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Arbeitsmarkt

Bessere Chancen für Ältere

Wer deutlich über 50 Jahre alt ist, hatte früher schlechte Karten bei der Stellensuche. Das ändert sich langsam. Jobcenter können mit intensiver Betreuung dazu beitragen.

23.02.2018
  • TANJA WOLTER

Ulm. Herr Z. ist gelernter Groß- und Außenhandelskaufmann. Allerdings hat er es nie so richtig geschafft, dauerhaft in einem Unternehmen Fuß zu fassen. Mal arbeitete er im Immobiliensektor, mal im Außendienst. Bis 2015 wechselte er von einem Job zum nächsten. Dann wurde Z. krank – und arbeitslos. Mit 56. Kein gutes Alter, um beruflich noch mal durchzustarten.

Doch die Motivation war da. „Er wollte unbedingt weiter arbeiten“, sagt Martina König vom Jobcenter Stuttgart, die auf Anfrage seinen Fall schildert. Außerdem ist Z. ja grundsätzlich qualifiziert. Zwei Voraussetzungen, um in den „Kundenstamm“ von König aufgenommen zu werden. Sie arbeitet im „Team Arbeitgeber“ des Jobcenters – eine Abteilung, die sie selbst als „eine Art Eliteeinheit“ beschreibt. Mit einer Intensivbetreuung versucht sie, Langzeitarbeitslose in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren, darunter viele Ältere wie Herr Z..

Bei ihm waren die Bemühungen erfolgreich. Mit 58 Jahren, nach einer Weiterbildung in Büromanagement und einem dreimonatigen Bewerbungscoaching, bekam er in einem Industrieunternehmen im Raum Stuttgart eine Vollzeitstelle als Bürokraft. Vorerst befristet, aber laut seiner Betreuerin mit „guten Chancen“ auf Weiterbeschäftigung. „Er ist regelrecht aufgeblüht“, freut sich König.

Das Besondere an dem Ansatz: Mit einem Betreuungsschlüssel von 1:50 haben König und ihre Kollegen viel mehr Zeit pro Fall als in der regulären Arbeitslosenbetreuung, und sie führen Arbeitslose und Unternehmen direkt zusammen. Mitunter schauen sie sich mögliche Stellen sogar selbst an, um zu prüfen, ob der Job für einen Schützling in Frage kommt. Auch dürfen sie mehr Geld als üblich für Zusatzqualifikationen in die Hand nehmen, manchmal vier- bis fünfstellige Beträge pro Fall. Das hat offensichtlich Wirkung: Die Vermittlungsquote liegt nach Einschätzung Königs bei mindestens 70 Prozent.

Mehrere Branchen haben Bedarf

Herr Z. steht aber auch für einen Trend: Die Nachfrage nach älteren Arbeitnehmern steigt. Das gilt nicht nur für den deutschen Rentner mit Expertenwissen, der als Berater im Ausland aktiv ist, oder für 65-jährige Spezialisten, denen Betriebe großzügige Angebote machen, damit sie nicht in den Ruhestand wechseln. Auch ältere Arbeitslose haben in Zeiten des Jobbooms bessere Chancen. Hält die Tendenz an, könnten Union und SPD ihrem im Koalitionsvertrag formulierten Ziel bald nahe kommen: Vollbeschäftigung zu schaffen. Die Parteien setzen dabei aber nicht allein auf die gute Wirtschaftsentwicklung. Zusätzlich planen sie ein milliardenschweres Jobprogramm. Es soll unter dem Titel „Teilhabe am Arbeitsmarkt für alle“ Langzeitarbeitslose fit für reguläre Jobs machen.

Vier Branchen sind es, die laut Deutschem Gewerkschaftsbund (DGB) dringend Arbeitskräfte suchen und bei denen die Chancen älterer Arbeitnehmer am besten sind: das Gesundheitswesen, die Altenpflege, technische Berufe und der Bausektor. Aber auch die Gewerkschafter gehen davon aus, dass der Staat nachhelfen muss. Die Pläne der möglichen Koalitionäre seien „ein begrüßenswerter Fortschritt“, steht in einer aktuellen DGB-Studie.

Bei der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK) setzt man dagegen auf die immer größer werdende Bereitschaft von Unternehmen, ältere Mitarbeiter einzustellen. Eine Umfrage habe ergeben, dass jeder vierte Betrieb grundsätzlich bereit sei, Arbeitnehmern zwischen 50 und 60 Jahren eine Chance zu geben, heißt es.

Professor Enzo Weber vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) relativiert indes das Jobwunder. „Es stimmt zwar, dass die Chancen für Ältere durch den Wirtschaftsboom besser geworden sind“, sagt der Experte. Er schränkt aber ein: „Der wesentliche Grund, warum die Arbeitslosenquote bei über 50-Jährigen zurückgeht, ist nicht, dass mehr eingestellt wird, sondern dass Ältere viel seltener entlassen werden als noch vor Jahren.“ Doch auch dieser Befund lässt sich als Beleg für die neue Wertschätzung der Älteren deuten.

Auch die IHK Region Stuttgart registriert „eine zunehmende Erwerbsbeteiligung Älterer“. Die Chancen seien aber abhängig von der Branche, sagt Oliver Kreh, zuständig für das Thema Fachkräfte. „Wird ein Ingenieur freigesetzt, findet er in der Regel wieder einen Job.“ Ein Unternehmen suche aber immer zuerst nach dem „optimalen Kandidaten“ – also möglichst jung, flexibel und auf dem aktuellsten Ausbildungsstand. Bei älteren Arbeitssuchenden steht dagegen oft der erhöhte Weiterbildungsbedarf im Weg.

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23.02.2018, 06:00 Uhr
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