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Niederlande

Blonde Stimme der Verlierer

Geert Wilders tritt öffentlich kaum auf. Der Populist, der die Schließung aller Moscheen fordert, verspricht im Wahlkampf, den Menschen ihr Land zurückzugeben.

08.03.2017
  • CHRISTOPH DRIESSEN, DPA

Spijkenisse. Auf dem Marktplatz von Spijkenisse bei Rotterdam sieht Holland so aus, wie man es sich vorstellt. In der Mitte eine Backsteinkirche und ringsum eng aneinandergeschmiegte Häuser mit großen Fenstern. Und doch ist irgendetwas anders als sonst. Denn mit einem Mal wimmelt es von Reportern. Fernsehteams bringen Kameras in Stellung. Eine Radiojournalistin nimmt ein Interview auf. „Wissen Sie, dass heute Geert Wilders hierher kommt?“, fragt sie eine Frau. Nein, das weiß sie nicht. Und auch der nächste Passant hat nichts gehört. Geert Wilders kommt ohne Anmeldung.

Wenn er sich überhaupt in die Öffentlichkeit wagt, dann fällt er plötzlich irgendwo ein – aus Sicherheitsgründen: Der Rechtsaußen der niederländischen Politik gilt als hochgradig anschlagsgefährdet. Und dies nicht erst, seit er ein Verbot des Koran und die Schließung aller Moscheen in den Niederlanden fordert. Seine Auftritte kündigt der Populist lieber nicht an. Nur die Presse weiß stets Bescheid.

Ein erklärter Wilders-Fan ist Aad Stoutjesdijk (64), der auf dem Markt Computerzubehör verkauft. Er hält einen Zettel hoch, auf dem Wilders mit seiner charakteristischen Haartolle abgebildet ist, daneben der Slogan: „Nederland weer van ons“ (Die Niederlande müssen wieder uns gehören). Früher hat Stoutjesdijk seine Stimme immer der Partei der Arbeit gegeben. Rotterdam war jahrzehntelang eine Bastion der Sozialdemokraten. Doch für die Parlamentswahl am 15. März sagen die Umfragen ihnen nur noch 7 bis 10 Prozent voraus. Wilders dagegen könnte mit bis zu 20 Prozent womöglich stärkste Kraft werden.

Die Randbezirke von Rotterdam sind eine Hochburg seiner Partei für die Freiheit (PVV), die nur aus einem einzigen Mitglied besteht: ihm selbst. Seine Unterstützer mögen Freiwillige, Sponsoren und auch Mitglieder der PVV-Parlamentsfraktion sein. Parteimitglieder sind sie nicht. Das sichert dem 53-Jährigen das alleinige Sagen und verhindert Flügelkämpfe wie etwa bei der AfD in Deutschland.

Wilders spreche aus, was die Leute wirklich dächten, sagt Stoutjesdijk. „Es ist doch so: Wir leben hier in den Niederlanden, wir haben eine niederländische Kultur, und die wollen wir behalten. Nicht wir müssen uns an die Gäste anpassen, sondern die Gäste an uns.“ Die etablierten Parteien hätten leider kapituliert: „Wilders ist meine letzte Hoffnung.“ Seine Stammkunden Alex Nusink (63) und Wil Offerhuis (61) stimmen ihm zu.

Provozieren und Themen setzen

Wilders bestimmt seit über zehn Jahren die politische Tagesordnung mit: Er sagt oder twittert etwas Provozierendes, die anderen Parteien reagieren, viele regen sich auf. Und schon spricht alles nur noch über ihn. Zwar hat Wilders noch nie selbst regiert. Bei einem Kongress europäischer Rechtsparteien in Koblenz war er im Januar jedoch mit der französischen Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen der Star. Mit dem Slogan „Europa braucht Frauke statt Angela“ löste er Begeisterungsstürme bei Anhängern von AfD-Chefin Frauke Petry aus.

Wilders-Wähler leben oft in ihrer eigenen Welt. Untersuchungen haben gezeigt, dass sie ihre Zukunft pessimistisch einschätzen und Angst vor Veränderungen haben. Viele wohnen in stagnierenden Industriegebieten oder auf dem Land, wo die Jungen wegziehen. Sie fühlen sich als Verlierer. Auf dem Wilders-Reklamezettel steht deshalb nicht nur „Der Islam gehört nicht zu den Niederlanden“, sondern auch: „Rente ab 65“, „Mehr Personal in der Pflege“ und „Niedrigere Mieten und Steuern“. Diese Mischung aus rechten Parolen und klassischen linken Forderungen betrachten Politologen als das Erfolgsrezept von Wilders.

Inzwischen tut sich etwas am Ende des Platzes. Vom Kirchturm schlägt es elf Uhr. Pünktlich biegt Wilders um die Ecke, umgeben von finster dreinblickenden Leibwächtern. Ob die Lage in den Niederlanden denn wirklich so schlecht sei, wird er gefragt. Das Land zähle doch zu den reichsten der Welt. Wilders spricht lieber über sein Lieblingsthema: „Schauen Sie sich die Islamisierung an!“ Schnell hat sich der Politiker in Fahrt geredet. Er spricht von „marokkanischem Abschaum“. Und von jugendlichen Straßenräubern, gegen die nichts getan werde. Seine Botschaft: „Wir werden am 15. März – wenn Sie uns Ihre Stimme schenken – die Niederlande den Niederländern zurückgeben.“

Doch selbst Anhänger Stoutjesdijk hat Bedenken. Wenn Wilders sich nicht mäßige, werde seine Partei nicht stärkste Kraft. Umfragen deuteten bereits darauf hin. Doch die anderen Parteien wollen keine Koalition mit ihm bilden. Christoph Driessen, dpa

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08.03.2017, 06:00 Uhr
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