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Das rechte Ohr zählt

Bild einer Überwachungskamera soll Unschuld beweisen

Seit Jahren schwört er, dass er unschuldig ist: Andreas Kühn, früher Leibwächter, 2001 wegen Bankraubs und versuchten Totschlags verurteilt. Jetzt soll ihn ein Foto vom rechten Ohr des Täters entlasten.

12.11.2009

Von TATJANA BOIJC, DPA

Heimsheim Seit 2001 weggeschlossen hinter den Gefängnismauern in Heimsheim, wartet Andreas Kühn mit seinem Anwalt Ekkehard Kiesswetter auf ein Wiederaufnahmeverfahren. Eine Freiburger Uni-Anthropologin prüft im Auftrag des Landgerichts Ravensburg, ob der 35-jährige Kühn unschuldig in Haft ist. Bei der Untersuchung geht es um das rechte Ohr des Strafgefangenen. Bei einem der Banküberfälle hatte eine Überwachungskamera Bilder des mit einer Gorillamaske verkleideten Räubers geliefert. Das rechte Ohr des Täters ist auf Film gebannt.

Eine schnelle Entscheidung im "Gorillamaskenfall" wird es aber vorerst nicht geben. Die Gutachterin sollte laut Kiesswetter schon längst ein Ergebnis vorgelegt haben. Nach Auskunft des Ravensburger Gerichts beantragte die Expertin aber nun weiteres Bildmaterial. "Wann der Fall zum Abschluss gebracht wird, wissen wir nicht", sagte der Justizsprecher. Für Kiesswetter ist dies wie ein Schlag ins Gesicht, denn jede Verzögerung bedeutet für seinen Mandanten einen längeren Gefängnisaufenthalt. "Ich werde jetzt wieder Haftverschonung beantragen", kündigt er an.

Dabei gibt es schon ein Gutachten, das sich mit dem Ohr beschäftigt, erstellt vom renommierten Ulmer Anthropologen Friedrich Rösing. "17 Unähnlichkeiten" hatte Rösing festgestellt. "Das ist eine hohe Zahl", urteilte er. Es sei deswegen definitiv auf "Nicht-Identität" zu schließen. Das Oberlandesgericht (OLG) Stuttgart erklärte den Wiederaufnahmeantrag deswegen im Sommer als zulässig, weil es "ausreichend ernsthafte Zweifel an der Richtigkeit der Verurteilung hinsichtlich der Banküberfälle", gebe.

Eine achtjährige Teilstrafe gegen Kühn wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung blieb aber bestehen. Der damals 26- jährige Kühn hatte einen Haftrichter mit einem Brieföffner verletzt und wurde dann von einem Beamten angeschossen. "Er hat die Beherrschung verloren, weil er seine Existenz bedroht sah, da ihm der Haftrichter zehn bis zwölf Jahre Gefängnis voraussagte. Als Unschuldiger geriet er aus der Fassung", begründet Kiesswetter den Ausbruch.

Neben dem Foto galt als Hauptindiz ein Eintrag Kühns in seinem Terminkalender. Dort waren zwei Überfalltage mit einem "Ü" gekennzeichnet. Außerdem wurden in Kühns Wohnung 16 Zeitungsausschnitte über die Überfälle entdeckt. Der Entscheidung des OLG war eine Ablehnung des Wiederaufnahmeverfahrens durch das Landgericht Ravensburg vorangegangen - trotz Rösings Befunde. Der Grund: Da das Foto der Überwachungskamera im früheren Prozess gegen Kühn bereits Beweismittel gewesen sei, läge nichts Neues vor. Die Schlussfolgerungen von Rösing seien nur als "Meinungsäußerung" zu werten.

Kiesswetter legte Beschwerde beim OLG ein und bekam Recht. "Die Hürden für eine Wiederaufnahme sind eine Katastrophe. Das muss dringend geändert werden." Im damaligen Prozess hatte ein Polizeibeamter behauptet, Kühns Ohr und das des Täters auf dem Lichtbild seien identisch. Mit weiteren Indizien wurde Kühn deswegen vom Landgericht Stuttgart verurteilt. Eine Revision verwarf der Bundesgerichtshof. Bundesweit hat es nach Schätzungen von Experten nur zehn Fälle von vergleichbaren Wiederaufnahmeverfahren gegeben. Bis zu drei Prozent der Verurteilten sollen unschuldig sitzen. Zuletzt war der Fall Wörz in den Schlagzeilen. Das Landgericht Mannheim hatte Wörz am 22. Oktober freigesprochen und den Verdacht mit beispielloser Deutlichkeit auf einen Pforzheimer Polizeibeamten gelenkt - den Geliebten von Wörz Frau, die auch Polizistin war. Sie war 1997 mit einem Wollschal beinahe erdrosselt worden. Die Frau ist seither schwerbehindert und kann sich nicht mehr äußern. Wörz war 1998 zu elf Jahren Haft verurteilt, musste seither mehrere Prozesse durchstehen. Der neue Freispruch wird nach der Revision voraussichtlich wieder vom BGH geprüft

Unterstützt wird Kühn auch von seinem Gefängnisbetreuer. Der Unternehmer Rainer Glöckle hatte Kühn, der im Sicherheitsgewerbe selbstständig arbeitete, früher als Leibwächter für Prominente engagiert. Kühn sei unschuldig, ist Betreuer Glöckle überzeugt.

Dasselbe Ohr? Die Bild-Kombination zeigt Andreas Kühn, der 2001 wegen Bankraubs und versuchten Totschlags zu 13 Jahren Haft verurteilt wurde, und rechts das Fahndungsfoto eines mit einer Gorillamaske verkleideten Bankräubers. Fotos: dpa

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Erstellt:
12. November 2009, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
12. November 2009, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. November 2009, 12:00 Uhr

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