Stahl-Einsparungen in Atomkraftwerk

Bauingenieur erneuert Vorwurf

In einem Prozess wegen versuchter Erpressung ging es auch um den Sicherheitsstandard des zweiten Atommeilers in Neckarwestheim. Wurde das Reaktorgebäude mit weniger Stahl als geplant gebaut?

03.05.2012

Von Hans Georg Frank

Neckarwestheim. Karl-Josef M., Diplomingenieur aus dem Saarland, war einer von mehreren Bauleitern, als zwischen 1983 und 1988 in Neckarwestheim ein zweites Atomkraftwerk errichtet wurde. Der Fachmann überwachte im Auftrag einer der Firmen die Armierung des Reaktorgebäudes mit Stahl. Dass dabei angeblich nicht alles nach Plan ablief, fiel dem Aufpasser erst 2011 ein, als wegen der Atomkatastrophe von Fukushima weltweite Zweifel an der Sicherheit der Kernenergie aufkamen. In ziemlich gemütlicher Runde verriet M. (heute 70) seinen Freunden vom angeblichen Pfusch in Neckarwestheim. Auf Drängen der Kumpel setzte sich der Ingenieur mit dem "Stern" in Verbindung, traf auch einen der Mitarbeiter des Magazins.

Wenn seine Kenntnisse bekannt würden, "hätte es zu großem Aufruhr kommen können", sagte M. gestern vor dem Amtsgericht Philippsburg. Der Saarländer musste sich dort wegen versuchter Erpressung in zwei Fällen verantworten. Er hatte nämlich auch beim Kraftwerksbetreiber ENBW in Philippsburg vorgesprochen und im Umweltministerium in Stuttgart.

Bei den Gesprächen entstand der Eindruck, dass M. für eine Gegenleistung der Presse nichts preisgeben würde. ENBW sollte ihn mit seinem Ein-Mann-Büro "einbinden", also einen Auftrag ohne Ausschreibung zukommen lassen. Vom Ministerium erhoffte er eine Entschädigung für den Verzicht auf ein Informationshonorar.

Amtsrichter Klaus Höcklin verurteilte den Angeklagten zu einer Geldstrafe von 3200 Euro, aufgeteilt auf 80 Tagessätze. Staatsanwalt Sven Günther hatte 120 Tagessätze gefordert.

M. bedauerte, dass der Eindruck einer Erpressung aufgekommen sei, "das war nicht meine Absicht". Aber der Experte bekräftigte seine Behauptung, dass beim Bau des Reaktorgebäudes "30 bis 40 Prozent" weniger Stahl als geplant verwendet worden seien: "Das entspricht voll und ganz der Wahrheit." Es handle sich dabei um "S-Haken für die Rückverbügelung von Ankerplatten". Weil der Standort in einem "erdbebengefährdeten Gebiet" liege, sei eine zusätzliche Armierung für notwendig erachtet worden. Doch "aus technischen Gründen" sei auf die Verstärkung verzichtet worden: "Es ging nicht." Die Änderung des Sicherheitsstandards sei in den offiziellen Dokumenten "mit Sicherheit nicht" vermerkt worden, behauptete M. vor Gericht.

Richter Höcklin schloss zwar sicherheitsrelevante Defizite aus. Als Laie gab er jedoch zu bedenken: "Wir werden nicht mit letzter Sicherheit sagen können, da sind keine Mängel - dafür müssten wir das Ding abreißen."

Die Behauptung des Ingenieurs hat eine intensive Kontrolle der Anlage ausgelöst. Hans Schneider, stellvertretender Leiter des Referats Bautechnik im Umweltministerium, sprach von einem enormen Aufwand. Karl-Josef M. habe "authentisch" gewirkt, "deshalb haben wir Alarm geschlagen". Es habe Gespräche gegeben "mit allen, die wir erreichen konnten". Für die Plausibilitätsprüfung seien zwar viele Akten und Protokolle gesichtet, aber nichts gefunden worden.

Die Aufsichtsbehörde hat offenbar keinerlei Bedenken. "Die Anlage läuft", sagte Schneider, "wir sind uns sehr sicher." Ob tatsächlich weniger Bewehrungsstahl im Atomkraftwerk verwendet wurde, lässt sich gleichwohl nicht mit absoluter Sicherheit sagen. "Wir können ja mal gucken", schlug der Beamte vor, "wenn wir es abreißen."

Das Atomkraftwerk Neckarwestheim mit Block I und Block II. Der ältere Reaktor ist 2011 vom Netz genommen worden, der zweite läuft seit 1988.

Zum Artikel

Erstellt:
3. Mai 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
3. Mai 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 3. Mai 2012, 12:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Inhalt nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen
Facebook Sport      Faceboook      Instagram      Twitter      Tagblatt-App