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Stadtführung

Blind durch Hamburg

Christian Ohrens führt Menschen mit verbundenen Augen durch die Großstadt. Die bekommen dabei überraschende Einblicke.

14.10.2019

Von KNA

Etwas mulmig ist mir schon, als ich mich auf den Weg zum Hamburger Hauptbahnhof mache. Mich durch die Menschenmassen in der Bahnhofshalle zu zwängen, fällt mir schon als Sehender schwer. Wie soll ich diesen Weg gleich mit verbundenen Augen nehme? Schaffe ich es, ohne meinen Sehsinn, eine Straße zu überqueren? Und gelingt mir zum richtigen Zeitpunkt der Absprung von der Rolltreppe?

Mein Stadtführer Christian Ohrens ist seit seiner Geburt blind und führt seit zwei Jahren Einheimische und Touristen mit verbundenen Augen durch Hamburg. „Ich möchte den Leuten zeigen, wie wir Blinden die Welt sehen“, sagt er. Christian erklärt mir mit kräftiger Stimme, wie ich den Blindenstock benutze: auf Brusthöhe einstellen und nicht mehr als schulterbreit pendeln. „Sonst kriegst Du einen Tennisarm.“

Dann setzt er mir auch schon die Augenbinde auf. Ich hake mich mit meinem linken Arm bei Christian ein, und wir gehen los. Der Rollentausch ist perfekt: Während in vielen Situationen die Blinden auf die Hilfe von Sehenden angewiesen sind, muss ich mich nun voll auf meinen blinden Führer verlassen.

Was ich in der Bahnhofshalle wahrnehme, überfordert mich. Ich höre die Menschen in verschiedenen Sprachen reden, das Rattern der Rollkoffer dröhnt in meinen Ohren, ich spüre den Wind, der von den Bahnsteigen heraufzieht, und rieche den Duft von Blumenläden und Bäckereien – Reize, die ich sonst kaum wahrnehme. Unser Spaziergang kommt mir vor wie eine Achterbahnfahrt, und ich bitte Christian, das Tempo etwas zu drosseln. „Aber wir gehen doch schon ganz langsam“, entgegnet er.

Wir müssen eine vierspurige Straße überqueren. Es gibt zwar eine Ampel. Die sendet aber kein akustisches Signal. „Du musst hören, wann die Autos anhalten“, erklärt mir Christian. Der Verkehrslärm verstummt. Wir laufen los. Doch noch bevor wir den Bürgersteig auf der anderen Straßenseite erreichen, höre ich, wie die ersten Autos wieder anfahren und bekomme Panik. „Einfach weitergehen“, beruhigt mich Christian. Stört es ihn, wenn die Ampeln nicht mit Signalanlagen ausgestattet sind? Nein, sagt er. „Mein Anspruch ist, im Alltag ganz normal zurechtzukommen.“

Sein größtes Problem ist nicht etwa, dass er zu wenig Unterstützung bekommt, sondern eher zu viel. Sein Appell: „Wer einen Blinden sieht, sollte zunächst einmal fragen, ob er überhaupt Hilfe braucht und wenn ja, welche.“

Bei einem kleinen Einkaufsbummel sind alle meine Sinne gefragt: Die meisten Verkäufer nehmen uns freundlich auf. Nur in einem Modegeschäft will uns der Türsteher nicht reinlassen. Wir würden den Betriebsablauf stören, erklärt er.

Nach der eineinhalbstündigen Tour bin ich um zwei Erkenntnisse reicher: Ich habe gelernt, dass meine übrigen vier Sinne wesentlich stärker ausgeprägt sind, als ich dachte. Und ich weiß jetzt, dass Menschen ohne Augenlicht deutlich selbstständiger sind, als ich zuvor annahm. Wenn ich demnächst wieder einen Blinden sehe, werde ich nicht böse sein, wenn er meine angebotene Hilfe ablehnt. kna

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Erstellt:
14. Oktober 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
14. Oktober 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 14. Oktober 2019, 06:00 Uhr

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