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Kultur

Begegnung auf Augenhöhe

Das Junge Ensemble Stuttgart hat mit dem „Signclub“ ein Theaterprojekt für hörende, schwerhörige und gehörlose Jugendliche gestartet. Premiere feiert das Stück „Bubbles“ Anfang April.

19.02.2018

Von NADJA OTTERBACH

Das Ensemble aus Hörenden, Gehörlosen und Schwerhörigen probt bereits fleißig für die Premiere im April. Foto: Ferdinando Iannone

Stuttgart. Ein Mädchen reißt einem anderen das imaginäre Hörgerät vom Ohr – schon ist die Diskussion in vollem Gange. „Ich finde, jeder sollte selbst entscheiden, ob er ein Hörgerät tragen möchte oder nicht!“ „Es ist ungerecht, dass wir Gehörlosen uns immer den Hörenden anpassen müssen. Wir haben unsere eigene Kultur.“ „Also, bei ihnen in der Schule bekommen sie eine Strafarbeit, wenn sie ihr Hörgerät vergessen.“

Sätze wie diese werden Theater-Fans im April in Stuttgart zu hören bekommen. Eine Premiere in mehrfacher Hinsicht: Das Junge Ensemble Stuttgart (JES) wagt sich an ein neues Projekt, das hörende Jugendliche gemeinsam mit schwerhörigen und gehörlosen auf die Bühne bringt. „Signclub“ nennt sich die zwölfköpfige Truppe, die seit November 2017 ein Stück einstudiert, das den Titel „Bubbles“ trägt. Die Zwölf- bis 19-Jährigen entwickeln alle Szenen und Dialoge selbst, sie folgen keinem Script. „Jeder kann Ideen beisteuern“, sagt Theaterpädagogin Tanja Frank, die den Workshop ins Rollen brachte und die jungen Schauspieler durch die Proben führt. In einem Szenenreigen mit brummendem Bass, bunten Bällen, gesprochener Sprache und Gebärden erzählen die Teilnehmer des „Signclub“, wie sie sich langsam einander nähern und Vorurteile abbauen. Jugendliche für das Projekt zu begeistern, sei nicht schwer gewesen, sagt Tanja Frank.

Im Probensaal des JES in der Eberhardstraße ist eine besondere Energie spürbar. Es wird viel gelacht. Fünf hörende, fünf gehörlose und zwei schwerhörige Darsteller stehen sich gegenüber und gehen gemeinsam wieder und wieder die Szene durch, die zeigen soll, wie ungerecht sich Jugendliche manchmal behandelt fühlen. Spricht ein Hörender, übersetzt ein Nichthörender das Ganze simultan in Gebärdensprache – und umgekehrt. Tanja Frank und die Dolmetscherin Tanja Lilienblum-Steck motivieren die Heranwachsenden, sich noch mehr zu konzentrieren und zu fühlen, was sie auf der Bühne ausdrücken wollen. „Es fehlt Emotion. Man sieht euch den Ärger nicht genug an.“ Für Tanja Frank ist der Kurs ein Herzensprojekt, aber auch eine Herausforderung. „Das Probentempo ist ein anderes“, sagt sie, „wir brauchen viel Zeit, um alles zu besprechen, da ja immer übersetzt werden muss.“

Es wird nicht nur Text einstudiert, sondern auch zusammen getanzt und gespielt. Pamela Meyer achtet darauf, keine Probe zu verpassen. Jede Woche fährt die 19-Jährige von Korb im Rems-Murr-Kreis nach Stuttgart. Für sie ist die Bühne Neuland, da Theater-Workshops für Gehörlose rar sind, wie sie sagt. Pamela Meyer sprüht vor Energie, ihre Gebärden wirken stark und selbstbewusst. „Auch wir haben Talent und wollen dazugehören. Ich bin stolz darauf, dass ich gehörlos bin.“ Mit dem Stück möchte sie Menschen aufrütteln und ihnen sagen: Gehörlose und Hörende gehören zusammen. Sie wünscht sich, dass andere nicht vor ihr zurückzuschrecken, sondern ihr auf Augenhöhe begegnen.

Emma, 13, ist schon eine alte Häsin auf der Bühne. Im Staatstheater war sie als Komparsin dabei. „Das ist mein dritter Workshop“, sagt sie und gibt zu, dass sie diesmal ein bisschen Respekt vor dem Unbekannten hatte. Bei der ersten Begegnung habe niemand gewusst, wer gehörlos sei und wer nicht. Mit Händen und Füßen hätten sie sich verständigt und seien schnell eine Einheit geworden. Die Waldorfschülerin aus Gerlingen wünscht sich, mit „Bubbles“ dem Publikum die Gebärdensprache nahezubringen.

In der nächsten Szene spielt Emma eine Hauptrolle. Alle zwölf Schauspieler schlafen auf dem Boden eines sterilen Laborraumes, ohne zu wissen, wie sie da hineingeraten sind. Die 13-Jährige erwacht als erste, spricht einen nach dem anderen an und ist frustriert, dass kaum jemand sie verstehen kann. Doch sie nähern sich einander an.

Drei Szenen haben die jungen Schauspieler bereits gemeinsam entwickelt. Zehn sollen es am Ende sein. Was alle verbindet, ist der Wunsch, dass auch die Zuschauer zusammenrücken. Nicht nur auf der Bühne, auch im Publikum werden Hörende auf Menschen treffen, für die die Welt still bleibt.

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Erstellt:
19. Februar 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
19. Februar 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 19. Februar 2018, 06:00 Uhr

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