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Bei den Brandstiftern brennt es
Nach Nigel Farages Rücktritt von der Parteispitze ergeht sich Ukip im Streit um die Nachfolge. Foto: afp
Die Brexit-Partei stürzt nach ihrem Erfolg in eine Führungs- und Identitätskrise

Bei den Brandstiftern brennt es

Die „Partei für die Unabhängigkeit des Vereinigten Königreichs“ hat ihr Gründungsziel erreicht. Nun befindet sich Ukip in einer schweren Krise.

09.08.2016
  • HENDRIK BEBBER

Posse oder Tragik-Komödie? So genau ist das noch nicht zu sagen. Fest steht nur: Was die britische Ukip-Partei zurzeit zu bieten hat, besitzt für Außenstehende hohen Unterhaltungswert. Ränkespiele, Machtkämpfe, Chaos – keine zwei Monate nach ihrem Triumph beim Brexit-Referendum ist die Rechtspartei auf dem besten Wege, sich in aller Öffentlichkeit selbst zu zerlegen.

Ein Blick zurück: „Ich will mein Leben wieder haben,“ begründete Nigel Farage zehn Tage nach seinem größten Triumph den Entschluss, nach fast zehn Jahren an der Spitze der rechtspopulistischen Partei das Handtuch zu werfen. „Ich habe meinen Teil für das Land getan“, sagte er selbst zufrieden. Der 52-jährige Politiker kam aus dem Nichts und wurde zum Rammbock, der die Festen der etablierten Parteien erschütterte und schließlich die Mitgliedschaft Großbritanniens in der Europäischen Union zertrümmerte.

Nichts schien Farages Popularität bei den EU-Gegnern zu schaden. Seine Fernsehdebatten dominierten Verdrehungen, krasse Lügen und Plattitüden wie „Ich will mein Land zurück“, das die Brexit-Kampagne zum Katechismus des Referendums machte. Auch die Enthüllungen, wie Farage und seine Ukip-Riege im von ihm so geschmähten Straßburger Europaparlament bei den Gehältern und Spesen absahnen, obwohl sie zu den faulsten Abgeordneten zählen, dämpften die Beliebtheit der ideologischen Brandstifter nicht, die die EU für alle Übel in Großbritannien verantwortlich macht.

Ukip war eine Einmann-Partei mit einem einfältigen Programm und nun ist der Dampf raus. Die Partei, die vollkommen in Farages Schatten stand, zerfleischt sich in Intrigen und kleinlichen Rivalitäten. Farage hatte den Europarlamentarier Steven Woolfe als seinen Nachfolger favorisiert. Doch dieser reichte seine Kandidatur angeblich 17 Minuten zu spät ein, weswegen ihn der Parteirat disqualifizierte. Der Skandal war perfekt: Kritiker sprechen von einem „Putsch“ gegen den 48-jährigen Rechtsanwalt und Farage-Liebling. Darauf traten mehrere Mitglieder des Parteirats zurück. Britische Medien titeln: Bürgerkrieg in der Partei. Farage schäumt vor Wut. Und das Parteivolk muss sich nun anhand einer Liste von fünf Kandidaten und Kandidatinnen bedienen, unter deren Namen man sich kaum etwas vorstellen kann. „Die Landkarte unserer Fraktionen ist komplexer als die Karte Syriens“, verrät ein Ukip-Mann.

Man sollte jedoch nicht in den gleichen Fehler verfallen wie David Cameron, der „Ukip“ als eine „Ansammlung von Spinnern“ sah. Das erwies sich als verhängnisvoller Irrtum. Die Rechtspopulisten wurden fast aus dem Stand die Protestbewegung der Briten, die sich von den etablierten Parteien verraten fühlten. Ukip gewann 2014 die Wahlen zum EU-Parlament. 2015 bekam sie fast vier Millionen Stimmen bei den britischen Parlamentswahlen. Obwohl dies mehr als der Stimmenanteil der schottischen Nationalpartei und der Liberaldemokraten war, bekam Ukip wegen des britischen Wahlrechts nur einen einzigen Sitz im Unterhaus.

Um Ukip den Wind aus den Segeln zu nehmen, zwang der EU-feindliche Flügel der Konservativen Premierminister David Cameron zu dem fatalen Volksentscheid um den EU-Austritt. Seine Nachfolgerin Theresa May war zwar für den Verbleib in der EU, aber verpflichtet sich als neue Premierministerin, den Brexit durchzuführen. Auch ihr sitzt Ukip weiter im Nacken und will darüber wachen, dass der Brexit nicht vom „Establishment“ verwässert wird. Ukip dezimierte die Liberaldemokraten und bleibt auch für Labour ein großes Problem, weil sie der Arbeiterpartei selbst in deren einstigen Hochburgen viele Stimmen raubte.

Wenn sich die pessimistische Prognosen für die wirtschaftlichen und sozialen Folgen des Brexit bewahrheiten, dann wird Ukip als Ventil für Ärger, Frust und Ängste der besonders betroffenen Bürger in den unteren Einkommensklassen weiter eine tragende Rolle in der britischen Politik spielen.

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09.08.2016, 06:00 Uhr
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