Läutern und erneuern

Bischof Fürst will Ortskirche aus der Krise führen

Von Gert Fleischer

Einen umfassenden Erneuerungsprozess kirchlichen Lebens in der Diözese Rottenburg-Stuttgart kündigte Bischof Gebhard Fürst am Donnerstag bei seinem Neujahrsempfang in Stuttgart an.

Bischof Fürst will Ortskirche aus der Krise führen

Der Rottenburger Bischof Gebhard Fürst gestern bei seinem Neujahrsempfang im Forum der Landesbank Baden-Württemberg in Stuttgart. Bild: www.drs.de

Stuttgart. An die 400 Gäste, vor allem aus dem kirchlichen Bereich, folgten trotz gefährlicher Straßenverhältnisse Fürsts Einladung ins Forum der Landesbank Baden-Württemberg. Generalvikar Clemens Stroppel begrüßte zudem Hubert Wicker, den Chef der Staatskanzlei und Kirchenbeauftragten der Landesregierung, als Vertreter von Stefan Mappus. Einige Bundes- und Landtagsabgeordnete waren zu sehen, besonders auffälliges Händeschütteln erlebte Winfried Kretschmann, der Fraktionsvorsitzende der Grünen im Landtag. „Der designierte Ministerpräsident“, raunte ein Gast.

2010 sei „alles andere als ein einfaches Jahr“ für die Kirche gewesen, sagte Bischof Gebhard Fürst, und das hatte seinen Grund besonders in den Fällen sexuellen Missbrauchs, begangen durch Priester und Ordensleute. Die Aufdeckung solcher Übergriffe und Verbrechen „wuchs sich zu einem bisher nicht gekannten öffentlichen Skandal für unsere Kirche aus“, sagte Fürst. Die katholische Kirche „geriet in die größte Vertrauenskrise hinein, seit ich denken kann“. Fürst: „Wir müssen angesichts dessen, was geschehen ist, in aller Demut um Vergebung bitten.“

Klerus zu 99 Prozent ohne Missbrauchs-Schuld

Die Öffentlichkeit habe meist übersehen, dass es in der Ortskirche Rottenburg-Stuttgart schon seit 2002 eine unabhängige, von Fürst eingesetzte Kommission gibt, die Missbrauchsanzeigen nachgeht. In den meisten Fällen sei die Staatsanwaltschaft hinzugezogen worden. „Die Täter“, sagte Fürst, „wurden und werden zur Rechenschaft gezogen und aus ihrem Dienst abgezogen.“ Den Opfern müsse Gerechtigkeit widerfahren.

Trotz allem: „Nach heutigem aufrichtigen Wissensstand“ seien „99 Prozent des Klerus der Diözese Rottenburg-Stuttgart frei von dieser schweren Schuld“, sagte Fürst. Selbst wenn es manche nicht für angemessen hielten, wolle er fragen: „Wer ist öffentlicher Anwalt der Opfer, deren Missbrauch außerhalb der Kirche geschehen ist?“

Er frage sich, weshalb es „fast wie ein Tabu behandelt wird, dass der weitaus größere Teil der Opfer mitten in der Gesellschaft zu Opfern sexuellen Missbrauchs wird?“ In den vergangenen fünf Jahren seien jeweils zwischen 13 000 und 18 000 Fälle in Deutschland angezeigt worden. Die Frage, weshalb in einem Großteil der Medien fast nur über die Verfehlungen in der katholischen Kirche debattiert wurde, „beschäftigt mich sehr“, sagte Fürst. Fürst ist Medienbischof der Deutschen Bischofskonferenz.

Weil die Hauptamtlichen der Pastoral vielfach unter Generalverdacht gestellt worden seien und mit Enttäuschung und Selbstzweifeln zu kämpfen hatten, lobte der Bischof den Weihnachtsbrief, in dem der Diözesanrat den Priestern für ihre Arbeit dankte und ihnen das Vertrauen aussprach. Es seien nicht die Missbrauchsfälle allein, hieß es in dem Brief, die die Vertrauenskrise der katholischen Kirche begründeten.

Gestützt auf Papst Benedikt, der eine neue Vision, aber auch Reformen anmahnt, fordert Gebhard Fürst einen „Läuterungs- und einen Erneuerungsprozess unserer Kirche“. Die Ortskirche Rottenburg-Stuttgart werde diesen Erneuerungsprozess dialogisch anlegen und unverzüglich beginnen“. Dabei würden Fragen angesprochen, wie etwa die nach geschiedenen, wiederverheirateten Mitgliedern, nach konfessionsverbindenden Ehen oder nach der Stellung der Frau in der Ortskirche.

Dieser Weg könne nicht von oben verordnet werden, sagte Fürst; er bedürfe der Mitwirkung der getauften und gefirmten Christen. Der Prozess werde im Kontext der Universalkirche vollzogen, doch was die einzelne Ortskirche tun kann, „sollte sie mutig anpacken“.

Die Jugend soll bei der Erneuerung anpacken

Neben den Laien, die in den Räten mitarbeiten und denen Gebhard Fürst ausdrücklich dankte, setzt er auf die Jugend. Die Begegnung mit ihr habe ihn voriges Jahr am meisten Freude und Mut gemacht. Was junge Christen beim Jugendforum in Wernau forderten, habe ihn begeistert. Wolle die Kirche bestehen bleiben, müsse sie sich der Jugend um ihrer selbst willen annehmen. Erfreuliche Zeichen fehlten nicht: 35 000 Minis trant(inn)en gebe es in der Diözese, ihre Zahl nehme seit Jahren zu.

Der Sprecher des Diözesanrats Johannes Warmbrunn übermittelte den Missbrauchsopfern die Anteilnahme des Gremiums und dankte dem Bischof, dass er bei der Behandlung dieser Fälle eine Vorreiter-Stelle eingenommen habe. Der Diözesanrat bekenne sich zur Ehelosigkeit von Priestern, der Zölibat sei eine Kostbarkeit . Aber es gelte auch, die vielen Menschen, die ihren Glauben leben und mitarbeiten wollen und dies nicht dürfen, einzubeziehen, ihnen auch Leitungsaufgaben zu übertragen. Im Verzicht auf diese Energien liege eine „gewaltige, destruktive Kraft, die viel zu sehr unterschätzt wird“.

Vor dem Empfang hatte Bischof Fürst in der Stuttgarter Konkathedrale St. Eberhard Gottesdienst gefeiert. Die musikalische Gestaltung des Empfangs danach leitete der Stuttgarter Domkantor Christian Schmid. Ein Vokalensemble von St. Eberhard sowie einige Mitglieder des Staatsorchesters beeindruckten das Publikum so, dass es einen Extra-Applaus gab.


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07.01.2011 - 12:00 Uhr