Eine Kommunalpolitikerin, die Nähe vermittelt

Bettina Wilhelm will Stadtoberhaupt werden

Am 7. Oktober ist der erste Urnengang für die Stuttgarter Oberbürgermeisterwahl. In loser Folge stellen wir die wichtigsten Bewerber vor - heute die parteilose Kandidatin der SPD, Bettina Wilhelm.

17.08.2012

Von BETTINA WIESELMANN

Stuttgart Samstagmorgen in der Stuttgarter Königstraße. Am Info-Stand der Stuttgart-21-Befürworter, die dieses Mal die OB-Kandidatin Bettina Wilhelm befragen wollen, fetzen sich zwei Stuttgarterinen gesetzteren Alters. "Nie mehr wird man in die Mineralbäder gehen können", weil der unselige Tiefbahnhof die Quellen kaputt mache, kreischt die eine; darauf die andere in gleicher Lautstärke: "Alles grandioser Quatsch, sind Sie etwa Bauingenieur?"

Mit wachsender Fassungslosigkeit verfolgt Schwäbisch Halls Erste Bürgermeisterin den verbalen Schlagabtausch: "Das ist schon noch ein schwieriges Spannungsfeld." Das Versöhnen der Konfliktparteien, das sich die einzige Frau unter den drei chancenreichen Anwärtern auf Wolfgang Schusters Nachfolge vorgenommen hat, wird jedenfalls keine einfache Aufgabe, schwant Bettina Wilhelm.

Dabei kann die 48-Jährige Gemüsehändler-Tochter aus dem Stuttgarter Wengerter-Vorort Rotenberg Argumente beider Seiten nachvollziehen. Zerrissen wie die Stadt und auch die SPD, der sie nicht angehört, der sie sich aber erfolgreich als OB-Kandidatin angeboten hat, hatte Wilhelm "eben auch als Hallerin" bei der Volksabstimmung gegen S 21 votiert - "obwohl ich immer auch die städtebauliche Wahnsinnschance gesehen habe".

So oder so stelle sich nach dem Bürgervotum die Frage des Ob "überhaupt nicht mehr". Bettina Wilhelm, die "Nächste für Stuttgart" will auch bei der Umsetzung des Projekts "nah, näher, am nächsten" bei den Bürgern sein, sie so viel wie möglich an der Gestaltung des neuen großen Stadtviertels beteiligen. Als sie vor Mitarbeitern der Stuttgarter Straßenbahn AG davon schwärmt, kommt der skeptische Einwurf eines durch die tägliche Praxis offenkundig zermürbten Haltestellenplaners: "Da soll dann jede Tante Emma mitreden?" "Aber nein", rückt Wilhelm gerade, "da kommen wir ja nie zu Potte."

Dass sie was hinkriegen will, nimmt man Bettina Wilhelm ab. Zielstrebig hat die gelernte Erzieherin, die Kinderbilder von sich auf ihre Homepage gestellt hat, schon an ihrem Bildungsaufstieg gearbeitet: Nach dem Fachhochschulstudium schrieb sich die Sozialpädagogin an der Universität Tübingen ein und schloss dort als als Diplom-Pädagogin ab. Fünf Jahre lang arbeitete die verheiratete Mutter zweier Töchter als kommunale Gleichstellungsbeauftragte in Ludwigsburg. Dann ging sie für drei Jahre nach Kirchheim unter Teck, zuständig für Kultur und Soziales in der Stadt. In Schwäbisch Hall stach sie bei der Wahl zur Ersten Bürgermeisterin (Bildung, Soziales, Kultur, Sport, Touristik, Stadtmarketing, Vereinswesen und Ortschaften) 32 Konkurrenten aus.

Mit ihren bald zwölf Jahren kommunaler Verwaltungserfahrung sieht sich Bettina Wilhelm ("ich bin das Gegenmodell") im Vorteil. Weder der von CDU, FDP und Freien Wählern unterstützte, parteilose Unternehmer Sebastian Turner noch der grüne Bundespolitiker Fritz Kuhn können damit punkten. "Sie kann Fakten einordnen", preist ihr Wahlkampfleiter, der SPD-Vize-Fraktionschef im Rathaus, Hans Pfeifer, die Qualität der Kandidatin, nicht ohne im Wahlkampf darin "eine kleine Gefahr" zu sehen: Die Konkurrenten arbeiteten mit plakativen Überschriften, Wilhelm gehe dagegen "in die Sache rein". Bei Podiumsdiskussionen - 23 allein im September - kann das auch zum Nachteil ausschlagen.

Kommt Bettina Wilhelm, der das in 42 langen Jahren aufgesogene Stuttgarter Schwäbisch bis in die Grammatik anzuhören ist, zu Wort, ist sie kaum zu stoppen. Dabei gelingt es ihr mit Charme und Offenheit gleichzeitig, ein Gefühl der Zugewandtheit und Wärme zu vermitteln. "Nah bei den Leuten sein, das ist auch meine Stärke", sagt sie. Beliebt sein sei im übrigen auch wichtig: "Dann können Sie auch mal was Unpopuläres durchsetzen." Was ihr zur Landeshauptstadt einfällt, unterscheidet sich nicht grundlegend von Kuhn und Turner. "Das Zentralste ist Vertrauen - und traut man das Amt ihr zu?", weiß sie. An der positven Antwort arbeitet sie.

Anders als 2005 in Aalen, wo Bettina Wilhelm sich erstmals, aber erfolglos in einen OB-Wahlkampf gestürzt hatte, sieht sie sich diesesmal gut gerüstet für ihren "Traumberuf". Zöge sie im Januar 2013 ins Stuttgarter Rathaus am Marktplatz ein, dann wäre es ein vertrauter Ort: Als Kind hat sie dort Rhabarber und Beeren verkauft.

Bettina Wilhelm, parteilose Kandidatin der SPD für die OB-Wahl in der Landeshauptstadt: Stuttgarter Schwäbisch bis in die Grammatik. Foto: dpa

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Erstellt:
17. August 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
17. August 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. August 2012, 12:00 Uhr

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