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Teheraner Museum verleiht erstmals bedeutende Werke der westlichen Moderne ins Ausland

Berlin steht Kunstsensation bevor

Nach dem Atomvertrag wird Irans einzigartige Sammlung moderner westlicher Kunst erstmals im Ausland gezeigt – Anfang Dezember in Berlin.

15.08.2016
  • MARTIN GEHLEN

Teheran. Majid Mollanoroozis Augen leuchten. „Vom ersten Tag an war das mein wichtigstes Ziel“, sagt er schmunzelnd. Seit Frühjahr 2014 steht der füllige 50-Jährige an der Spitze des Teheraner Museums für Gegenwartskunst, welches 1977 noch kurz vor der Islamischen Revolution eingeweiht worden war. Seitdem lagern in den Katakomben des Hauses einzigartige Kunstschätze, die alle politischen Wirren bislang schadlos überstanden haben. Und so besitzt der Iran heute die wohl bedeutendste Sammlung westlicher Gegenwartskunst außerhalb Europas und der USA. Nach 40 Jahren im Verborgenen soll diese Sammlung Anfang Dezember erstmals außerhalb des Landes gezeigt werden – und zwar in Berlin.

Zusammengetragen von der Frau des letzten persischen Schahs, Farah Diba Pahlavi, verschwanden die Werke nach dem Sturz des Monarchen in der Unterwelt des Museums, dessen Architektur den traditionellen Windtürmen iranischer Wüstenstädte nachempfunden ist. Oben in den Ausstellungsräumen dominierten fortan revolutionäre Gemälde, linientreue einheimische Bilder, Teppiche, Kalligraphien sowie traditionelle Miniaturmalerei.

20 Jahre lang waren die weltberühmten Werke des Impressionismus und Kubismus, der Op Art, Pop Art und Minimal Art als Ausdruck westlicher Dekadenz verpönt. Erst nach der Wahl des kunstsinnigen Reformpräsidenten Mohammed Chatami 1998 kamen kleinere Teile der Sammlung, die insgesamt 1500 Arbeiten umfasst, für jeweils einige Wochen wieder ans Tageslicht. 20 Werke von Pablo Picasso, Edvard Munch und Auguste Renoir, auf denen Nacktheit zu sehen ist, sind jedoch bis heute fürs iranische Publikum tabu – darunter Renoirs „Gabrielle à la chemise ouverte“, ein zartes Frauenporträt mit entblößten Brüsten, das einst das Schlafzimmer des Schahs geschmückt haben soll.

Von Francis Bacons Triptychon „Two Figures Lying on a Bed with Attendants“, einer Dreier-Szene mit homoerotischen Motiven, musste 2005 nach Protesten islamischer Moralwächter der mittlere Teil noch während der Vernissage entfernt und wieder zurück ins Kellerdepot des Museums geschafft werden.

Ein spiralförmiger Wandelgang wie im New Yorker Guggenheim Museum führt hinunter in die sagenumwobene Schatzkammer, deren Chefwächter seit 1996 Ehsan Abbasi ist. Den langen, doppelbärtigen Tresorschlüssel für die schwere Eisentür hütet der untersetzte, grauhaarige Mann wie seinen Augapfel. Drinnen im fensterlosen Neonlicht rauscht die Klimaanlage. An der Kopfwand auf Styroporstützen lehnt Picassos 2,14 Meter hohes „The Painter and his Model“ von 1927. „Bitte Vorsicht, das ist ein Picasso“, warnen Abbasi und seine Mitarbeiter höflich jeden, der der kostbaren Leinwand auch nur etwas nahe kommt. Mit gekonntem Schwung ziehen sie die rollenden Gitterwände heraus, dicht an dicht behängt mit Arbeiten von Claude Monet, Max Ernst, Mark Rothko, Pablo Picasso, Francis Bacon, Victor Vasarely, Roy Lichtenstein und Andy Warhol.

30 dieser Meisterstücke mit einem Marktwert von 1,5 Milliarden Euro plus 30 Arbeiten iranischer Künstler werden im Dezember in der Gemäldegalerie des Berliner Kulturforums an der Spree zu sehen sein, darunter Jackson Pollocks „Mural on Indian Red Ground“ (1950), das als Hauptwerk des amerikanischen Aktionskünstlers und als ein Schlüsselbild des abstrakten Expressionismus gilt.

Die Idee zu diesem kühnen Projekt wurde in Gesprächen zwischen Majid Mollanoroozi und seinem Frankfurter Kollegen Max Hollein geboren. Der Vater des 47-Jährigen, der im Juni nach 15 Jahren an der Schirn Kunsthalle zu den Fine Arts Museums in San Francisco wechselte, hatte das Teheraner Museum für Glas und Keramik gebaut. Mehr als ein Jahr lang feilte das deutsch-iranische Duo hinter verschlossen Türen an seinem kreativen Coup, bis beide im Herbst 2015 die Politik einweihten.

Die Kosten für Versicherung und Transport teilen sich die deutsche und die iranische Regierung.

„Ich habe keinen Zweifel, diese Kunst wird die Welt verzaubern. Sie kann die Gräben zwischen unseren Nationen überwinden“, sagt Mollanoroozi, der dekorative Malerei studiert hat und während der achtjährigen Präsidentschaft des Hardliners Mahmud Ahmadinedschad beruflich kaltgestellt war. „Erstmals wird eine Sammlung vorgestellt, die in ihrer Zusammensetzung und in ihrer Geschichte einzigartig ist“, frohlockt auf deutscher Seite der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger. Noch nie sei ein westliches Museum in der Lage gewesen, die in Teheran gesammelte, weitestgehend verborgene europäische und amerikanische Moderne zu zeigen und sie iranischer Malerei gegenüberzustellen. „Berlin steht vor einer Kunstsensation“, ist sich Parzinger sicher.

Einen dunklen Schatten auf die Zusammenarbeit wirft jedoch die dubiose Rolle von Majid Mollanoroozi beim diesjährigen Holocaust-Karikaturenwettbewerb in Teheran. Bei der Preisverleihung am 30. Mai im Sarcheshmeh-Kulturzentrum stand er zusammen mit den Organisatoren auf einer mit Hakenkreuzen drapierten Bühne, um den vier prämierten Holocaust-Leugnern ihre Urkunden zu überreichen. Den Ausstellungsvertrag mit Berlin, wo das monströse Menschheitsverbrechen im Dritten Reich geplant worden war, hatte er gerade zwei Wochen vorher im Beisein von Außenminister Frank-Walter Steinmeier unterschrieben. Als Ehrengast zur Ausstellungseröffnung lud ihn Berlin nun wieder aus. Stattdessen kommt Ali Moradkhani, einer von Irans Vizekulturministern.

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15.08.2016, 06:00 Uhr
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