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Im Schindhau-Wald werden jetzt die militärischen Altlasten erkundet

Bisher kein gefährliches Zeug

Gefährlich oder nicht? Welche Kampfmittel schlummern im Untergrund des Schindhau-Waldes? Das wird jetzt genauer untersucht. Ergebnisse der technischen Erkundung, die noch Wochen dauern kann, werden Ende des Jahres erwartet.

31.05.2013

Von Hans-Jörg Schweizer

Tübingen. Sonnwendfeier im Salzgarten – wenn alles glatt geht, könnte das im Juni wieder möglich sein. Die idyllische Lichtung südlich der einstigen Hindenburg-Kaserne wird derzeit von militärischen Altlasten gereinigt. Luftbilder hatten gezeigt, dass dort bei Kriegsende hektisch einige Deckungslöcher verfüllt worden waren. Ein Hinweis darauf, dass deutsche Soldaten womöglich eilig Waffen und Munition vor den anrückenden Alliierten versteckten.

Im Schindhau werden militärische Altlasten erkundet
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Schon vor 115 Jahren wurde im Schindhau bei Tübingen geschossen. Jenseits der einstigen Hindenburg-Kaserne findet man Munitionsreste aus Kaisers Zeiten, von Weltkriegs-Soldaten und von den Übungen der französischen Garnison. Nach Jahren der Archivrecherche und Luftbildauswertung wurde im Mai 2013 mit der technischen Erkundung im Wald begonnen.

© Video: Hans-Jörg Schweizer 04:07 min

Weil die genauen Stellen bekannt sind, wird im Salzgarten jetzt gezielt gebaggert. „Bisher haben wir aber Gott sei Dank nichts sehr Gravierendes gefunden“, berichtet nach den ersten Tagen der Altlastenerkundung Stefan Rohlfs vom zuständigen Bundesforstbetrieb Heuberg. Lediglich einige Artillerie-Simulationsgeschosse der Nato – Kaliber 14,5 Millimeter – seien zum Vorschein gekommen. Nicht aber die befürchtete scharfe Weltkriegsmunition. Das Tübinger Ordnungsamt könne den seit 2012 gesperrten Bereich der Grillstellen neben der Panzerstraße hoffentlich bald wieder freigeben, sagt Rohlfs.

Der Salzgarten ist nur ein Teil der Fläche, die seit Mitte Mai von drei Zweiertrupps der Kampfmittelräumungsfirma sondiert wird. Das Gelände, auf dem zuletzt bis Ende der 1980er Jahre die französische Armee Übungsmunition verschossen hat, reicht von der Reutlinger Straße bis zum Natursteinpark und vom Wennfelder Garten bis an die Kusterdinger Gemarkungsgrenze.

Ferromagnetischer Beifang: Jeder Nagel einer im Grillfeuer verbrannten Holzpalette wird vom Metalldetektor ebenso angezeigt wie eine gefährliche Patrone aus dem Weltkrieg. Bild: Schweizer

Geschossen wurde dort schon lange, bevor die Franzosen übten. Die militärischen Altlasten reichen zurück bis ins 19. Jahrhundert: Bereits 1898 gab es einen Schießstand im Wankheimer Tal. Ein fächerförmiger Bereich, ausgehend von einer Stelle hinter der Wagenburg Richtung Osten, ist jetzt ein Schwerpunkt der Erkundung. Auch am alten Schießstand beim Natursteinpark wurde mindestens seit Wehrmachtszeiten geschossen. An der alten Wankheimer Steige hat man auf Luftbildern drei Bombenkrater entdeckt, was eine gewisse Wahrscheinlichkeit für Blindgänger bedeutet.

All das sind Ergebnisse der historischen Erkundung, also der Auswertung von Archivmaterial. Auf dieser Grundlage werden jetzt 51 Testfelder angelegt, über das ganze Waldgebiet verteilt und je 20 mal 20 Meter groß. Die Spezialisten suchen nun jedes akribisch mit dem Magnetometer ab, wobei eine Karte ferromagnetischer Anomalien entsteht. Darauf sind noch Metallteile erkennbar, die in mehreren Metern Tiefe liegen. Das interessanteste Fünftel jedes dieser Testfelder wird schließlich aufgegraben. Auf Basis dieser punktuell sehr präzisen Erkenntnisse können die Experten später mit statistischen Methoden auf die Wahrscheinlichkeit verborgener Munition im gesamten Gebiet schließen.

Räumstellenleiter Torsten Merz (rechts) und der örtliche Bauleiter Holger Kiehl schreiten mit einem Gradiometer zur Magnetfeldmessung und einem Metalldetektor das Testfeld zur Suche nach Kampfmitteln ab. So bequem wie auf dieser Wiese geht das angesichts der Gemeinheiten des Geländes im Schindhau aber nur selten. Bild: Sommer

Ob und wo wirklich Kampfmittel geräumt werden, hängt davon ab, was genau in welcher Tiefe gefunden wird. Eher ungefährliche Munition in fünf Metern Tiefe würde wohl nicht geräumt, „gefährliches Zeug direkt unter der Grasnarbe“ aber freilich sofort, so Rohlfs: „Es ist eine Gratwanderung“ – maximale Sicherheit gewährleisten und so wenig Steuergeld wie möglich ausgeben.

Mehrmals haben in den vergangenen Jahren Kinder beim Spielen Gewehrmunition und Reste detonierter Übungsgranaten gefunden – auch schon außerhalb des erkundeten Gebietes. Einmal brachte ein Junge sogar eine noch nicht explodierte reaktionsfähige Übungshandgranate mit nach Hause. Es wurden sogar schon Mörsergranaten gefunden, sagt Rohlfs, obwohl solche laut Archivrecherche hier nie verschossen wurden. Trotzdem sagt Rohlfs: „Das sind 120 Hektar – da können Sie nicht alles auf den Kopf stellen. Man muss die Gefahr ernst nehmen, darf sie aber nicht überdramatisieren.“

Im Salzgarten (1) wurden bei der Auswertung alter Luftbilder Deckungslöcher gefunden in denen brisantes Material liegen könnte. Am Lärchenweg (2) hatte die Französische Garnison eine kleinere Schießbahn, eine größere betrieben die Franzosen im Wankheimer Täle (3) hinter der Wagenburg. Auf Kusterdinger Markung liegt ein Areal an der Wankheimer Steige (4), wo laut Luftbildanalyse im Krieg Bomben niedergegangen sind. Auch am alten Gewehrschießstand (5) beim Natursteinpark könnte Munition mindestens seit Wehrmachtszeiten zu finden sein.

Man habe zunächst nicht die direkte Gefahr gesehen, um gleich alles abzusperren, sagt Tübingens Ordnungsamtschef Rainer Kaltenmark: „Nach mehreren Funden haben wir aber mehr Druck aufgebaut und wollten es genau wissen: Gefahr oder nicht?“ Trotz erneuter Zufallsfunde bis ins Jahr 2012 wollten die Verantwortlichen beim Bundesforst aber die Endergebnisse der historischen Erkundung abwarten, um nicht aufs Geratewohl zu suchen. Das Archivmaterial bestätigte aber den Verdacht, sodass im Frühjahr 2012 die potenziell gefährlichen Bereiche im Naherholungsgebiet mit Schildern gesperrt wurden.

Dass es seither nochmal so lange gedauert hat, bis mit der technischen Erkundung begonnen wurde, schreibt Rohlfs der engen Marktlage zu: Von 50 möglichen Räumfirmen hätten nur zwei ein Angebot abgegeben. Zum Zuge kommen jetzt für einen höheren fünfstelligen Betrag die Firma Schollenberger und das Ingenieurbüro Döring. Und wenn sie was Brisantes finden? Dann rücken die Kampfmittelbeseitiger des Regierungspräsidiums Stuttgart an.

Schon als die Franzosen 1991 den Schindhau ans Bundesvermögensamt zurückgaben, wurde das Areal auf militärische Altlasten untersucht, sagt Stefan Rohlfs vom Bundesforstbetrieb Heuberg – allerdings mit damaliger Technik. Heute gibt es mit hochempfindlichen Messungen des Erdmagnetfeldes viel bessere Möglichkeiten, um metallene Gegenstände in mehreren Metern Tiefe aufzuspüren. Zudem sind jetzt Archive der Alliierten einsehbar, in denen genau recherchiert werden kann, wo Gefährliches zu finden sein dürfte. In Ostdeutschland hat man zudem bei der Sanierung sehr stark belasteter russischer Militärareale wertvolle Erfahrungen gesammelt.

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Erstellt:
31. Mai 2013, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
31. Mai 2013, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 31. Mai 2013, 12:00 Uhr

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