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Südwesten lockt die Menschen an

Bevölkerung im Land soll bis 2025 um 3,4 Prozent wachsen

In Deutschland schrumpft die Bevölkerung. Nur Baden-Württemberg ist laut einer neuen Studie eine Insel der Glückseligen: Die Bevölkerung soll wohl wachsen. Das Statistische Landesamt sieht das aber anders.

24.03.2011

Von JULIANE BAUMGARTEN

Berlin/Stuttgart Die Forscher des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung präsentieren schlechte Aussichten: Das große Schrumpfen in Deutschland geht weiter. Vor allem ländliche Gebiete hätten in den kommenden Jahren mit einem erheblichen Bevölkerungsrückgang zu kämpfen. Besonders trübe sieht es da in Regionen in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt aus. Die Einwohnerzahl in Deutschland sei seit dem Höchststand 2002 um 800 000 auf 82 Millionen gesunken.

Nur der Südwesten sei für die Zukunft gut gerüstet: Baden-Württemberg hat als einziges Bundesland in den kommenden Jahren keinen Bevölkerungsrückgang zu befürchten, heißt es in der neuen Studie des Berlin-Instituts. Im Gegenteil, die Bevölkerung im Land soll von momentan 10 745 000 auf 11 112 000, also um 3,4 Prozent wachsen. Und das, obwohl weniger Kinder zur Welt kommen, als Menschen sterben.

Die große Lücke, die sich hier auftun müsste, werde durch hohe Zuwanderung aus dem In- und Ausland ausgeglichen. "Die gute Arbeitsmarktsituation und die hohen Einkommen ziehen die Menschen an", sagt Steffen Kröhnert vom Berlin-Institut. Die innovative Wirtschaft, das hohe Bruttoinlandsprodukt und die positive Bevölkerungsentwicklung seien Indikatoren für eine positive Zukunft im Südwesten. "Der Trend für Baden-Württemberg in den nächsten 20 Jahren heißt Stabilität", sagt Kröhnert.

Zwar habe das Land unter der Wirtschaftskrise gelitten, sich vergleichsweise aber schnell wieder erholt. So hätten zum Beispiel baden-württembergische Kleinstädte mit ihren ausgedehnten Neubaugebieten bundesweit das dritthöchste Haushaltseinkommen pro Kopf.

Der Südwesten gehöre mit Bayern zur "Boomregion" in Deutschland. Besonders Biberach, Ludwigsburg und der Bodenseekreis - sie liegen unter den Top 20 der besten Landkreise und kreisfreien Städte - seien gut für die Zukunft gerüstet.

Biberach belegte bei der letzten Erhebung 2006 allerdings noch den allerersten Rang, jetzt ist es nurmehr Platz elf. "Es ist immer schwierig, den ersten Platz zu halten", sagt Bernd Schwarzendörfer, Pressesprecher des Landkreises. "Biberach ist nicht abgefallen, sondern die bayerischen Spitzenkreise haben die baden-württembergischen übertrumpft", meint Kröhnert vom Berlin-Institut. Das Bruttoinlandsprodukt und das verfügbare Einkommen seien dort höher.

Ein großes Manko sieht Kröhnert aber bei der Kinderbetreuung in Biberach. Das ist im Kreis bekannt, "da muss etwas passieren, da sind wir uns alle einig", sagt Schwarzendörfer. Bei den Betreuungsplätzen der unter Dreijährigen lag der Anteil 2006 bei nur 10 Prozent. Jetzt sei er immerhin auf 16,1 Prozent angestiegen, gibt sich Schwarzendörfer zuversichtlich. Zudem seien die familiären Strukturen im Kreis sehr gut, flächendeckende Kleinkindbetreuung daher nicht nötig. Besonders freut den Biberacher die hohe Geburtenrate im Kreis: Sie liegt mit 1,5 über dem Landesschnitt, der nur 1,35 beträgt.

Als einziger Kreis schneidet Heidenheim vergleichsweise schlecht ab. Ein Minus von fünf Prozent prognostiziert die Studie. Im Heidenheimer Landratsamt sind die Probleme längst bekannt: "Wir gehen von einem Bevölkerungsrückgang von knapp acht Prozent aus", sagt Sylvia Neumaier vom zentralen Management. Die starken Wanderungsbewegungen haben auch erhebliche Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und die Infrastruktur. "Das Arbeitskräfteangebot ist sehr unbefriedigend. Gut ausgebildete Fachkräfte in allen technischen Berufen fehlen uns", sagt Neumaier. Zudem sei die Alterung im Kreis Heidenheim wesentlich höher als der Landesschnitt. Um dem wirksam entgegen zu steuern, plant der Kreis eine Bevölkerungsentwicklungsanalyse. Wenn die Daten erhoben sind, hofft Heidenheim darauf, passgenaue Maßnahmen und Lösungen entwickeln zu können. Denn die momentane Situation sei natürlich beunruhigend.

Spannend ist das Beispiel Baden-Baden: Der Stadtkreis gehört zu den 20 deutschen Kreisen mit dem höchsten Wanderungsgewinn überhaupt. Denn die Stadt profitiert vor allem durch den Zuzug gut betuchter Rentner. Das ist mit ein Grund, warum es dort ein durchschnittlich verfügbares Haushaltseinkommen von 25 000 Euro pro Kopf gibt, der deutsche Durchschnitt liegt bei 19 000 Euro je Einwohner und Jahr. Damit ist Baden-Baden unter den Top 10 in Deutschland. Den Rentnern sei dank.

Anders als das wirtschaftsnahe Berlin-Institut schätzt das Statistische Landesamt die Bevölkerungsentwicklung in Baden-Württemberg ein. "Die Bevölkerung schrumpft seit 2008. Das wird so weitergehen. Im Jahr 2030 wird es ein Minus von 3,5 Prozent gegenüber 2008 geben", sagt Werner Brachat-Schwarz, Experte vom Landesamt. Durch die Altersstruktur werde das Geburtendefizit immer größer, und das sei durch den Wanderungsgewinn nicht mehr zu kompensieren. Die Tendenz aber, dass es in Biberach sehr positiv und in Heidenheim eher besorgniserregend aussehe, bestätigt der Statistiker.

Übrigens: Das Durchschnittsalter im Land liegt im Moment bei 42,2 Jahren. Schon 2030 soll es bei 46,6 Jahren liegen. Was dagegen zu tun ist, das können auch die Experten nicht beantworten.

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Erstellt:
24. März 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
24. März 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 24. März 2011, 12:00 Uhr

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