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Ruf nach mehr Toleranz

Beschneidung: Israelitische Religionsgemeinschaft sieht keine Alternative

Ein neues Gesetz soll für Rechtssicherheit bei religiös motivierten Beschneidungen von jüdischen und muslimischen Jungen sorgen. Die Nachwehen der Debatte sind noch immer zu spüren - auch in Stuttgart.

19.10.2012

Von JAN-PHILIPP SCHÜTZE

Stuttgart Das Urteil, mit dem das Landgericht Köln im Mai dieses Jahres die religiös motivierte Beschneidung von minderjährigen Jungen für strafbar erklärte, hatte deutschlandweit harsche Kritik geerntet. Juden und Muslime werteten den Richterspruch als gravierenden Eingriff in ihr Recht auf religiöse Selbstbestimmung.

Mit Unverständnis reagierte auch die jüdische Gemeinde in Stuttgart auf den Richterspruch. "Das Urteil hat die Mitglieder unserer Gemeinde sehr betroffen gemacht", erinnert sich Barbara Traub, die Vorstandsprecherin der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs, die ihren Hauptsitz in Stuttgart hat. "Man hat sich hier in Deutschland aufgrund des Grundgesetzes sehr sicher gefühlt. Umso mehr hat uns das Urteil sehr erschreckt und verunsichert", so die 55-Jährige. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sich die Gemeinde im Zuge der öffentlichen Debatte immer wieder mit Anfeindungen von außerhalb konfrontiert gesehen habe. Schmähbriefe, Drohungen, längst vergessen geglaubte Vorurteile - "die Beschneidungsdebatte hat so manchen Bodensatz wieder hochgebracht", so Traub. Auf der anderen Seite habe man aber auch viel Beistand erfahren, beispielsweise von den christlichen Kirchen oder seitens des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, der Anfang September im Gespräch mit jüdischen und muslimischen Religionsvertretern das Recht auf religiöse Beschneidungen betont hatte.

Für eine "gewisse Beruhigung" gesorgt habe zudem die Aussage der Generalstaatsanwaltschaft in Stuttgart, die betont hatte, man werde bei religiös motivierten Beschneidungen in Württemberg auch weiterhin nicht strafrechtlich ermitteln. Ein wichtiges Zeichen für die Gemeinde, so Traub, zumal es von vornherein klar gewesen sei, dass man die Beschneidung "zur Not auch gesetzeswidrig" weiterhin praktiziert hätte. "Im schlimmsten Fall wären die Leute eben nach Frankreich oder in die Schweiz gefahren", so Traub, die 1992 aus Wien in die jüdische Gemeinde in Stuttgart wechselte und seit zehn Jahren die Vorstandsprecherin der Religionsgemeinschaft ist.

Jedes Jahr werden in der Württemberger Gemeinde mit ihren insgesamt rund 3100 Mitgliedern etwa vier bis fünf Neugeborene nach traditionellem jüdischen Ritus beschnitten. Alternativen zur Brit Mila, die ohne Narkose durchgeführt wird, gibt es in der Württemberger Gemeinde keine. "Die Beschneidung ist ein integraler Bestandteil unserer Religion", betont Traub, die selbst Mutter dreier beschnittener Söhne ist. An dieser "Substanz der jüdischen Religion" gebe es nichts zu rütteln. Dass das Bundeskabinett mittlerweile eine neue Gesetzesregelung auf den Weg gebracht hat, die eine medizinisch fachgerechte, möglichst schmerzfreie und gefahrlose Beschneidung durch speziell geschulte Beschneider erlauben soll, sieht Traub zwar grundsätzlich positiv. Sie sei aber skeptisch, dass die Neuregelung, die der Bundestag noch in diesem Jahr beschließen will, alleine für klare Verhältnisse sorgen kann. "Mit einem neuen Gesetz wäre zwar die Basis geschaffen, aber die Gesellschaft muss auch dahinterstehen", betont Traub. "Sonst wird alles ad absurdum geführt."

Bedenken hat sie auch hinsichtlich der Akzeptanz des jüdischen Glaubens in Deutschland. Die Beschneidungsdebatte, der Angriff auf einen Rabbiner Ende August in Berlin und andere antisemitische Vorfälle in letzter Zeit hätten auch in der Stuttgarter Gemeinde für eine erhöhte Unsicherheit gesorgt. "Ich habe das Gefühl, dass da Grenzmarkierungen verrückt wurden, die bislang so in Deutschland nicht möglich waren", betont Traub. "Da ist etwas ins Wanken geraten." Nun sei ein Punkt erreicht, wo man als Religionsgemeinschaft gegensteuern müsse. "Natürlich müssen wir uns auch nach außen öffnen", sagt Traub. "Aber wir müssen eben auf der anderen Seite auch dagegen halten, einen Standpunkt beziehen." Es sei mühsam, immer wieder seinen eigenen Glauben erklären und rechtfertigen zu müssen, ohne die nötige Toleranz und Akzeptanz entgegen gebracht zu bekommen.

Die jüdische Religionsgemeinschaft in Stuttgart umfasst rund 2100 Mitglieder. Sie reagierte mit Unverständnis auf das Urteil des Landgerichts Köln, das religiös motivierte Beschneidungen minderjähriger Jungen für strafbar erklärte. Foto: dpa

Barbara Traub: "Die Beschneidungsdebatte hat so manchen Bodensatz wieder hochgebracht."

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Erstellt:
19. Oktober 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
19. Oktober 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 19. Oktober 2012, 12:00 Uhr

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