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Bedrohte Schönheit
Auch der Silbergrüne Bläuling ist gefährdet. Der Schmetterling war 2015 „Insekt des Jahres“. Foto: Thomas Schmitt/dpa
Warum immer mehr Schmetterlinge in Deutschland verschwinden

Bedrohte Schönheit

Intensive Landwirtschaft und Zerstörung der Lebensräume setzen Schmetterlingen zu. Viele Arten verschwinden, bei anderen schrumpfen die Bestände.

01.08.2016
  • WALTER WILLEMS, DPA

Regensburg. Eigentlich ist der Keilstein bei Regensburg ein Hang so ganz nach dem Geschmack eines Schmetterlings: nach Süden zur Donau hin abfallend, sonnig, ein nährstoffarmer Trockenrasen mit vielen Pflanzenarten – und zudem seit fast 25 Jahren Naturschutzgebiet. Doch als Jan Christian Habel den Hang mit Studenten Mitte Juli besuchte, war er enttäuscht. „Seltene Falterarten waren nicht mehr vorhanden“, sagt der Schmetterlingsexperte vom Lehrstuhl für Terrestrische Ökologie der Technischen Universität München. „Wir haben nur Trivialarten gefunden. Und selbst bei denen sind die Bestände stark gesunken.“

Rund 3700 Arten von Faltern oder Schmetterlingen (Lepidoptera) gibt es in Deutschland, darunter – neben der riesigen Zahl an Nachtfaltern und Kleinschmetterlingen – etwa 180 oft farbenprächtige Tagfalter, die überwiegend tagsüber unterwegs sind.

Doch die Vielfalt schwindet: Dass Habels Eindruck am Keilstein nicht von einer zufälligen Schwankung herrührt, sondern von einem längeren Trend zeugt, zeigte gerade eine Studie, die die Entwicklung über fast 200 Jahre verfolgte. Die Forscher um Habel werteten in dem Areal um den Keilstein die Entwicklung der Bestände seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus. Flatterten in den 1840er Jahren noch 117 Arten von Tagfaltern und Widderchen – tagaktiver Kleinschmetterlinge – am Keilberg, so waren es um 2010 nur noch 71, wie das Team im Fachblatt „Conservation Biology“ berichtet. Das entspricht einem Rückgang der Artenvielfalt um 40 Prozent.

„Nur solche Langzeitbeobachtungen können das ganze Ausmaß der Katastrophe zeigen“, sagt Habel. „Die Beobachtung über einen Zeitraum von 200 Jahren bestätigt den Trend, dass gerade die spezialisierten Arten stark rückläufig sind.“

Solche Spezialisten wie etwa Vertreter der Perlmutterfalter, diverse Scheckenfalter und Bläulinge sind von ganz bestimmten Futterpflanzen und Lebensräumen abhängig. Im Gegensatz dazu können Generalisten wie das Große Ochsenauge (Maniola jurtina), der Schachbrettfalter (Melanargia galathea) oder der Kleine Heufalter (Coenonympha pamphilus) Veränderungen besser verkraften.

Die rückläufigen Zahlen zeigen nicht nur den Trend für Regensburg, sondern für das ganze Bundesland und auch für die anderen Faltergruppen, wie Ko-Autor Andreas Segerer betont. „In ganz Bayern sinken die Artenzahlen, und auch bei den vorhandenen Arten schrumpfen die Bestände“, sagt er.

Thomas Schmitt vom Senckenberg Deutschen Entomologischen Institut (SDEI) in Müncheberg bei Berlin beobachtet diese Entwicklung auch im Rest von Deutschland seit längerem, etwa im Moseltal, bei Düsseldorf oder in der Lüneburger Heide: „Wir gehen davon aus, dass bundesweit überall tendenziell dasselbe passiert, allerdings mit regionalen Unterschieden.“

Doch was setzt den Tieren mit den markanten Namen, die vor allem von Mai bis September umherflattern, derart zu? Der Hauptgrund ist nach Einschätzung aller Experten eindeutig: die intensive Landwirtschaft. Immer mehr Flächen werden zu Äckern umgewandelt, zum Anbau entweder von Lebensmitteln oder von Energiepflanzen, etwa für Biogasanlagen.

Nicht nur die Zerstörung von Flächen entzieht vielen Tieren die Lebens-grundlage, auch die Umgebung der Äcker leidet weiträumig. „Die Felder werden intensiv gedüngt, mit Gülle und Kunstdünger“, erläutert Segerer. Neben dem Dünger setzten Faltern auch die auf den Feldern eingesetzten Pestizide zu, die sich zunehmend in der Umwelt anreicherten, betont Habel.

Wie kann man die Entwicklung stoppen? „Neben einer vielfältigen Landschaft brauchen wir Korridore zwischen Naturräumen, damit Arten wieder einwandern können“, betont Habel. Solche Korridore könnten etwa entlang von Bächen, Flüssen, Bahntrassen oder auch Autobahnen verlaufen.

Aber letztlich, da geben sich die Experten keinen Illusionen hin, ist eine Lösung des Grundproblems nicht in Sicht. „Wir müssten die industrielle Lebensmittelproduktion aufgeben. Aber das wird nicht passieren“, stellt Habel fest.

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01.08.2016, 06:00 Uhr
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