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Bei Anruf Arzt
Sprechstunde am Computer: In Stuttgart und im Kreis Tuttlingen können sich Patienten per Videochat von einem Arzt behandeln lassen. Foto: Sebastian Gollnow/dpa
Telemedizin

Bei Anruf Arzt

Sprechstunde per Videochat: Die Kassenärztliche Vereinigung hat in Baden-Württemberg ein bundesweit einmaliges Modellprojekt gestartet.

06.07.2018
  • DAVID NAU

Stuttgart. Der Nächste bitte!“ Wenn der Allgemeinmediziner Dr. Michael Thomas Becker im Sprechzimmer seiner Praxis in Karlsruhe-Oberreut sitzt, dann muss nach diesem Satz nicht unbedingt die Tür aufgehen und ein neuer Patient hereinkommen. In letzter Zeit kommt es auch immer öfter vor, dass Becker dann zu Maus und Headset greift und auf seinem Bildschirm auf den Button „Fall übernehmen“ klickt. Per Videochat erscheint der Arzt dann auf dem Bildschirm seines Patienten und fragt: „Wie kann ich Ihnen helfen?“

Dr. Becker ist einer von rund 40 niedergelassenen Ärzten im Land, die an einem Modellprojekt der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) teilnehmen. Seit April können sich gesetzlich Versicherte bei „Docdirekt“ per Telefon, App oder Videochat von einem Arzt beraten und behandeln lassen. Die Kosten übernimmt die Kasse.

In Deutschland betritt die KVBW mit ihrem Projekt Neuland (siehe Infokasten). „In anderen Ländern wird das Modell schon lange praktiziert“, sagt Kai Sonntag, Sprecher der KVBW. In der Schweiz ist die Behandlung per Telemedizin bereits seit den frühen 2000er Jahren Alltag, Versicherte bekommen sogar günstigere Tarife, wenn sie sich verpflichten, zunächst in die Online-Sprechstunde zu gehen. Bislang habe es dort noch keine Probleme beim Thema Telemedizin gegeben. „Man kann mit Fug und Recht behaupten: Es funktioniert“, sagt Sonntag.

Im Land allerdings bislang nur im Stadtkreis Stuttgart und im Landkreis Tuttlingen. „Ganz Baden-Württemberg mit seinen 10 Millionen gesetzlich Versicherten wäre zu ambitioniert gewesen“, sagt Sonntag. Deswegen habe sich die KVBW mit dem städtischen Stuttgart und dem ländlichen Tuttlingen zwei sehr unterschiedliche Gebiete ausgesucht.

Helferinnen erfassen Symptome

Wenn gesetzlich versicherte Patienten in den beiden Modellregionen akut krank sind und ihren Hausarzt oder Facharzt nicht erreichen, können sie die Docdirekt-Nummer wählen. Sie landen dann zunächst in der Zentrale in Stuttgart, wo fünf speziell geschulte Arzthelferinnen die Anrufe annehmen. „Erst wird geklärt, ob es sich um einen Notfall handelt“, erklärt Sonntag. Ist das der Fall, wird der Anrufer an den Rettungsdienst weitergeleitet.

Falls nicht, erfassen die Arzthelferinnen die Symptome des Patienten, klären seine medizinische Vorgeschichte und eventuelle Allergien und leiten den Fall an einen Telearzt weiter, der sich dann innerhalb kurzer Zeit beim Patienten meldet.

„Optimal“, sagt Dr. Becker, „ist natürlich der Videochat: Dann kann ich mir zum Beispiel eine Wunde am Bein anschauen.“ Sei die nicht entzündet und könne der Patient ohne große Schmerzen stehen, könne er einen Knochenbruch ausschließen. In einem anderen Fall hatte Becker einen Patienten im Videochat, der seit Wochen auf einen Termin beim Augenarzt wartete. „Er hatte etwas am Auge und Ausfluss aus der Nase“, erinnert sich der Allgemeinmediziner. Er vermutete einen ganz normalen Heuschnupfen und empfahl dem Mann ein frei verkäufliches Spray aus der Apotheke. „Damit war sein Problem gelöst“, sagt Becker.

Es gibt jedoch auch Fälle, da kommt die Fernbehandlung an ihre Grenzen. „Ein Patient mit einem akuten Hörsturz muss zum Beispiel mit einer Infusionstherapie behandelt werden“, sagt Becker. Dafür kann der Telearzt ihn an eine so genannte „patientennahe Portalpraxis“ (PEP) verweisen, die noch am selben Tag die Behandlung übernimmt.

Wie viele Patienten das Angebot bislang genutzt haben, will die KVBW nicht sagen. Nur so viel: „Wir sind, was den Start angeht, zufrieden.“ Inzwischen sei die Zahl der Anrufe zurückgegangen, sagt Sonntag. Deswegen plane man nun eine Werbekampagne. Becker behandelt an machen Tagen überhaupt keinen Patienten per Videochat, an anderen Tagen gleich mehrere.

Was aber passiert, mit den Daten der Patienten? Betrieben wird die technische Plattform hinter Docdirekt vom Start-Up-Unternehmen TeleClinic. Das erfülle „die strengsten Richtlinien“, versichert Sonntag. Alle Server stünden in Deutschland, außerdem hätten nur die beteiligten Ärzte Zugriff auf das System.

Becker ist von dem Projekt begeistert: „Es ist spannend, eine neue Entwicklung zu begleiten.“ So positiv wie er, sehen aber nicht alle Ärzte die Fernbehandlung. „Es gibt durchaus Kollegen, die sagen: Ich will mir ein Gesamtbild machen“, erklärt Dr. Oliver Erens, Sprecher der Landesärztekammer. Das kann auch Becker verstehen. Für ihn ist die Fernbehandlung nur ein zusätzliches Angebot zur normalen Arztpraxis. Er wolle sich ja nicht hinter dem Bildschirm verstecken, sagt er und lacht.

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06.07.2018, 06:00 Uhr
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