Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Betriebsrat hat Vetorecht
Ein Blick in die Porsche-Produktion im Stammwerk Stuttgart-Zuffenhausen: Betriebsrat und Konzernleitung haben sich darauf verständigt, wie der Autobauer künftig mit dem Thema Leih- und Werksverträge umgeht. Foto: dpa
Bei Porsche einigt man sich über den Einsatz von Fremdpersonal

Betriebsrat hat Vetorecht

Porsches Betriebsrat darf künftig bei den umstrittenen Leiharbeits- und Werksverträgen mitreden bis hin zum Veto. Die IG Metall freut sich über ihren Erfolg, der Arbeitgeberverband hingegen bleibt kritisch.

02.12.2015
  • ANDREAS BÖHME

Stuttgart. Sie arbeiten in der gleichen Fabrik, stehen am gleichen Fließband, und ohne sie läuft gar nichts. Dennoch werden Leiharbeiter schlechter bezahlt als die Stammbelegschaft. Keine Spur von gleichem Geld für gleiche Arbeit: Rund 800 000 Leiharbeiter gibt es in Deutschland, etwa 2 Prozent der Beschäftigten. In Leipzig, wo Porsche Geländewagen baut, gehören gerade mal 3000 Beschäftigte zur Stammbelegschaft, ihnen stehen allein vom Werkvertragsunternehmen Schellecke 700 werksfremde Arbeiter gegenüber. Die Mitarbeiter beider Firmen arbeiten unter einem Dach: Schnellecke sortiert dabei den Wareneingang und liefert die Teile dann zur richtigen Zeit ans Fließband, wo Porsche-Werker sie hernach in die Autos einbauen.

Knapp ein Drittel aller Beschäftigten in der deutschen Automobilindustrie arbeiten so auf der Basis von Leih- oder Werkverträgen, ihr Verdienst liegt einschließlich aller Zuschläge weniger als 1 750 EUR im Monat. Kein anderes Unternehmen aber setze so stark auf die Ausgliederung wie Porsche in Leipzig, sagt Guido Machowski, Sozialdemokrat und Betriebsratsvorsitzender beim Autozulieferer Schnellecke.

Dabei ist die IG Metall gar nicht grundsätzlich gegen Leiharbeit, weil sie weiß, dass die Fabriken nur mit temporär Beschäftigten entsprechend flexibel und wettbewerbsfähig produzieren können. Was stört, ist der Missbrauch. Ein Festangestellter bei Schnellecke beginnt laut Machowski mit 11,12 EUR Stundenlohn. Etwas weniger, rund 10 EUR, bekommt ein Leiharbeiter. Das sind 6 bis 7 EUR weniger als ein festangestellter Porsche-Werker, der jedes Jahr auch noch eine satte Gewinnbeteiligung erhält. "Porsche ist das Versuchslabor für Werkverträge, hier wurde derart massiv ausgelagert wie bei keiner anderen Autofabrik in Deutschland", sagt Machowski.

Die Ungleichheiten sollen sich jetzt ändern. Nach einem Protesttag in Leipzig und bei der Konzernmutter VW in Wolfsburg haben sich der Betriebsrat unter Uwe Hück und die Porsche-Firmenspitze auf eine mehrstufige, "sachbezogene Mitbestimmung" geeinigt.

Das Abkommen soll den Umgang mit Werkverträgen verändern, verspricht Hück. Es sieht ein Vetorecht der örtlichen Betriebsräte vor und gibt ihnen ein Vorschlagsrecht für alternative Beschäftigungsformen. Es gilt zunächst für die Betriebe in und um Stuttgart und soll danach auch in Leipzig umgesetzt werden. Hück hat nichts gegen Fremdvergaben, aber er will "anständige" Verträge: Mitbestimmung dürfe nicht umgangen, Menschen nicht von Subunternehmen ausgebeutet werden.

Einen entsprechenden Aufruf an die Bundesregierung, gegen den Missbrauch von Werkverträgen vorzugehen, haben im Südwesten auch die Betriebsräte von Daimler, Mahle, Bosch, ZF und John Deere unterschrieben. IG Metall-Landesbezirksleiter Roman Zitzelsberger hält Vergaben an Werkvertragsunternehmen für Betriebsänderungen, die mit dem Betriebsrat zu beraten seien. Jetzt begrüßt er die Vereinbarung: "Damit ist ein weiterer Schritt gelungen, um Missbrauch einzudämmen und die Mitbestimmung zu stärken."

Die Arbeitgeber halten dagegen, dass Werkverträge ein wichtiges Instrument zur Flexibilisierung seien, etwa um auf Nachfrageeinbrüche zu reagieren. Südwestmetall-Chef Stefan Wolf sieht darin unternehmerische Freiheit: "Hier darf es aber keine Mitsprache von Betriebsräten geben." Als Blaupause für Lösungen im Flächentarif tauge das Porsche-Modell nicht, darin seien keine echten Mitbestimmungsrechte des Betriebsrats hinterlegt.

Der Betriebsrat kann sein Veto einlegen, wenn ein missbräuchlicher Einsatz von Fremdpersonal vorliegt. "Das kann ein Unternehmen für sich so natürlich regeln. Man muss aber auch berücksichtigen, dass die Regelungen ganz auf die Strukturen und Entscheidungsabläufe des Unternehmens ausgerichtet sind", so Hauptgeschäftsführer Peer-Michael Dick.

Die IG Metall habe mit einer starren Haltung bei den Einstiegsentgelten für einfache Tätigkeiten selbst zur Auslagerung von Jobs in der Logistik oder dem Gebäudemanagement, aber auch der Entwicklung beigetragen. Wolf bezeichnet Werksverträge als "Lohn-Airbag", der Stammbeschäftigten eine sehr gute Bezahlung ermögliche.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

02.12.2015, 08:35 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular