Übrigens

Bitte nur etwas mit Tod

Neulich im Tabakgeschäft. Der Mann vor uns verlangt eine Packung Zigaretten, die Verkäuferin reicht sie ihm, der Mann mustert sie, gibt sie wieder zurück: „Haben Sie nicht eine andere?“

20.09.2016

Von Peter Ertle

Es war nicht so, dass sie ihm die falsche Marke gegeben hatte. Was ihm nicht gefiel, war das Bild auf der Packung. Obwohl das Bild im Vergleich mit vielen der anderen Schockbilder auf Zigarettenpackungen wenig schockierend war: Es war dort lediglich ein nackter Mann zu sehen, weder anzüglich oder obszön, noch anatomisch-naturwissenschaftlich korrekt à la Da Vinci, sondern auf der Seite liegend, die Beine angezogen, das Geschlecht verborgen.

Darüber der Spruch: „Rauchen mindert Ihre Potenz.“ Das Bild allein vermittelt das nicht, man muss schon den Spruch hinzu nehmen, um einen in Jammer oder Scham gekrümmten Mann darin sehen zu wollen, im Prinzip ein bisschen misslungen. Wie auch immer: Als der Mann eine andere Packung erhalten und den Laden verlassen hatte, fragte ich nach und erfuhr: Dieser Mann sei kein Einzelfall. Na, lachte ich, das sei ja wieder typisch, dass Männer eher mit Bildern von offenen Beinen und verkrebsten Kehlköpfen leben können als mit Hinweisen auf Impotenz. Nein, sagte sie, es gehe ihrer Erfahrung nach gar nicht so sehr um Impotenz. Es sei das Bild. Männer wollen keine nackten Männer auf ihren Zigarettenschachteln. Das wirke irgendwie schwul.

Sie erzählte weiter: Eine Kundin habe sie, die wolle ausschließlich Zigarettenschachteln, auf denen im Warnspruch das Wort Tod vorkomme. „Gefährdet das Leben ihrer Kinder“ oder „Macht impotent“, „Erhöht das Risiko von Gefäßerkrankungen“ sei ihr alles zu larifari, bei ihr müsse es klipp und klar heißen „ist tödlich“, alle anderen Schachteln gebe sie zurück. Die Frau rauche besonders starke Zigaretten. Und sie sei meist dunkel gekleidet. Sie sei vermutlich ganz vernarrt in den Tod. Außerdem habe sie viel Humor. Schwarzen Humor? „Überhaupt Humor“, antwortete die Tabakwarenverkäuferin.

Einen rauchenden Chirurg habe sie, der verlange nur Bilder mit geöffneten Brustkörben. Jeder habe eben so seine Vorlieben. Obwohl das mit dem Tod und den Brustkörben schon Einzelfälle seien. Aber dass Packungen mit besonders ekligen Bildern zurückgegeben und andere verlangt würden, sei an der Tagesordnung.

Auch berichtete sie von Hamsterkäufen jener Schachteln, die noch keine Bilder, sondern nur Sprüche hätten. Und dass manche Kunden die Packung gleich in ein Stofftäschchen oder ein Aluminiumdöschen umpacken. Die abschreckenden Bilder bringen die Raucher also tatsächlich auf Trab. Allerdings nicht in die von der EU erhoffte Richtung. Eher werden Erfindungsreichtum, Spieltrieb und Trotz herausgefordert. Dass weniger geraucht wird – ist nicht absehbar.

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Erstellt:
20. September 2016, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
20. September 2016, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. September 2016, 01:00 Uhr

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