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Diskriminierung

Bauernkinder als Mobbing-Opfer

Eine Umfrage des Landfrauenverbands Württemberg-Hohenzollern zeigt: Der Nachwuchs von Landwirten wird an Schulen immer wieder gedemütigt.

10.12.2017

Von PETRA WALHEIM

Für manche Schüler ist die Schule kein Spaß. Kinder von Bauern werden immer wieder Opfer von Mobbing. Foto: © shootingankauf - Fotolia.com

Ravensburg. Eine Frau liest am Frühstückstisch einen Bericht, in dem es um „Mobbing von Bauernkindern“ geht. Sie ist betroffen und liest den Text ihrem Mann vor. Der hört eine Weile zu – und beginnt zu weinen. Es stellt sich heraus, dass der Mann, ein Bauernsohn, auch ein Opfer von Mobbing in der Schule war. Jahrzehntelang hat er nicht darüber gesprochen, auch nicht mit seiner Frau, mit der er seit fast 40 Jahren lang verheiratet ist.

Juliane Vees, die Präsidentin des Landfrauenverbands Württemberg-Hohenzollern, kann gerade viele solcher Geschichten erzählen. Betroffene schreiben sie in das Freitext-Feld der Umfrage, die der Verband im Internet gestartet hat. „Wir wollten herausfinden, ob das Thema überhaupt von Interesse ist“, sagt die Präsidentin. Im Landesvorstand der Landfrauen, in dem alle Kreisvorsitzenden Mitglieder sind, sei einstimmig beschlossen worden, diese Umfrage zu starten. „Die Ergebnisse bereiten einem Sorgen“, sagt Juliane Vees. Parallel zur Umfrage habe sie auch viele Anrufe bekommen von Betroffenen, die ihr ihre Leidensgeschichte erzählt hätten.

Juliane Vees hat in ihrer eigenen Familie die Erfahrung machen müssen, wie in manchen Schulen mit Kindern von Bauernhöfen umgegangen wird. Ein Verwandter, heute 19, sei gemobbt worden. Das habe in der zweiten Klasse der Grundschule begonnen. Die Klasse habe ein Buch gelesen, in dem es in einer Passage darum ging, dass jemand Stroh im Kopf hat. Da habe die Lehrerin die Klasse gefragt, wer denn im Raum Stroh im Kopf habe. Die Schüler hätten keine Idee gehabt. Da habe die Lehrerin auf den Jungen gedeutet und gesagt, das könne ja nur er sein, weil er von einem Bauernhof stamme.

„So wurde es mir von verschiedenen Seiten übereinstimmend erzählt“, sagt Juliane Vees. Leider habe sich das manifestiert, und der Verwandte sei während der gesamten Grundschulzeit der gewesen mit dem Stroh im Kopf. „Es hat nicht aufgehört.“ Auch nicht nach dem Wechsel in die Realschule. „Er hat sich immer mehr zurückgezogen, seine Noten wurden mittelmäßig.“ Erst ein Gespräch mit dem Schulleiter habe Besserung gebracht. Der Junge sei in eine neue Klasse versetzt worden, habe neue Lehrer bekommen. „Von da an ging es bergauf, die Noten wurden besser, er hat neue Freunde gefunden und dann auch das Abitur gemacht.“

Dass Lehrer sich am Mobbing von Bauernkindern beteiligen oder es sogar auslösen, ist kaum zu glauben. Doch in der Umfrage, an der nach Aussage der Präsidentin in den ersten zwei Wochen knapp 150 Leute teilgenommen haben, hätten fast 27 Prozent angeklickt, dass sie von Lehrern oder Erziehern gemobbt worden seien. „Das ist erschreckend“, sagt Juliane Vees.

Als Grund für die abwertende Haltung Bauernfamilien gegenüber, vermutet sie unter anderem die Berichterstattung über „angeblich tierquälerische Massentierhaltung, die von bestimmten Interessenverbänden propagiert wird“, sowie die Trends in Richtung vegetarische und vegane Ernährung. „Viele Kinder und auch Eltern wissen heutzutage gar nicht mehr, wie Lebensmittel produziert werden, wie Landwirtschaft funktioniert“, sagt Vees. Nicht selten bekämen Bauernkinder zu hören, ihre Eltern seien Tierquäler, Massenmörder oder stinkende und schmutzige Menschen, sagt Vees.

Auch beim Landesbauernverband in Stuttgart gehen nach Auskunft der Sprecherin Ariane Amstutz immer wieder Anfragen zu dem Thema ein. „Wir raten, mit den Lehrern und der Schulleitung zu sprechen.“ Ganz wichtig sei das Angebot an Schüler und Lehrer, den Bauernhof kennenzulernen, über den sie sich so abfällig äußerten. Auch das außerschulische Projekt „Lernort Bauernhof“, das vom Land gefördert wird, könne helfen, den Kontakt von Lehrern und Schülern zu Landwirten und der Landwirtschaft wieder herzustellen.

Auch bei Schulbüchern müsse genauer hingeschaut werden, sagt Amstutz. Noch immer gebe es Unterrichts-Materialien, in denen die Landwirtschaft negativ oder schlichtweg falsch dargestellt werde. Der Landesverband sei im Kontakt mit dem Verein „Information-Medien-Agrar“ (IMA) in Berlin. Der biete auch Unterrichts-Materialien zum Thema Landwirtschaft an „und will sich des Themas annehmen“, sagt die Sprecherin.

Die Umfrage läuft noch bis Mitte Dezember. Danach wird sie ausgewertet, und es sollen Hilfs- und Beratungsangebote für Betroffene entwickelt werden. „Die werden wir auf eine breitere, fachliche Basis stellen“, sagt Präsidentin Juliane Vees. Manche Betroffene bräuchten psychologische Unterstützung. Auch die Schwäbische Bauernschule werde mit ins Boot geholt, und auch der Landesverband will helfen. Aber Mobbing von Bauernkindern ist nicht nur ein landes-, es ist ein bundesweites Thema.

Umfrage läuft bis 17. Dezember

Die Umfrage zu „Mobbing von Bauernkindern“ läuft bis 17. Dezember. Wer teilnehmen möchte, findet die Fragen auf der Homepage des Landfrauenverbands Württemberg-Hohenzollern: www.landfrauenverband-wh.de . Hilfe gibt es auch bei den Landfrauenverbänden Württemberg-Baden und Südbaden und beim Landesbauernverband in Stuttgart.?wal

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Erstellt:
10. Dezember 2017, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
10. Dezember 2017, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 10. Dezember 2017, 06:00 Uhr

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