Kriminalität

Bitte um Entschuldigung

„Bis ins Mark erschüttert“ ist Bischof Fürst vom Ausmaß des sexuellen Missbrauchs an Kindern in der Kirche. Er bietet jedem Opfer Gespräche an und hofft, in Sachen Prävention auf dem richtigen Weg zu sein.

18.09.2018

Von LSW

Zwischen Bestürzung und Entschuldigung: Monika Stolz, Bischof Gebhard Fürst und Sabine Hesse (von links). Foto: Marijan Murat/dpa

Stuttgart/Freiburg. Der massenhafte Kindesmissbrauch durch Geistliche hat Gebhard Fürst, katholischer Bischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, nach eigenen Worten schwer erschüttert. Er bat die Opfer gestern erneut um Entschuldigung mit Blick auf das Bekanntwerden erster Details einer bundesweiten Studie zum Kindesmissbrauch durch Kleriker. „Noch immer bin ich bestürzt über die große Anzahl der Taten und der Täter, aber auch über die Last der Schuld in unserer Kirche“, sagte Fürst in Stuttgart.

Die Deutsche Bischofskonferenz will die Studie „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige“ am 25. September vorstellen. Vorab war bekannt geworden, dass sie für die Zeit von 1946 bis 2014 sexuelle Vergehen an 3677 überwiegend männlichen Minderjährigen protokolliert.

Die Kommission sexueller Missbrauch der Diözese listet knapp 150 Vorwürfen möglicher Opfer gegen Geistliche und Laien auf. Teils reichen diese bis in die 40er Jahre zurück. Etliche Fälle stammen den Angaben der Diözese zufolge aus Kinderheimen der 60er Jahre. Eine überwiegende Zahl der Meldungen ging in den Jahren 2011 bis 2013 ein. Wie viele Opfer sich nie meldeten, wird ewig im Dunkel bleiben.

Spannen unter der Dusche

Als mögliche Täter wurden 70 Priester und zwei Diakone der Diözese ausgemacht – von denen 45 bereits gestorben sind. Ihre Vergehen reichen vom Spannen unter der Dusche bei Freizeiten bis zu sexuellen Übergriffen. Schwerer sexueller Missbrauch im Sinne von Vergewaltigung sei der Diözese nicht bekannt, hieß es. Jedoch habe es elf schwere Fälle gegeben, die der Kongregation für die Glaubenslehre in Rom gemeldet werden mussten. Zwei Kleriker wurden ihres Amtes enthoben. In den anderen neun Fällen wurden sogenannte Verweise ausgesprochen, die laut Diözese mit Gehaltseinbußen für bis zu fünf Jahre einhergingen. Für alle mutmaßlichen Täter und einige Beschuldigte seien psychiatrische Gutachten angefordert worden, um Fragen möglicher Therapien und der Weiterbeschäftigung zu klären.

Laut Fürst war die Diözese Rottenburg-Stuttgart bundesweit Vorreiter bei der Aufarbeitung. Vor 16 Jahren wurde die Kommission sexueller Missbrauch eingerichtet. Aktuell wird sie von der ehemaligen Landesministerin Monika Stolz geleitet. Sie nimmt alle Hinweise zu sexuellem Missbrauch an Minderjährigen durch Kleriker, Ordensangehörige oder andere Mitarbeiter der Kirche entgegen. Fürst erfüllt persönlich jeden Gesprächswunsch.

„Selbst die beste Prävention wird sexuellen Missbrauch nicht verhindern können“, sagte die Präventionsbeauftragte der Diözese, Sabine Hesse. Sie leitet eine Stabsstelle, die 2012 dauerhaft im Bischöflichen Ordinariat eingerichtet wurde. Es brauche Achtsamkeit auf allen Ebenen. Allein das Sprechen über sexuellen Missbrauch und Prävention sorge dafür, „dass das von Tätern auferlegte Schweigen gebrochen und die Tabuisierung aufgehoben wird“, sagte Hesse. „Deshalb kann auch die Zunahme von Anzeigen ein gutes Zeichen sein.“

Die Erzdiözese Freiburg will sich vorerst nicht äußern. „Wir kennen die Zahlen und Ergebnisse noch gar nicht und werden daher die Präsentation der Studie am 25. September abwarten“, sagte gestern der Sprecher der Erzdiözese, Michael Hertl. Erst nach Bekanntgabe der Studie könne man adäquat reagieren. Klar sei aber: „Wir sind bestürzt über die Zahlen und Fakten, die nun bekannt werden“, sagte Hertl. Die Freiburger Erzdiözese werde prüfen, welche Konsequenzen sie aus den Vorfällen ziehen müsse. dpa

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Erstellt:
18. September 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
18. September 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 18. September 2018, 06:00 Uhr

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