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Besuch im „Herz der Hölle“
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender werden von Michalis Selekos, dem Bürgermeister von Chaidari, durch das dortige ehemalige Konzentrationslager Chaidari geführt. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa
Griechenland

Besuch im „Herz der Hölle“

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gedenkt im ehemaligen Konzentrationslager Chaidari der Opfer des Nazi-Regimes. Beide Länder streiten seit Jahren über Reparationszahlungen.

12.10.2018
  • GERD HÖHLER

Chaidari/Athen. Über jedem Griechenland-Besuch eines deutschen Bundespräsidenten liegt der dunkle Schatten der Geschichte. Auch wenn es ein strahlender Spätsommermorgen ist wie dieser. Bei Sonnenaufgang brechen Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender vom Hotel Grande Bretagne am Athener Syntagmaplatz auf. Ihr Ziel ist die Arbeitervorstadt Chaidari im Nordwesten Athens. Hier beginnt, noch vor der offiziellen Begrüßung durch den griechischen Staatspräsidenten Prokopis Pavlopoulos, die Visite des Bundespräsidenten in Griechenland. Die Fahrt nach Chaidari führt Steinmeier 74 Jahre zurück in die Vergangenheit. „Block 15“ heißt das weiß gestrichene Gebäude. Es gehört zu einem Kasernenkomplex, der 1943 von den deutschen Besatzern als Haftlager eingerichtet wurde.

Über 20 solcher Gefängnisse gab es im besetzten Griechenland. Chaidari war das berüchtigtste. Nahrungsentzug, Zwangsarbeit, Folterungen, willkürliche Exekutionen – die Griechen sprachen damals von Chaidari als dem „Herz der Hölle“. Zwischen Herbst 1943 und der Auflösung des Lagers im September 1944 wurden hier etwa 25 000 Menschen inhaftiert. Tausende Gefangene, vor allem griechische Juden aus Athen sowie von den Inseln Korfu, Rhodos und Kos, wurden von hier in die Vernichtungslager nach Deutschland und Polen deportiert.

Steinmeier und seine Ehefrau Elke Büdenbender besuchen Chaidari allein. Das Ehepaar legt an der Gedenktafel ein Blumengebinde nieder. Reporter sind, bis auf einen offiziellen Fotografen, nicht zugelassen. Es gibt keine Reden, keine Pressestatements. Das nimmt diesem Besuch Publizität – und gibt ihm Bedeutung.

Die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg liegt ein Dreivierteljahrhundert zurück. Aber diese Vergangenheit ist immer gegenwärtig, wenn ein deutscher Staatsgast nach Griechenland kommt. Seit Jahrzehnten streiten beide Länder um Reparationen für die Zerstörungen der Kriegsjahre und die Gräueltaten der Besatzer. Erst in den vergangenen Wochen hatten Regierungschef Alexis Tsipras und Parlamentspräsident Nikos Voutsis das Thema öffentlich und mit Nachdruck zur Sprache gebracht.

Versöhnliche Töne

Bei seinem Auftritt mit Steinmeier redet Pavlopoulos lang und über viele Themen, lobt die „ausgezeichneten bilateralen Beziehungen“. Aber die heikle Reparationsfrage erwähnt er mit keiner Silbe. In seiner Tischrede beim abendlichen Staatsbankett sprach Pavlopoulos das Thema laut offiziellem Redemanuskript zwar an, aber nur kurz.

Auch Premier Alexis Tsipras übte beim Treffen mit Steinmeier Zurückhaltung. Er sprach von einem „Neubeginn in den griechisch-deutschen Beziehungen“ und streifte die Reparationsfrage nur flüchtig – mit dem Hinweis, man dürfe „Differenzen aus der länger zurückliegenden Vergangenheit nicht unter den Teppich kehren“ sondern müsse sie „auf der Basis des Völkerrechts lösen“. Das klang fast versöhnlich. Der Bundespräsident erinnerte an die „unvorstellbaren Grausamkeiten“, die in Chaidari und andernorts in Griechenland „im Namen meines Landes, Deutschlands begangen worden sind.“ Er verneige sich vor den Opfern, sagte Steinmeier, „aber vor allem bitten wir um Verzeihung hier in Griechenland für das, was geschehen ist.“

Was zur Reparationsfrage offiziell zu sagen ist, hat Steinmeier bereits bei seinem ersten Besuch in Griechenland im Frühjahr 2017 erklärt, nämlich dass „für Deutschland das Thema völkerrechtlich abgeschlossen ist“. Steinmeier sagte damals aber auch in einem Interview: „Die Geschichte ist niemals abgeschlossen.“ Die Deutschen übernähmen ihre „moralische und historische Verantwortung“. Dazu gehört aus Sicht des Bundespräsidenten auch, nach vorn zu blicken.

Zu den Zukunftsprojekten gehört das Deutsch-Griechische Jugendwerk. Das Abkommen darüber wurde am Donnerstag im Beisein der beiden Präsidenten unterzeichnet.

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12.10.2018, 06:00 Uhr
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