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Ausstellungen

Basel in Bewegung

Start für einen großen Kunst-Marathon mit vielen sehenswerten Stationen auf dem Messegelände und in verschiedenen Museen.

14.06.2019

Von BMG

Die Art Unlimited serviert Kunst im Riesenformat: Wandrelief von Tom Wesselmann. Foto: Gerda Meier-Grolman

William Kentridge ist ein begnadeter Unterhaltungskünstler, er nutzt die übelsten Taschenspielertricks, um Aufmerksamkeit auf sich zu fokussieren. Der 1955 geborene Südafrikaner, der mit seiner meist mit dem Kohlestift auf Zeichenpapier skizzierten Artistenschar schon durch sämtliche größeren Museen getingelt ist, hält nichts von festen Regeln. Bei ihm ist alles in Bewegung.

Wer da glaubt, dass Rassismus, Bürgerkrieg, Sklavenhandel oder Kinderarbeit nur noch in Geschichtsbüchern abgehandelt werden, der ist bei ihm an der falschen Adresse. Das Kunstmuseum in Basel hat dem Aufklärer Kentridge, der gerne gesellschaftliche Mißstände anprangert, jetzt in seinem Museum für Gegenwartskunst am St. Alban-Graben, eine Werkschau eingerichtet, die es in sich hat.

Faszinierend, wie Kentridge die Wandlung seines Landes von der Apartheidspolitik hin zu einer zuletzt schon wahrnehmbaren demokratiefreundlicheren Staatsform schildert. Zuallererst macht er sich als furioser Zeichner bemerkbar, dann aber nimmt er die Kamera zur Hand, filmt den Zeichenprozess, schneidet, collagiert, montiert – und plötzlich beginnen die gezeichneten Figuren zu leben, drehen Pirouetten, fliegen davon, lösen sich auf, verwandeln sich in Steinhaufen, Gartenzäune und feiern danach fröhliche Urständ als Badewannen tragende Lakaien, Tuba blasende Musikanten und fahnenschwingende Musketiere.

Das alles serviert Kentridge wie in Dada-Zeiten als mit viel Humor gespickte Scherenschnitt-Prozessionen vor gezeichneter Kulisse. Es gerät zu inhaltsschweren, aber höchst poetisch verbrämten und oft musikalisch märchenhaft aufgebrezelten Schattenspielen, die unglaublichen Charme verbreiten und eine starke Suggestionskraft besitzen.

Oben im Neubau des Basler Kunstmuseums haben derweil die Begründer des Kubismus, Pablo Picasso und Georges Braque, das Sagen. Dort wird deutlich, wie sich Anfang des 20. Jahrhunderts eine Revolution in der Malerei vollzog. Und noch ein Ausstellungsbonbon hat das Kunstmuseum im Angebot: Die japanisch-schweizerische Künstlerin Leiko Ikemura schickt ihre mythischen Traumwelten entstiegenen und immer weiblich definierten Mischwesen durch den Museumsuntergrund. Wobei die Damen auch nichts dagegen einzuwenden haben, wenn Leiko Ikemura sie ab und zu als Skulpturen auftreten lässt.

Das Hauptaugenmerk richtet sich aber auf die Art Basel, die Kunstmesse, die mit ihren Ablegern Miami und Hongkong nahezu den gesamten Rahm auf diesem Handelsgebräu Kunst abschöpft. Da haben es auch gestandene Galerien schwer, die Auflagen der Messeleitung, die wie es scheint nur noch auf die kapitalkräftigen Sammler schielt, zu erfüllen. Manche Kunsthändler, wie heuer etwa Hans Mayer aus Düsseldorf oder Dietmar und Christian Löhrl aus Mönchenglachbach, werfen da das Handtuch.

Gut, an der Klassik-Abteilung der Moderne der Art Basel gibt es wenig zu meckern, wenn auch das von zwei Bodyguards bewachte Edelstahl-Herz des Superstars Jeff Koons bei Gagosian etwas zu kitschig herüberleuchtet. Aber oben, wo die jüngeren Galeristen sich breitmachen, muss man sich doch mehrfach die Qualitätsfrage stellen. Denn dort werden die abstrusesten Kunstideen vermarktet. Da hängen zwei überlebensgroße versilberte Chamäleons an der Kette, und ein geschmückter Weihnachtsbaum wird schon im Frühsommer angeboten. Die Geschmacksnerven provozierend sitzt eine vollbusige Nackte vor einer Schreibmaschine und nebenan werden nicht der EU-Norm entsprechende Plastikkarotten als supergelungene Skulpturengruppe angepriesen. Auch darf man sich in Sachen Malerei freuen, wenn eine Staubsaugerdüse und ein Stück Florteppich samt einem Katzenschwanz ins Bild kommen.

Erholung von diesem fragwürdigen Wohnzimmerschmuck verschafft einem erst wieder die der Messe angegliederte Art Unlimited, wo bildmächtige Installationen für Aufsehen sorgen. Außerdem haben sich dort die Künstler vorgenommen, sich verstärkt die Tagesaktualitäten zu Herzen zu nehmen. So sind beispielsweise Kevin Spacey, Dustin Hoffman und Harvey Weinstein plakatiert, und in einer Installation wird die bestialische Ermordung des saudi-arabischen Journalisten Jamal Kashoggi thematisiert.

Wer immer noch hungrig nach Bildern und Skulpturen ist, der sollte noch in die Fondation Beyeler in Riehen und das Tinguely-Museum am Basler Rheinufer. Bei Beyeler gastiert derzeit der 1956 in Meran geborene Kunstwerker Rudolf Stingel, der vor allem bekannt wurde, weil er einmal den gesamten Palazzo Grassi in Venedig mit Orientteppichen austapeziert hat. Stingel will die Kunst demokratisieren und so bietet er auch in Riehen dem Publikum an, sich selbst aktiv an der Bildschöpfung zu beteiligen.

Im Tinguely-Museum will die als Performerin bekannte Rebecca Horn mittels ihrer „Körperphantasien“ klarmachen, was passiert, wenn der Mensch sich mit den Maschinen beschäftigt. Da wachsen stählerne Insektenflügel aus Horns Extremitäten und diese imitieren dann gekonnt Pfauenrad und Vogelflug. Horn bringt aber genauso gut hochhackige Damensschuhe zum Tanzen oder stimuliert Violinen und Konzertflügel zum Spielen. Da ergibt sich eine wunderbare Seelenverwandtschaft mit ihrem Künstlerkollegen William Kentridge drüben im Basler Kunstmuseum.

William Kentridge könnte auch problemlos als Bühnenbildner durchgehen. Foto: Gerda Meier-Grolman

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Erstellt:
14. Juni 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
14. Juni 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 14. Juni 2019, 06:00 Uhr

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