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Leichtathletik

„Bei uns wird es nicht langweilig“

Niko Kappel ist mit 23 Jahren bereits Paralympics-Sieger und Weltrekordler. Der Kugelstoßer sieht für sich noch Potenzial. Heute startet der Welzheimer im Rahmen der DM in Nürnberg.

20.07.2018

Von WOLFGANG SCHEERER

Niko Kappel: Stolz auf seinen Weltrekord Mitte Juni in Leverkusen mit dem ersten Stoß über die 14-Meter-Marke. Foto: Eibner

Welzheim/Nürnberg. Große Bühne fürs Kugelstoßen auf dem Nürnberger Hauptmarkt: Am Vorabend der deutschen Meisterschaften werden hier heute die ersten Medaillen vergeben. Mit dabei im Rahmenwettkampf: Niko Kappel, 23-jähriger Welzheimer im Trikot des VfL Sindelfingen. Sein sportlicher Traum geht weiter. Der kleinwüchsige Kappel, der knapp unter 1,40 Meter misst, ist Goldmedaillengewinner der Paralympics 2016 in Rio, deutscher Behindertensportler des Jahres, Weltrekordler mit dem ersten Stoß über 14 Meter. Im Interview spricht der ehemalige Fußballer auch über die schwierigste Phase seiner bemerkenswerten Athletenkarriere.

Herr Kappel, die Vier-Kilo-Kugel hat Ihr Leben verändert. Wann war Ihnen klar, dass es so kommen könnte?

2014. Da war ich an einem Tiefpunkt und eigentlich schon kurz davor aufzugeben. Mit der Angleittechnik kam ich kaum über zehn Meter, es ging nichts mehr vorwärts. Mit Trainer Peter Salzer am Olympiastützpunkt Stuttgart habe ich dann den Stil umgestellt auf Drehstoß. Und siehe da: Bald ging es weit über die Zwölf-Meter-Marke. Damit begann der große Traum von Rio.

Den Sie sich 2016 erfüllt haben.

Unglaublich! Da habe ich zum ersten Mal den langjährigen Dominator Bartosz Tyszkowski bezwungen – um einen Zentimeter. Für mich ist wirklich der größte Wunsch in Erfüllung gegangen.

Und kürzlich haben Sie den Polen mit 14,02 Metern als Weltrekordler entthront. Sehen Sie sich auch als Gold-Favorit der Para-EM in Berlin?

Alles läuft am 20. August auf ein Duell zwischen uns beiden hinaus. Bartosz hat mir eine Mail geschickt: „I beat you“ – ich bezwinge Dich. Es wird spannend.

In der Jugend waren Sie begeisterter Fußballer. Warum überhaupt der Disziplinwechsel?

Ich habe beim FC Welzheim im Sturm gespielt, war ein Kopfballungeheuer (lacht). Mit 13 habe ich die Paralympics 2008 in Peking im Fernsehen verfolgt. Das war so faszinierend, dass es etwas in mir auslöste: Sich mit Deinesgleichen messen, das wär's! Bei den TSF Welzheim habe ich dann mit Leichtathletik begonnen.

Ein frühes Beispiel für Inklusion?

Genau, nur glaube ich, der Begriff war damals keinem geläufig. Ich habe einfach alles mitgemacht: Lauf, Weitsprung, Hoch- oder besser Tiefsprung (lacht) und technische Disziplinen wie Kugel und Speer. Bei den beiden bin ich dann hängengeblieben. Nur Kugelstoßen und Speerwerfen sind in meiner Klasse paralympisch. Wettbewerbe der Kleinwüchsigen sind erst seit 2004 im Programm. Inzwischen ist alles viel professioneller geworden, die Leistungen sind regelrecht explodiert. 2004 ging Kugel-Gold mit neun Metern weg, bei mir 2016 mit 13,57.

Nun haben Sie als erster Kugelstoßer Ihrer Klasse die 14-Meter-Marke geknackt. Was ist da noch möglich?

Es ist eine junge Disziplin mit viel Potenzial. Das wird nicht langweilig. Ich bin ja auch noch recht jung. Schwer zu sagen, wie weit es noch gehen kann. Ich arbeite jedenfalls dran. Im Vergleich zu einem Star wie David Storl fehlen mir beispielsweise noch 10 000 Stöße Trainingsroutine. Ich hoffe auch, dass weitere Kleinwüchsige dazukommen und wir noch viele gute Wettkämpfe haben.

Sie sind gelernter Bankkaufmann und waren Kundenberater bei der Volksbank Welzheim, konzentrieren sich jetzt aber voll auf Ihren Sport?

Ich bin eigentlich Profisportler, nehme das Wort aber nicht gerne in den Mund. Ich sehe mich deshalb viel lieber als Sporturlauber (schmunzelt), weil ich die Zeit habe, mich voll aufs Training und die Wettkämpfe zu fokussieren. Bei der Volksbank bin ich weiterhin angestellt und kann jederzeit zurückkehren, falls ich mich beispielsweise verletzen sollte. Ich bin meinem Arbeitgeber sehr dankbar. Und natürlich meinem aktuellen Verein VfL Sindelfingen und allen Sponsoren, die mich unterstützen.

Das Fernziel ist also klar: Tokio 2020.

Absolut. Ich freue mich auf das Erreichte und die Zukunft. Und darüber, der Leichtathletik etwas zurückgeben zu können und für unseren Sport in Deutschland etwas zu tun. Leichtathletik hat es hier ja nicht mehr so leicht. Im Para-Sport stehen wir ganz gut da und haben den Vorteil, dass Fußball bei uns nicht so dominiert. Umso attraktiver ist der Stellenwert der Leichtathletik für Talente mit Behinderung.

Bei der deutschen Meisterschaft am Wochenende in Nürnberg sind die Kugel-Wettbewerbe auf Freitag vorgezogen, publicityträchtig am Hauptmarkt ausgetragen, nicht im Stadion. Auch Sie werden dabei sein.

Wir Para-Athleten stoßen bei einem Einlage-Wettbewerb. Das ist cool. Es zeigt, dass die Verzahnung zwischen Para-Leichtathletik und Leichtathletik der Nichtbehinderten immer mehr im Kommen ist. Das freut mich wahnsinnig. Denn wir profitieren davon. Ich hoffe, das gilt auch umgekehrt, wenn wir mit Leistungen bei solchen Veranstaltungen überzeugen können. Für mich ist nur ganz wichtig, dass nie der Eindruck entsteht, wir wollten den anderen Athleten etwas wegnehmen. Deshalb ist es gut, außerhalb der Meisterschaftswertung zu starten. Sonst wäre ja nur fair, dass ein David Storl auch bei den Paralympics mitmachen und haushoch gewinnen könnte.

Die Europameisterschaft in Berlin wird vom 6. bis 12. August ausgetragen im Olympiastadion ausgetragen, die Para-EM vom 20. bis 26. August im Jahn-Sportpark. Werden Sie schon vorher zuschauen?

Klar will ich sehen, wie die deutschen Stoßerinnen und Stoßer, darunter ja auch Klubkollegen, abschneiden und sie anfeuern. Gleichzeitig beginnt für mich im Trainingslager in Kienbaum bei Berlin die heiße Phase vor meinem Start gleich am ersten Tag der Para-Europameisterschaft. Aber bestimmt kann ich öfter zwischen Kienbaum und dem Olympiastadion pendeln.

Was können Sie von deutschen Kugelstoßstars wie David Storl oder Christina Schwanitz lernen?

Besonders die absolute Fokussierung auf den Wettkampf. Es darf einfach nichts ablenken. Das war und ist bei mir nicht immer so.

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Erstellt:
20. Juli 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
20. Juli 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. Juli 2018, 06:00 Uhr

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