Wertvolles Kopernikus-Exemplar bei den "Aschebüchern"

Bilanz des Wiederaufbaus der Herzogin Anna Amalia Bibliothek zehn Jahre nach dem verheerenden Brand

Die Brandkatastrophe ist auch nach zehn Jahren noch immer zu riechen: An den "Aschebüchern" in Weimar haftet der Geruch von Feuer und Rauch.

18.08.2014

Von HANSKARL VON NEUBECK

Weimar Der größte Bibliotheksbrand in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg traf am 2. September 2004 mit der Herzogin Anna Amalia Bibliothek die Bücherregale der deutschen Klassik.

Der bravouröse Einsatz der Feuerwehrleute und zahlloser Helfer verhinderte, dass die Bibliothek damals bis auf die Grundmauern niederbrannte. Obwohl der Schaden katastrophal war, gelang es, das historische Gebäude termingenau binnen drei Jahren wieder erstehen zu lassen.

Langwieriger ist der Wiederaufbau der Bestände. Der erfolgt auf zwei Wegen: entweder durch das Restaurieren beschädigter Bücher oder - wenn möglich - durch die Suche nach Ersatz für verbrannte Exemplare auf dem antiquarischen Markt. Die Kosten dafür werden auf 67 Millionen Euro geschätzt.

50 000 Bücher gingen beim Brand unwiederbringlich verloren. Von den 146 000 Büchern, die gerettet werden konnten, wurden 118 000 durch Feuer, Hitze, Rauch und Löschwasser beschädigt. Davon gelten 25 000 als "Aschebücher": Das Feuer hat sie von außen angesengt oder verkohlt, der Text im Innern dagegen ist glücklicherweise nicht zerstört.

Die "Aschebücher" sind in 10 000 Schachteln deponiert. Erst Ende 2016 werden die Spezialisten alle durchgesehen haben. Besondere Probleme bereiten jene Exemplare, deren Titelblätter verschwunden sind. In diesen Fällen geht es darum, die Bücher zu identifizieren.

Eine freudige Überraschung erlebten die Spezialisten, als beim Öffnen einer Schachtel ein Hauptwerk des Astronomen Nikolaus Kopernikus, eines der wertvollsten Bücher der Weimarer Sammlung, wieder ans Tageslicht kam: "De Revolutionibus Orbium coelestium", in Erstauflage gedruckt im Jahr 1543. Darin entwickelte Kopernikus das neue Weltbild: Nicht die Erde, sondern die Sonne ist das zentrale Gestirn im Universum.

Neun Jahre lang galt dieses Buch als verschollen. Im Bibliothekskatalog hieß es: "vermutlich Verlust bei Bibliotheksbrand 2004". Diese Vermutung lag nahe, weil das Werk ganz in der Nähe des Brandherdes gestanden hatte. Sein Pergamenteinband ist dahin, dennoch kann das 471 Jahre alte Buch als Ganzes bewahrt werden. Von seiner Erstauflage sind weltweit keine 300 Bände mehr erhalten, weshalb bei Auktionen immense Summen bezahlt werden, vor sechs Jahren in New York etwa 1,4 Millionen Euro. Besonderes Augenmerk finden die Kommentare von Lesern, weil sie wichtige Hinweise auf deren geistiges Umfeld und die Rezeptionsgeschichte liefern. Im Weimarer Exemplar sind Randnotizen aus dem späten 16. Jahrhundert zu finden.

So verheerend die Brandkatastrophe war, so positiv war die anschließende Welle an Hilfs- und Spendenbereitschaft. Besonders dankbar sind Hellmut Seemann, der Präsident der Klassik Stiftung Weimar, und Bibliotheksdirektor Michael Knoche für die 11,3 Millionen Euro, die bislang von privater Hand für den Wiederaufbau der Buchbestände gespendet worden sind.

Am 30. August wird in Weimar eine Ausstellung über die Rettung der Bücher eröffnet. Ein Aktionstag will die Notwendigkeit der Erhaltung des schriftlichen Kulturguts ins Bewusstsein rücken.

Vom Brand gezeichnet: Ein Hauptwerk des Kopernikus. Foto: Hanskarl v. Neubeck

Zum Artikel

Erstellt:
18. August 2014, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
18. August 2014, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 18. August 2014, 12:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Inhalt nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen
Facebook Sport      Faceboook      Instagram      Twitter      Tagblatt-App