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Begeisterte und Betrogene
Der Blick von oben in die Stuttgarter Tiefbahnhof-Grube ist atemberaubend. Die Stimmung am Boden indes ist stark getrübt. Foto: dpa
Vor dem Tiefbahnhof-Baustart ist die Stimmung in Stuttgart unversöhnlich

Begeisterte und Betrogene

Stell dir vor, es ist Grundsteinlegung, und keiner will hin: Vor dem Festakt zum Baustart des Stuttgarter Tiefbahnhofs morgen ist die Stimmung mies.

15.09.2016
  • ANDREAS BÖHME

Stuttgart. Lufthansaflug LH 3428 fliegt nicht, er fährt auf Gleis 15 in den Stuttgarter Hauptbahnhof ein. Der Waggon mit den Flugpassagieren ist ganz hinten – bis vor zum Taxi sind es knapp tausend Schritte. Kein Antithrombose-Programm, sondern die Realität einer Großbaustelle: Von Gleis 15 führen die Wege über den Trog, aus dem die neue Bahnhofshalle wächst. Eine Grube, die Bahnsteige und Schalterhalle trennt – und als tiefer Graben auch Bevölkerung und Politiker.

Der Marsch führt am Baufeld 16 vorbei. Hier legt Bahnchef Rüdiger Grube morgen den Grundstein für eine der größten Baustellen Europas. Ein Projekt, das derzeit mehr als sechs Milliarden Euro kosten, den Bahnverkehr beschleunigen und eine städtebauliche Chance sein soll – und an dem schon kräftig geschafft wird. Auch wenn das Protestzelt gegenüber vom Taxistand das Gegenteil behauptet: S 21 ist unumkehrbar.

Wadim Strangfeld, ein Ingenieur aus dem Breisgau, ist verantwortlich für den Cannstatter Tunnel – einer von 16, die sich zu einem unterirdischen Ring zusammenschließen. Dieser ist das Rückgrat des Bahnprojekts, das oft nur auf den Tiefbahnhof reduziert wird. Ein teurer Ring: Im Cannstatter Tunnel gibt es Handarbeit in Zwölfstundenschichten. Es geht behutsam voran, weil der Boden von unten stark drückt und der Berg oben sensibel ist. Strangfeld schreckt das nicht. Seit Baubeginn vor zweieinhalb Jahren gab es in seinem Tunnel keine nennenswerten Unfälle. Sein Tunnel liegt im Plan. Strangfeld war von Anfang an begeistert vom Projekt. „Das hat was Erhabenes.“ Was ihn schreckt, ist die Form des Widerstands.

Montagabend, 18 Uhr auf dem Schlossplatz. Nur an die hundert Leute sind zum 338. Demotag gekommen. Ingenieur Wolfgang Kuebart walzt als Redner gnadenlos die Geschichte der betonierten Bodenplatte breit, in der nun der Grundstein versenkt wird. Meist Ältere halten Transparente hoch vom „dümmsten Bauprojekt“, dem „größten technisch-wissenschaftlichen Betrug der Geschichte“ ist zu lesen. Oder Selbstgedichtetes: „Beton, Beton regnet ins Tal. Die Klimafolgen sind fatal.“ Die Bewegung ist unpolitischer, dafür hasserfüllter geworden.

Der Festakt morgen – weder Landeschef Winfried Kretschmann noch sein Verkehrsminister Winfried Hermann noch OB Fritz Kuhn werden dabei sein. Ein für das grüne Spitzentrio vergifteter Termin? Kuhns Sprecher sagt, der Bahn sei klar gewesen, dass der OB nicht kann. Der sitzt morgen in der „Eiermann-Jury“, die sich um die denkmalwürdige Ex-IBM-Zentrale, also ein zweites städtebauliches Großprojekt müht. Kretschmann erklärt: „Meine Terminplanungen sind lange vorbereitet, ich habe keine großen Freiräume.“ Und im Übrigen „hat der Verkehrsminister ähnliche Gründe“.

„Regieren ist eine Stilfrage, deshalb kann sich der Ministerpräsident nicht in die Büsche schlagen“, ätzt SPD-Fraktionschef Andreas Stoch. Der CDU-Innenminister mag sich gleich gar nicht erst aufregen: „Die Grünen machen's halt, wie sie‘s machen“, sagt Thomas Strobl.

Derzeit ist das Kernstück von S 21 rund zwei Jahre im Verzug. Selbst wenn alles wie ursprünglich geplant 2021 fertig würde dauert es noch mindestens ein gutes Jahrzehnt, bis auf den alten Gleisen neues Leben wächst. Die Wege bleiben vorerst lang, den Beinen der Lufthanseaten, die mit der Bahn von Frankfurt nach Stuttgart „fliegen“, tut das ganz gut.

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15.09.2016, 06:00 Uhr
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