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Bekenntnis eines Wankelmütigen
Kontrast zur Welt der Eliten: Sigmar Gabriel als Fremdenführer in seiner Heimatstadt Goslar. Foto: dpa
Auf seiner Sommertour lässt SPD-Chef Sigmar Gabriel keinen Zweifel an seiner Kanzlerkandidatur

Bekenntnis eines Wankelmütigen

SPD-Chef Gabriel lässt, ein Jahr vor der Bundestagswahl, keinen Zweifel mehr zu, dass er 2017 als Kanzlerkandidat antritt. Es ist ja auch seine letzte Chance.

06.08.2016
  • GUNTHER HARTWIG

Berlin. Sigmar Gabriel schwitzt. Im Hochofen der Salzgitter AG fließt 1500 Grad heißes Roheisen vorbei und versprüht Funken. Wer Hitze scheut, sollte nicht zu den Stahlkochern gehen, denkt sich der Boss aller Genossen und blinzelt durch seine Schutzbrille. Gerade hat Konzernchef Heinz Jörg Fuhrmann seinem Gast ein dickes Kompliment gemacht: „Es hat sich für uns gelohnt, dass Herr Gabriel Wirtschaftsminister ist. Er neigt nicht wie andere zu einer irrationalen Umwelt- und Energiepolitik, das ist eine tolle Leistung.“

Puh, denkt man, ganz schön aufgetragen, dieses Lob aus dem Mund eines erfolgreichen Topmanagers. Fuhrmann spürt, dass sein freundliches Urteil über den Vizekanzler als parteipolitische Gefälligkeit missverstanden werden könnte, und schiebt nach: „Ich werde nicht rot, wenn ich so etwas sage.“ Der Professor, muss man dazu wissen, ist CDU-Mitglied.

Für Gabriel geht es auf seiner Sommerreise erkennbar um Korrekturen an seinem öffentlichen Erscheinungsbild. Mag der Wirtschaftsminister nach der einstweilen gescheiterten Übernahme von Kaiser's durch Edeka auch angeschlagen sein – Gabriels Kampf um Arbeitsplätze im Einzelhandel wie in der durch asiatisches Lohndumping bedrohten Stahlbranche wird anerkannt. Im Gespräch mit Betriebsräten und Auszubildenden erklärt der Minister: „Man muss stehen.“

Nun klingt dieser Satz, ehrlich gesagt, nicht gerade nach einer zutreffenden Selbstauskunft eines Mannes, dem oft genug Wankelmut und Sprunghaftigkeit vorgeworfen werden. Rauflust, Witz und Schlagfertigkeit werden bei Gabriel immer wieder von „Phasen der Geknicktheit“ verdrängt, das räumt er ein. Doch nach seinem Familienurlaub an der Nordsee ist er nicht nur tiefgebräunt, sondern auch innerlich erholt und entschieden. Der begleitende Medientross erlebt den SPD-Frontmann im Vorwahlkampfmodus – seine Tour ist ein einziges Statement: Klar doch, ich trete an als Kanzlerkandidat meiner Partei.

Natürlich weiß Gabriel, dass er weder in den eigenen Reihen noch gar in der breiten Wählerschaft unumstritten ist und in nächster Zeit mancher Stolperstein lauert – die Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin mit zwei SPD-Ministerpräsidenten auf der Kippe, danach die Entscheidung des Parteikonvents über das Freihandelsabkommen Ceta. Aber er sieht, wenn er selbst als Herausforderer von Angela Merkel ins Rennen geht, auch Vorteile gegenüber 2009 und 2013: Die Personalunion von SPD-Chef und Spitzenkandidat, die bröckelnde Popularität der CDU-Kanzlerin und die nach Thüringen nicht mehr ganz so unwahrscheinliche Option einer rot-rot-grünen Koalition.

Der stärkste Antrieb für Gabriels Entschluss ist freilich sein Machtinstinkt. Würde er wieder kneifen, stünden sofort auch der SPD-Vorsitz und sein Ministeramt zur Disposition. „Sigmar kann gar nicht anders, als es selbst zu machen, sonst verabschiedete er sich aus der Politik“, meint ein Sozialdemokrat aus dem Bundeskabinett. Zwar kokettiert Gabriel gelegentlich mit seinem ruhenden Arbeitsvertrag als Deutsch-Lehrer in der Erwachsenenbildung: „Ich könnte, wenn alles schief geht, sofort wieder anfangen.“ Doch ernst meint er das sicher nicht.

Also paukt er lieber für einen heraufdämmernden Bundestagswahlkampf, der sich gewaschen haben dürfte. Trotz der sinkenden Umfragewerte für Angela Merkel wird sich Gabriel nicht auf eine personalisierte Auseinandersetzung mit der Kanzlerin einlassen. In seiner Heimatstadt Goslar, die der „Harzer Roller“ den Berliner Journalisten als kundiger Fremdenführer präsentiert, wirbt die örtliche SPD für die Kommunalwahl am 11. September mit dem Slogan: „Gut geht nur im Team.“ Gabriel als Mannschaftsspieler – das wäre wirklich mal was Neues.

Am Image des netten Familienmenschen feilt er ja schon ein bisschen länger. Anrührende Anekdoten über seine kleine Tochter und seine selbständige Ehefrau aus Ostdeutschland, die inzwischen als Zahnärztin in Goslar praktiziert, finden gehörigen Platz in bunten Magazinen. Bereitwillig gibt Gabriel auch Auskunft über seine Kindheit in „schwierigen Verhältnissen“, seinen Vater, den er einen „bis zuletzt überzeugten Nazi“ nennt, und seine an Helmut Kohl erinnernde Verbundenheit mit seiner provinziellen Heimat – als Kontrast zur Welt der abgehobenen Eliten.

Und die Themen, mit denen die SPD im September 2017 über die undankbare Rolle als ewiger Juniorpartner der Union hinauswachsen will? Die Menschen, ahnt Gabriel, suchen Halt und Sicherheit in einer als bedrohlich empfundenen Welt, zu viel Veränderung wollen sie nicht. Aber eine SPD ohne Reformanspruch kann der Vorsitzende seiner Partei auch nicht zumuten. Ein Geheimrezept zur Eroberung des Kanzleramts hat er nicht. Sein Trost: Angela Merkel macht momentan ebenfalls nicht den Eindruck, als hätte sie für alle Probleme eine überzeugende Lösung parat.

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06.08.2016, 06:00 Uhr
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