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Berlinale extrem: Wie übersteht man einen Acht-Stunden-Film?
„Wiegenlied für ein trauriges Geheimnis“ heißt der tagesfüllende Film des Regisseurs Lav Diaz von den Philippinen. Foto: Alessandra De Rossi © Bradley Liew
Endloses Wiegenlied

Berlinale extrem: Wie übersteht man einen Acht-Stunden-Film?

Der längste Wettbewerbsfilm der Berlinale-Geschichte: „Hele Sa Hiwagang Hapis“. Acht Stunden philippinische Geschichte als Kunstkino? Ein Ereignis. Und noch mehr eine Zumutung. Protokoll eines Kinotags.

19.02.2016
  • MAGDI ABOUL-KHEIR

8.45 Uhr. Vor dem Berlinale-Palast herrscht gähnende Neugierde. Nur ein Film wird an dem Tag im Wettbewerb laufen. Aber der läuft den ganzen Tag: „Hele Sa Hiwagang Hapis“ ist 482 Minuten lang plus eine Stunde Pause, eine philippinisch-singapurische Koproduktion.

9 Uhr. Einlass. Keine Tasche, kein Essen, keine Getränke: „Galavorstellung“ und „Weltpremiere“. Es gibt überhaupt nur zwei Vorführungen.

9.10 Uhr. Ein Kollege erzählt von Regisseur Lav Diaz letztem Film, der in Locarno gewonnen hat, aber nur fünfeinhalb Stunden lang war. Eine Szene daraus: Am Horizont eines Reisfelds ist ein Punkt zu sehen. Der Punkt wird größer. Es ist ein Eselskarren, der auf die Kamera zurollt, endlich vorbeifährt. Sonst passiert nichts. Das dauert 15 Minuten.

9.30 Uhr. Die meisten der 1754 Plätze im Palast sind besetzt. Applaus für die Filmcrew, die mit Festivalleiter Dieter Kosslick einzieht.

9.45 Uhr. Nun geht s los. Allein die Aufzählung der Produzenten im Vorspann dauert zwei Minuten. Der Sitznachbar trägt Ballonseide.

9.55 Uhr. Der Film spielt in den 1890ern, im philippinischen Unabhängigkeitskampf. Ein Mann trägt ein Gedicht mit vielen Strophen vor. Dann wird ein Lied mit vielen Strophen gesungen. Der Filmtitel bedeutet auf Deutsch: „Wiegenlied für ein trauriges Geheimnis“. Herr Ballonseide müffelt.

10.20 Uhr. Der Film ist fast quadratisch. Und natürlich schwarz-weiß. Irgendein Schwachkopf wird morgen bestimmt vom „poetischen Schwarz-Weiß“ schreiben. „Die Dinge geschehen zu schnell“, sagt eine Filmfigur. Tun sie nicht.

10.50 Uhr. Also, die Handlungsstränge sind nun zu erkennen. Eine Frau sucht mit Gefährtinnen die Leiche ihres Mannes, des Freiheitskämpfers Andrés Bonifacio. Dazu müssen sie durch den Wald laufen. Und es geht um Simoun, einen Gefährten Bonifacios, der offenbar mit den Spaniern kollaboriert hat und nun um sein Leben fürchtet.

11.30 Uhr. Eine zerdehnte statische Einstellung nach der anderen. Es geht um Kampf, Gewalt, aber der Film zeigt nichts davon. „Man muss ausharren“, sagt eine Figur. Herr Ballonseide müffelt ziemlich.

12.10 Uhr. Im Film wird viel Opium geraucht. Bananen werden gegessen. Tagalog ist eine sich warm schlängelnde, auch leiernde Sprache. Dafür haben die Untertitel Rechtschreibfehler, das ist lustig.

12.25 Uhr. Menschen gehen durch den Wald.

12.46 Uhr. Menschen gehen durch den Wald.

13.10 Uhr. Jetzt ist der Film schon länger als „Ben Hur“. Nur ohne Wagenrennen. Dafür: lange Dialoge über die Brutalität. Und noch längeres Schweigen.

13.40 Uhr. Es herrscht ein gewisses Kommen und Gehen im Kino. Vor allem ein Gehen. „Was ich weiß, ist, dass die Zeit rennt“, sagt Kollaborateur Simoun. Eher nicht.

14.05 Uhr. Nun ist Simoun erschossen worden. Pause. Zwischenurteil: Der Film ist bleiern, prätentiös. Ein Witzbold schlägt vor, einen philippinischen Imbiss zu suchen.

15.05 Uhr. Gut die Hälfte der Zuschauer ist zurückgekommen. Simoun ist gar nicht tot, sondern wird durch den Wald getragen. Das wechselt sich mit Szenen der Frauengruppe ab, die durch den Wald geht.

15.50 Uhr. Die Schwarz-Weiß-Bilder sind wirklich poetisch.

16.29 Uhr. Die Zeit verrinnt. . .

16.30 Uhr. . . . sehr langsam.

16.45 Uhr. Huch, nun fehlt irgendwie ein Viertelstündchen. Scheint aber nicht viel passiert zu sein.

17 Uhr. Fast alle Figuren sind zusammengekommen. Im Wald, wo sonst. Der steht bestimmt für das Dickicht der Moral.

17.20 Uhr. Habgier und Totschlag überall! Und dazu Herr Ballonseide, der noch mehr stinkt.

17.45 Uhr. Kollaborateur Simoun ist noch immer nicht tot. Das Gedicht vom Anfang wird wieder vorgetragen. Mit allen Strophen. „Wie lange wird es noch dauern?“, fragt ein Gefährte Simouns. Der Regisseur will sagen, dass der Kampf um die Freiheit bis in die Gegenwart reicht. Anscheinend in Echtzeit.

18.20 Uhr. Natürlich kann das alles nicht gut ausgehen. Jetzt holt der Tod doch die Seinen.

18.48 Uhr. Es ist vorbei. Erst mürrischer, müder Applaus. Dann Jubel - vielleicht beklatscht das Publikum sich auch selbst. Und man könnte mal philippinisch essen gehen.

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19.02.2016, 10:45 Uhr
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