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In der Geschichte versinken

Besuch in der Essener Lichtburg: 1250 gepolsterte Plätze Cineasten-Glück

Klar, es gibt Popcorn. "Aber keine Eimer!" Es gibt Cola. "Aber keine Zwei-LiterBecher!" Und Nachos mit Käsesoße? Marianne Menze verzieht das Gesicht. Mampfen vor der Leinwand findet die Geschäftsführerin der Lichtburg in Essen eher unappetitlich.

20.10.2015
  • MAGDI ABOUL-KHEIR

Dabei ist sonst in ihrem Kino alles riesig: Die Lichtburg ist mit 1250 Plätzen das größte Filmtheater Deutschlands. Und wenn man kundige Filmfans wie prominente Filmemacher fragt: auch das schönste.

Von außen ist der im Herzen der Ruhrpott-Metropole gelegene Tempel der bewegten Bilder ein gewaltiger grauer Betonquader. Doch wer am altmodisch-schmucken runden Kartenschalter sein Ticket erstanden hat, betritt eine eigene Welt. Ein steinernes Foyer, ausladende Treppen, eine Doppeltür, die geradewegs ins Cineasten-Glück führt.

Was für ein Anblick: Hinter dieser Tür weitet sich der Saal, der Blick fällt auf ein leuchtend rotes Sitzemeer. 42 bequem gepolsterte Plätze zählt jede Reihe, Art-Deco- und 50er-Jahre-Elemente schmücken Wänden und Decke. Über dem Parkett erhebt sich der gewaltig geschwungene Balkon. Wenn sich schließlich der rote Vorhang öffnet, erfreuen 150 Quadratmeter Leinwand das Auge. Bild und Ton sind selbstverständlich von Top-Qualität, auch 3D gab es hier so früh wie sonst kaum in Deutschland - "nicht weil wir es so toll finden, aber das muss heute nunmal sein", sagt Geschäftsführerin Menze offen.

Aber was muss heute in einem Kino außerdem sein? Der Besucher, betont Menze, "soll nicht das Gefühl der Massenabfertigung haben". Das gelingt, weil die Architektur trotz der Größe eine intime Atmosphäre schafft; weil alle Mitarbeiter Kinofans sind; vielleicht auch, weil es keine Popcorn-Eimer gibt. Die Lichtburg hat aber keine eigene Event-Gastronomie, sondern eine Kooperation mit einem angeschlossenen Lokal. Sie hat keine Liegesitze, wird kein "Wellness-Kino".

Marianne Menze sieht die Lichtburg - in direkter Nachbarschaft des Doms - als den "weltlichen Dom Essens". Ja, es gehe darum, den Besuchern "ein Stück Stadtgeschichte und ein Stück Kinogeschichte zu bieten". Die Historie der Lichtburg ist bemerkenswert.

Am 18. Oktober 1928 wurde der Kinopalast eröffnet: ein monumentaler Kuppelbau, 2000 Plätze, Wurlitzer-Kinoorgel, eigenes Orchester - es war eine Epoche, als man ins Kino ging, um mit dem Ticket "auch etwas vom schönen Schein der großen Welt zu kaufen", wie es in der Lichtburg-Chronik heißt. Doch bald folgte die Wirtschaftskrise, dann die Nazi-Zeit, in der der jüdische Betreiber Karl Wolffsohn gezwungen wurde, das Kino weit unter Wert zu verkaufen. Nach dem Krieg klagte er auf Entschädigung und starb vor Prozessende.

Nur die Fassade der Lichtburg blieb erhalten, als 1943 Bomben auf Essen fielen. Das Kino wurde wieder errichtet und 1950 erneut eröffnet. In den Wirtschaftswunderjahren war die Lichtburg Deutschlands wichtigstes Premierenkino, hier feierten Romy Schneider und Heinz Rühmann, Maria Schell und Curd Jürgens, zur Deutschlandpremiere von "12 Uhr mittags" kam Gary Cooper. Wurde die Lichtburg zur Bühne, traten Künstler wie Louis Armstrong und Juliette Gréco auf.

Von den 70er Jahren an ging es bergab. Immerhin überlebte die Lichtburg das Kinosterben und auch die Eröffnung des Multiplexes Cinemaxx 1991. Mitte der 90er Jahre schien aber dann das Totenglöckchen zu läuten, die Zuschauerresonanz war dürftig, das Gebäude renovierungsbedürftig. Sollte das Haus zur Showbühne werden oder gar zur Einkaufspassage?

1998 übernahm die Essener Filmkunsttheater GmbH die Lichtburg, und mit viel prominenter Unterstützung wurde mit Hilfe von Investoren die Renovierung ermöglicht. Sieben Millionen Euro später war sie denkmalgerecht im Stil der 50er Jahre wieder hergestellt, technisch auf Vordermann gebracht. Seitdem gilt sie als Flaggschiff der Europäischen Kulturhauptstadt von 2010.

Eine große Geschichte, die auch verpflichtet. Dazu verpflichtet, die Film-, aber ebenso der Bühnentradition in der Lichtburg lebendig zu halten. In das kulturelle Leben der Stadt eingebunden zu sein, aber auch darüber hinaus zu wirken. Und für rote Teppiche und Scheinwerferlicht zu sorgen: mit Premierenglanz. Die deutschen Kinogrößen waren eigentlich schon alle da: Wenders, Tykwer & Co. lieben die Lichtburg.

Hollywood-Studios feiern aber Deutschland-Premieren lieber in Berlin. "Where the hell is Essen?", heißt es da, berichtet Menze. Deutsche Verleiher hätten schon zu ihr gesagt: "Packt die Lichtburg ein und zieht nach Berlin, dann machen wir alle Premieren bei euch!" Nun, sie kommen auch so in schöner Regelmäßigkeit. Und dann laufen eben ambitionierte deutsche Filme in der Lichtburg.

Aber was wird sonst gespielt? Menze ist Cineastin, ihre Filmkunsttheater GmbH - insgesamt sechs Kinos mit acht Leinwänden - widmet sich, wie der Name schon sagt, der Filmkunst. Mit Arthouse-Filmen aber ist ein 1250-Plätze-Kino im Jahr 2015 natürlich nicht zu betreiben, schon gar nicht ausschließlich. Also läuft in der Lichtburg vor allem Mainstream, mit der Vorgabe, "möglichst nicht unter ein bestimmtes Niveau zu gehen". Man diskutiere, "welche Blockbuster für uns vertretbar sind": Nicht jeder Action-Kracher wie "Fast & Furious" oder "Jurassic World" muss in der Lichtburg sein. Bei "Fack Ju Göhte 2" habe sie kürzlich schon "Zahnschmerzen" gehabt, räumt Menze ein. Den neuen "James Bond" spielt sie demnächst dagegen aus voller Überzeugung, der passt bestens zu den Lichtburg-Gängern, die im Durchschnitt schon ein paar Jahre älter sind als das Multiplex-Publikum. Ein Renner in der Lichtburg ist übrigens das Senioren-Kino: zweimal pro Monat, donnerstags 14 Uhr, mit meist um die 900 Zuschauern.

Die Preise in der Lichtburg sind gestaffelt, nach Wochentag und Parkett/Rang/Balkon. Für 6,50 Euro gibt's am Dienstag, dem "Kinotag", einen Parkett-Platz, am teuersten ist die Balkonloge am Wochenende (14 Euro) - aber diese 80 exklusiveren Plätze sind dennoch am schnellsten weg. Marianne Menze hat freilich einen anderen Lieblingsplatz: "Mitte-Mitte im Parkett".

Das ist tatsächlich ein toller Ort, um in einem Film zu versinken. Im Zentrum eines großen Kinos und seiner großen Geschichte. Mit kleinem Popcorn und einer kleinen Cola.

Besuch in der Essener Lichtburg: 1250 gepolsterte Plätze Cineasten-Glück

Besuch in der Essener Lichtburg: 1250 gepolsterte Plätze Cineasten-Glück

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20.10.2015, 12:00 Uhr
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