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Unsere Besten?

Bayernkönig Ludwig I. erbaute Ruhmestempel Walhalla

Stolz sein aufs Vaterland? Bayernkönig Ludwig I. wollte Nachhilfe leisten und ehrte in der Walhalla "rühmlich ausgezeichnete Teutsche". Der Tempel ist noch in Betrieb, zuletzt zog Heinreich Heine ein.

31.08.2011

Von JÜRGEN KANOLD

Donaustauf Hoch über der Donau thront die Walhalla, diese "Ruhmes- und Ehrenhalle" der Deutschen. Eindrucksvoll. Aber die Fremdenführerin lässt kein Pathos aufkommen: "Sie müssen sich das als Coaching-Instrument vorstellen, alles diente zur Stärkung des Selbstbewusstseins." Ja, so kann man das natürlich auch sagen.

Kronprinz Ludwig von Bayern jedenfalls war 1807 sehr deprimiert darüber, dass Napoleon die Preußen besiegt und überhaupt das Heilige Römische Reich Deutscher Nation erledigt hatte, und fasste den Plan, die Bildnisse der "rühmlich ausgezeichneten Teutschen" in einem Tempel zu vereinen. Die Helden und Geistesgrößen der Geschichte sollten das Vaterland hochhalten - symbolisch zumindest.

Diverse Bildhauer machten sich an die Arbeit. 60 Büsten waren bereits vollendet, als Ludwig im Jahre 1825 König von Bayern wurde. Erst am 18. Oktober 1842 fand die Eröffnung der Walhalla bei Regensburg statt - am Jahrestag der Leipziger Völkerschlacht. Der Architekt Leo von Klenze hatte für den griechenbegeisterten Ludwig I. den Bräuberg bei Donaustauf zur bayerischen Akropolis befördert und dort, weithin sichtbar, einen säulenprächtigen Parthenon gebaut.

"Möchte Walhalla förderlich sein der Erstarkung und Vermehrung deutschen Sinnes!", feierte Ludwig seinen Denkmalbau - und legte schon 1848 nach einer Affäre mit der Tänzerin Lola Montez gar nicht heldisch die Krone nieder. Die Walhalla, benannt nach dem elysischen Aufenthaltsort der gefallenen, tapferen Krieger der germanischen Mythologie, ist aber bis heute auf jeden Fall ein Touristenmagnet geblieben.

Somit sind also gleich mehrere Vorurteile entkräftet: Nicht erst das ZDF hat fürs Fernsehpublikum "Unsere Besten" gekürt und nach den "größten Deutschen" gefahndet. Und nicht jeder teure Bau in Bayern stammt vom Märchenkönig Ludwig II., die Walhalla war mit vier Millionen Gulden vielmehr das aufwendigste Projekt seines Großvaters Ludwig I. Ja, der "Kini" ist noch nicht einmal mit einer Büste in der Walhalla vertreten.

Und ebenso ist die Walhalla keine Erfindung Richard Wagners, kein ewig marmornes Bühnenbild fürs Götterdrama "Der Ring des Nibelungen", auch wird die Ruhmeshalle nicht mit dem "Walkürenritt" beschallt. Schließlich: Die Nationalsozialisten errichteten die Walhalla folglich ebenso wenig, wenngleich sie sich dort wohlfühlten. Im Juni 1937 zum Beispiel zelebrierte Hitler die Aufnahme der Büste des Komponisten Anton Bruckner. "Gröfaz A. Hitler mit Klumpfuß Göbbels" vermerkt ein "Auszug aus den Gästenbüchern von Walhall" am Glaskasten der Kasse. Eine erfrischende Schmähung unserer Tage. Ansonsten zählt die Liste mit großem Ernst seit 1842 hauptsächlich adelige Honorationen auf, nach dem Zweiten aber nur wenige Namen, darunter Bundespräsident Theodor Heuss und "die fränkische Filmdiva" Elke Sommer.

Die Walhalla heute? Das ist zunächst mal ein wunderschönes Bauwerk des Klassizismus mit bester Aussicht auf die Donauebene bei Regensburg. Ein banaler nationaler Kundgebungsort ist sie nicht. Eher ein Museum, in dem Großväter mit ihren Enkeln ein Geschichts-Quiz spielen können: "Gregor Mendel, das war der mit der Vererbungslehre, mit den Erbsensamen . . ." Tatsächlich sind einem von den 194 Namen viele unbekannt: nicht nur Julius Echter von Mespelbrunn (1545-1617), Würzburger Fürstbischof und Vorkämpfer der Gegenreformation.

Und was machen eigentlich der Schwedenkönig Karl X. Gustav oder der 1599 in Antwerpen geborene Maler Anton van Dyck in dieser Galerie? Ludwig I. gemeindete ein, "wer teutscher Zunge sey". Walhalla bietet zudem eine spannende Skulpturenschau. Ob und wie die Größen glorifiziert werden, hat sich gewandelt: Der Bildhauer Johann Gottfried Schadow etwa verklärte 1807 Friedrich den Großen von Preußen, "Fridericus II. Rex", mit einer Cäsarenkrone auf dem Haupt. Der Physiker Albert Einstein dagegen, 1990 aufgenommen, erscheint geradezu heiter lächelnd als Büste aus den Händen Wilhelm Uhligs. Die Sammlung regt auch an, über den vergänglichen Ruhm nachzudenken. Wessen Name ist verblasst, in welcher Zeit wurde wer warum in die Walhalla aufgenommen? Wer fehlt? Machen uns diese Persönlichkeiten stolz aufs Vaterland? Bertolt Brechts Galilei fällt einem ein: "Unglücklich das Land, das Helden nötig hat."

Aber es sind ja auch nicht nur die nationalen Krieger versammelt. Und seit 2003 gehört sogar Sophie Scholl, das von den Nazis hingerichtete Mitglied der "Weißen Rose", zum Personal der Walhalla - als eine von nur zwölf Frauen. Unter der Büste mahnt eine Tafel: "Im Gedenken an alle, die gegen Unrecht, Gewalt und Terror des ,Dritten Reiches mutig Widerstand leisteten." Auch das ist deutsche Geschichte. Sophie Scholl dient durchaus "der Erstarkung deutschen Sinnes".

Zuletzt zog der Dichter Heinrich Heine (2010) in die Walhalla ein. Wer befindet darüber? Der bayerische Ministerrat. Privatpersonen schlagen eine Persönlichkeit vor, die mindestens 20 Jahre tot sein muss. Wichtig: Der Antragsteller muss auch die Kosten übernehmen - rund 30 000 Euro. Nur alle fünf bis sieben Jahre beschließt die Staatsregierung über Neuanträge, der nächste Termin steht noch nicht fest. "Also, wenn Sie jemanden für die Walhalla vorschlagen möchten, fangen Sie an zu sparen!", rät die Fremdenführerin.

Der pure Klassizismus: Leo von Klenze entwarf die 1842 eröffnete Walhalla im Stile eines griechischen Tempels. Fotos: Jürgen Kanold

Skeptisch, verträumt: der Dichter Heinrich Heine.

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Erstellt:
31. August 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
31. August 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 31. August 2011, 12:00 Uhr

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