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Irgendwo zwischen Poesie und Philosophie

Begegnung mit einem Fachmann für Aphorismen

Der Literaturwissenschaftler Friedemann Spicker widmet seit Jahrzehnten seine Forschungsarbeit einem einzigen Thema: dem Aphorismus.

11.01.2011

Von KERSTIN KOTTERBA, KNA

"Lieber ein Bund fürs Leben als ein Leben für den Bund".

In der Werbung, im Arbeitsleben, überall bringen wenige Worte die Dinge spielerisch und mit Witz auf den Punkt. "Die Welt ist voller Sprüche", sagt Friedemann Spicker. Der 66-Jährige hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, die Menschen für diese knappe literarische Form zu begeistern. Seit vier Jahrzehnten schon sammelt der inzwischen pensionierte Lehrer aus Thomasberg bei Bonn Sprüche, oder um es wissenschaftlich korrekt auszudrücken: Aphorismen. Wenn man diese nicht einfach abnicken kann, wenn sie pointiert formuliert sind und sprachlich eindrucksvoll durch Antithesen, Paradoxa oder Sprachwitz gekennzeichnet sind - "dann ist es ein besonders guter Aphorismus", so Spicker. Angesiedelt irgendwo zwischen Poesie und Philosophie. Ein Beispiel liefert der Experte gleich mit: "Erleben gibt Fülle, Verzicht Profil." Dieser Aphorismus sei "in seiner Knappheit großartig", lautet Spickers Urteil.

Den Aphorismus in seiner heutigen Gestalt gibt es seit dem 17. Jahrhundert. Aber die Wurzeln reichen zurück bis zum griechischen Philosophen Sokrates. Das Christentum fasste Lebensweisheiten in kurzen, einprägsamen Sätzen zusammen - auch wenn sich darunter, wie Spicker meint, "keine großen Innovationen" finden. Inhaltlich stünden hier Themen wie Schuld und Vergebung im Vordergrund.

Spicker selbst begeisterte sich für Aphorismen bereits während seiner Schulzeit. Allerdings blieb das Interesse lange Zeit lediglich auf die Freizeit beschränkt. Nach Studium und Promotion ging er erst einmal in den Schuldienst. Als seine Frau ein Lehrangebot in Amsterdam bekam, ging Spicker mit, zog sich aus dem Schuldienst zurück und verschrieb sich nun ganz dem Sammlen und Erforschen der kurzen Sprüche und Lebensweisheiten.

Im Jahr 1997 gab er sein erstes Buch "Der Aphorismus" heraus. Darin steckten sechs Jahre Arbeit. "Ich will mit dem Buch klarmachen, woraus der Aphorismus überhaupt besteht", sagt er. Als er 2001 mit seiner Frau wieder in das Rheinland zog, nahm er nur eine halbe Stelle am Siegburger Abendgymnasium an, um sich weiterhin seiner Leidenschaft widmen zu können.

Das Ergebnis seiner Studien sind etliche weitere Veröffentlichungen, darunter der 1000-seitige Wälzer "Der deutsche Aphorismus im 20. Jahrhundert". Irgendwann habe er dann auch noch ein Buch schreiben wollen, das nicht nur die Spezialisten auf dem Gebiet interessiert, erklärt Spicker. Das Ergebnis liegt seit Herbst vor: "Die Welt ist voller Sprüche" dokumentiert die großen Aphoristiker von Arthur Schopenhauer bis Jean Paul.

Darüber hinaus rief Spicker in Zusammenarbeit mit dem Aphorismen-Fan Jürgen Wilbers 2005 das "Deutsche Aphorismus-Archiv" ins Leben. Es ist im Museum von Hattingen untergebracht. Ebenfalls mit Wilbers organisiert Spicker alle zwei Jahre internationale Aphoristikertreffen. Auch seine Frau hat er mit seiner Leidenschaft angesteckt. Gemeinsam haben die beiden die "Angelika und Friedemann Spicker-Stiftung zur Förderung des Aphorismus" gegründet.

Info Bücher von Friedemann Spicker

Der deutsche Aphorismus im 20. Jahrhundert; Niemeyer Verlag, 1000 S.., 162 Euro.

Aphorismen der Weltliteratur; Bibliothek Reclam, 374 S., 22.90 Euro.

Die Welt ist voller Sprüche; Brockmeyer Verlag, 176 S., 11.90 Euro.

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Erstellt:
11. Januar 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
11. Januar 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 11. Januar 2011, 12:00 Uhr

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