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Gesang als Art der Empörung

Begeisterung beim kapitalismuskritischen Konzert

Ansingen gegen den Ausverkauf öffentlicher Güter: Am Samstag sind fünf Chöre um die Reutlinger „Zwischentöne“ und den Tübinger Ernst-Bloch-Chor gemeinsam vor 450 Besuchern in der Reutlinger Listhalle aufgetreten.

07.05.2012

Von Moritz Siebert

Reutlingen. „Freilich dreht das Rad sich immer weiter; Dass, was oben ist, nicht oben bleibt; Aber für das Wasser unten heißt das leider; Nur: Dass es das Rad halt ewig treibt.“ Aus 140 Kehlen erklang die Ballade vom Wasserrad – laut, eindringlich und monumental. In Gemeinschaft die Stimme gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung, gegen Obrigkeit und Herrschaft der Reichen zu erheben – eine solche Aufführung dürften Bertold Brecht und Hans Eisler wohl vorgeschwebt sein, als sie das Werk 1934 schrieben. Ob sie aber ahnten, dass die Ballade 75 Jahre später immer noch so drastische Aktualität haben wird?

2005 schlossen sich fünf baden-württembergische Chöre um den Bloch-Chor und die „Zwischentöne“ zu einem Netzwerk zusammen. Alle Ensembles teilen die Affinität zu sozialkritischen und politischen Themen. In unregelmäßigen Abständen gelingt es den Musikern, ein solches Riesenprojekt wie in der Listhalle auf die Beine zu stellen: 140 Musiker empören sich mit Gesang über gesellschaftliche Missstände.

Es gehe darum, sagte Matthias Böning, Vorsitzender des Reutlinger Chors, „nicht nur Lieder aufzuführen, die ohrgängig sind, sondern auch eine Aussage haben.“ Der thematische Schwerpunkt des Konzerts lag auf gesellschaftlichen Auswirkungen der Macht- und Finanzverhältnisse und auf dem Ausverkauf öffentlicher Güter wie Kultur, Schulen, Gesundheitswesen oder Wasser.

Nach fulminantem gemeinsamem Beginn traten die fünf Chöre mit eigenen Programmen auf. Von gesprochenen Passagen aus den „Manifesten des Widerstands“ über ein spannendes Chorarrangement von Manu Chaos „Clandestino“ bis zum Irving-Berlin-Swing „Puttin? on the Ritz“, das das Leben der Gutbetuchten zynisch nachzeichnet, führte der freie Chor Stuttgart das Publikum quer durch Stile und Sprachen.

Der Tübinger Ernst-Bloch-Chor, geleitet von Anne Tübinger, trat mit thematisch einheitlichem Programm auf: „Steter Tropfen“, eine Wassermusik, bei der es sich keineswegs um barocke Suiten handelt, sondern um Chor-Kompositionen, die sich gegen die „kapitalistische Zumutung“ der Privatisierung von Wasser wenden. Der Stil: experimentell und interaktiv, mit abgehackten Staccato-Passagen und gefühlvoller Dynamik. Die Aussage: „Wasser ist Menschenrecht!“

Der Freiburger S.U.S.I.-Chor, einst aus einem alternativen Wohnprojekt hervorgegangen, gastierte mit fein arrangierten Rio-Reiser-Nummern und mit „Als ich ein Vogel war“ der DDR-Gruppe Renft. Dann folgte der Solo-Auftritt der Reutlinger Lokalmatadoren „Zwischentöne“ unter Leitung von Katrin Seeger. Mit „Der Sucher“ von Kurt Tucholsky, „Rauchzeichen“ von Fred Ape oder einem „Freiheitslied“ nach Frank Schneider und Erke Duit begeisterte das Ensemble mit stringentem Programm, das sich gegen das Prinzip richtet, aus allem Geld machen zu wollen. Kurz: gegen Banken, Börse und die Macht des Geldes.

Dass Chormusik nicht immer verklärend, romantisch und pathetisch sein muss, sondern sich auch auf Aussagen konzentrieren kann, sei das Credo der „Zwischentöne“ und der anderen Chöre im Netzwerk, erklärte Böning. Zwar mag das eine das andere ja nicht ausschließen – zurücklehnen und einfach nur Musik genießen war bei diesem Konzert nicht angesagt. Es ging um mehr als nur Musik, die Gäste waren dazu aufgefordert, zwischen Noten zu lesen und zwischen Tönen zu hören.

Mit der belehrenden Haltung, dem Hang ins Doktrinäre und dem stets zynischen Schliff der Texte legten sich die Lieder schwer in den Magen: Drei Stunden musikalische Kapitalismuskritik sind keine leichte Kost. Auflockerung und eine ironische Note brachte da zum Abschluss der Ulmer Chor „Kontrapunkt“. Das traditionelle schwäbische Lied „Oh, dees wär schee“, kündigten sie an, handle von der „Intensität des Weltschmerzes bei Abwesenheit von Geld.“ Es geht um einen Schwaben, der feststellt, dass es sich ohne Geld leider nicht so leben lässt, wie er gern hätte.

Den letzten Konzertabschnitt gestalteten die fünf Chöre dann wieder gemeinsam mit Stücken von Victor Jara, Bertold Brecht und Rio Reiser. Dass seine Lieder mal in kunstvollen Arrangements von einem 140-köpfigem Chor gesungen werden, hätte Reiser wohl nicht erwartet. Gefallen hätte es ihm aber bestimmt. In der Listhalle gab es jedenfalls tosenden.

Klare Aussagen von den „Zwischentönen“: Der Reutlinger Chor sang beim Konzert „Ausverkauf“ gegen Banken, Börsen und Kapitalismus an.

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Erstellt:
7. Mai 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
7. Mai 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 7. Mai 2012, 12:00 Uhr

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