Das sprachlose Reich der Kunst

Betrachtungen zur Künstlerbundjahresausstellung

Die umfangreiche Künstlerbundahresausstellung wird dieses Jahr in Form zweier Besprechungen plus einer Bilderseite gewürdigt. Dies ist Teil 1:

14.12.2009

Von Peter Ertle

Tübingen. Mit den Themen war es in den letzten Künstlerbundjahresausstellungen so wie es mit Themen-Ausstellungen meistens ist: Künstler verstehen es, sich den jeweiligen Titel so großzügig wie eigenwillig anzuverwandeln. So hat man letztlich nie den Eindruck, in einer Ausstellung besagten Themas zu sein, sondern: in einer Ausstellung besagter Künstler mit – was war noch gleich das Thema? Ach ja. Genau.

So ungefähr war das. Jedenfalls in toto. Im Einzelfall ergaben sich schon reizvolle Begegnungen. Das ist nun weg, beides, die Beliebigkeit und die überzeugende, überraschende Annäherung. Weg ist auch die Ablenkung weg vom Werk, die geschieht, wenn der Betrachter nach dem Thema in der Kunst sucht wie nach dem versteckten Osterei. Zumal wir alle wissen, was ein Ei ist. Aber was ist Kunst?

Aber was ist Kunst? Einige Beispiele

Kunst kann zum Beispiel eine einfache, alte Türe sein. Stephan Potengowski beraubt sie ihrer Funktion, funktionalisiert sie um. Die Türe als Zeichen. Und es ist der Klang, der einen hinter ihr liegenden, imaginären Raum öffnet. Kunst, das können Zeichen sein, die Straßenbauer bei Asphaltausbesserungen hinschreiben, uns genauso unverständlich wie – und eine plötzliche Wesensverwandtschaft mit ihnen offenbarend – afrikanische Schriftzeichen, Embleme. Natürlich von Dieter Luz, dem Afrikaexperten.

Kunst, das können Drahtrollen sein, wie sie Susanne Immer zum Beispiel flach gerollt und hinter Glas setzt, wo sie ganz ähnliche, spulenförmige Bleistiftlinien wiederaufnehmen. Trüge die Ausstellung den Titel „Wie es scheint“ oder „Fremd vertraut“ oder „Das Gleiche anders“: Wer hätte sich gewundert?

Kunst, das können zum Beispiel Berge sein, ja Berge. Wenn sie klein, aus Polyethylen gebaut und fotografiert sind, trompe plastique. Von plastique zur Plastik, zur Skulptur: Sie glänzt mit nahezu vollständiger Abwesenheit. Warum? Deutlich zugenommen haben graphische Arbeiten, Fotografie. Vielleicht weil hier, im Umgang mit dem Material, der Bildbearbeitung, der Kombination verschiedener Techniken mehr möglich ist? Jedenfalls: Das pure, klassische, realistische Zeichnen und Malen scheint momentan zu schwinden.

Dass man es tun kann, zeigt der „phantastische Realismus“ der wieder einmal meisterlichen Susanne Höfler, die mit unverkennbarem Strich dem Fisch ins Maul schaut. In ihren Bildern lebt auf ganz eigene Weise das künstlerische Erbe Martin Schmids fort. Auch Carola Dewor ist eine der wenigen, die figürlich malt. Sie nahm ja den umgekehrten Weg vom abstrakten zum Gegenständlichen, und zwar mithilfe des Comics. Axel von Criegerns Stadtansichten und Dieter Löchles Flusslandschaften zählen auch zu den Ausnahmen, wiewohl deren beider wolkig-flockige und von den Anklängen her durchaus ein anderes Jahrhundert (mit)evozierende, meisterhafte Formensprache immer schon verfremdende Anteile hat. Aber, auch das mag man an dieser Ausstellung ablesen: Die reinen Gewissens „abstrakt“ zu nennenden Arbeiten (sicherlich: Karlheinz Deutschles Mischtechniken) sind genauso selten wie die „realistischen“. Die Künstler sind längst woanders.

Ja wo sind sie denn?

Nochmal zurück zur realistischen Malerei. Nicht vergessen darf man hier Birgit Dehns detailgetreue Studien von Weihnachtskugeln, pro Bild eine Kugel. Angesichts der Vorweihnachtszeit, des Titels (“Oh du fröhliche“) und eingedenk ihrer früheren Arbeiten produziert diese bravste und frömmste aller hier ausgestellten Malereien allerdings eine eingeschriebene Ironie mit.

Verrisse, Anregungen, Würdigungen

„Schreiben Sie doch mal einen richtigen Verriss, nein, ganz im Ernst!“ Also gut, Herr Weckwarth, dann aber einen mit Ross und Reiter, in dem „ich“ gesagt wird, Namen genannt werden: Was ich wirklich nicht mehr sehen kann, sind zum Beispiel diese schwer symbolischen Traumbilder Gunther Klosinskis, Fotomontagen, auf denen etwa ein Balkongeländer um den Kopf einer Statue herummontiert ist, das Ganze heißt dann „Burka“. Entschuldigung, aber das ist psychoanalytischer und im schlechten Sinne politischer Kitsch. Gudrun von Funcks bunte Würfelspiele oder Anita Bialas? Herbstfarben lassen einem freundlichstenfalls ein „hm“ entgleiten. Was präsentiert Maria Heyer-Loos? Streifen! Was Jürgen Mack im zweijährlichen Rhythmus? Boote! Ein jeder pflegt sein Kunstgärtlein mehr als dass er es in Frage stellt. Wiewohl, und hier hört der „Verriss“ dann schon wieder auf, gerade das Beispiel Jürgen Mack zeigt, dass Boote einem die Welt stellvertreten können. So denkt man sich auch vor dem erneuten Papierguss Gerhard Walter Feuchters stehend nur: Wie elementar, wie einleuchtend, ja: Wie schön!

So politisch-dokumentarisch wie ästhetisch-witzig sind Silke Panknins 11 Postkarten im Kartonschuber, mit ausführlicher Legende über: Steine, Plätze, Zeugen der ehemaligen DDR. Übrigens die einzige Arbeit, die sich selbst kommentiert. Warum eigentlich nicht öfter? Die Fotografien eines Tilman Rösch etwa sind ja nicht nur „einfache“ Fotografien, er montiert, da bliebt manches rätselhaft. Und what the hell is „double print diasec“? Wer weiß, wie Helmut Anton Zirkelbachs beeindruckende, große Graphit/Holzarbeiten entstehen? Was hat sich Eva Borsdorf gedacht, als sie auf die Idee kam, Lack auf Japanpapier zu tropfen? Kurze Erläuterungen zum technischen Verfahren, zu Entstehung und Absicht wären für die Besucher schön.

Zumal das ja optional ist, man muss es nicht lesen oder kann es auch schnell wieder vergessen und sich ohne Geländer – nein, das hat der Künstlerbundsvorsitzende Axel von Criegern in seiner Einführungsrede besser formuliert, als er über das Kunstwerk sagte: „Es sieht uns still an, es wickelt uns ein und kommt auf uns zu und es nimmt uns mit. Eine Zeit lang schützen uns noch die gelernten Begriffe von der Komposition über den Farbkreis bis zum Hell-Dunkel- und dann ist Ebbe. . . Das ist der Moment, in dem wir das sprachlose Reich der Kunst betreten. . .“

Info

Noch bis 10. Januar in Stadtmuseum (Di-So 11-17 Uhr), Kulturhalle und Künstlerbundgalerie (jeweils Di-Fr 15-18, Sa 11-14 Uhr).

Diese Arbeit von Axel von Criegern ist die von den Maßen her größte. Passt nur in die Kulturhalle. Bild: Faden

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Erstellt:
14. Dezember 2009, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
14. Dezember 2009, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 14. Dezember 2009, 12:00 Uhr

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