beansprucht werden könnte, werde nicht weggeworfen, sondern lande in einer Pflanzenkiste und kann wieder abgeholt werden.

Dass Besucher eher mal etwas von Gemeinschaftsgräbern als von Einzelgräbern mitgehen lassen, dieses Problem sei allgemein bekannt.

Auch Rehe stehen für Walter als Missetäter im Verdacht. „Die ziehen auch manchmal einfach nur was raus!“, so beobachten die Friedhofsmitarbeiter regelmäßig. Vielleicht habe ein aufmerksamer Gärtner das Rausgerissene dann wieder eingesetzt. Diese Möglichkeit könnte laut Walter das Wiederauftauchen der verschwundenen Pflanzen erklären.

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25.11.2017, 01:00 Uhr
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