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Digitalisierung im Handwerk

Barcodes statt Hobelspäne

Sägespäne überall auf dem Boden, staubige Luft und klobige Hobelbänke – wer dieses Bild vor Augen hat, wenn er an eine Schreinerei denkt, wird sich bei Willi Pfeffer in Eutingen erstaunt umschauen. Hier verbinden sich traditionelles Handwerk, moderne CNC-Maschinen und ausgeklügelte Software zur Schreinerei 4.0.

15.12.2017
  • TEXT: Birgit Pflock-Rutten|FOTOs: Karl-Heinz Kuball

Beim Tag der offenen Tür im September beobachtete Willi Pfeffer, Schreinermeister und Inhaber des gleichnamigen Betriebes, die verwunderten Reaktionen der Besucher, die erstaunt registrierten, dass nirgends Hobelspäne zu sehen waren. Dabei hatte der Schreinerbetrieb für seine „Gläserne Produktion“ nicht extra saubergemacht. „So sieht es bei uns immer aus“, bestätigt Pfeffer, „Absauganlagen sind heute von der Berufsgenossenschaft vorgeschrieben und gehören zum Standard.“ Saubere Luft ist allerdings bei weitem nicht der einzige Punkt, in dem der Betrieb von Willi Pfeffer nicht mehr der traditionellen Vorstellung einer Schreinerei entspricht.

Vom Start-up zur Hightechschreinerei

Willi Pfeffer hatte gerade seinen Meisterbrief in der Tasche, als im Jahr 1990 das Haus mit angeschlossener Lagerhalle neben dem neuen Bahnhof in Eutingen zum Verkauf stand. Der junge Schreinermeister ergriff die Chance, gab seine Stelle als Betriebsleiter auf und wagte im jungen Alter von 26 Jahren den Sprung in die Selbstständigkeit. „Start-up nennt man das heute“, schmunzelt er.

Er baute die 20 mal 20 Quadratmeter große Lagerhalle zu einer Möbelschreinerei um und stattete sie mit den damals üblichen Standardmaschinen aus. Die IT-Technik beschränkte sich auf ein Faxgerät.

Ein Vierteljahr später stellte er den ersten Mitarbeiter ein, kurz darauf auch den ersten Lehrling. Der Betrieb wuchs peu à peu. Das Jahr 2008 war dann richtungsweisend. Die Schreinerei mit 15 Mitarbeitern stand vor der Entscheidung, CNC-Maschinen anzuschaffen, und das zu einer Zeit, in der große Unternehmen wie beispielsweise Daimler oder Homag Kurzarbeit einführten. Mutig investierte Pfeffer knapp 1 Million Euro in einen großen Anbau und moderne Maschinen. „Viele haben uns für verrückt erklärt“, erinnert er sich, „aber für uns war es eine Initialzündung.“ Als es zwei Jahre später gesamtwirtschaftlich wieder aufwärts ging, „sind wir da voll reingeschossen.“ Als er 2015 abermals erweiterte, wurden auch die Arbeitsabläufe optimiert und die Wege vom Lager über den Produktionsprozess bis zur Endmontage klar strukturiert.

Die Auftragsbücher prall gefüllt: Da gilt es, effektiv zu arbeiten. Dem Chef war es von Anfang an ein Dorn im Auge, wenn Arbeitsabläufe holperten. So installierte er schon vor 25 Jahren ein Bestellwesen, damit sich ein Auftrag nicht durch fehlende Schrauben oder zur Neige gehenden Schmelzkleber verzögerte. „Wenn man dann jedes Mal aufs Neue überlegen muss, wo das entsprechende Material beim letzten Mal bestellt wurde, geht viel Zeit verloren.“ Am Beispiel Schmelzkleber: Sobald die angegebene Mindestmenge unterschritten ist, nimmt der Mitarbeiter, der dies als erster registriert, die codierte Karte von der Bestelltafel, bringt sie ins Büro, dort werden die Daten eingelesen und die Bestellung geht ruckzuck heraus.

Eine Checkliste gibt es auch für das Oberflächenmaterial: Die entsprechenden Ausführungsanforderungen müssen nur angekreuzt werden. „Damit vermeiden wir Fehlerquellen“, so Pfeffer.

Abschied von der Zettelwirtschaft

27 Mitarbeiter umfasst das „Pfeffer-Team“ derzeit. In der Regel sind rund 60 bis 70 Aufträge zeitgleich in Bearbeitung. „Eine Herausforderung, alles gut zu organisieren,“ sagt Pfeffer, „deshalb kommt man auch auf solche Ideen wie Checklisten und Barcodes.“ Seit 20 Jahren hat er eine digitale Zeiterfassung installiert. Für jeden Auftrag wird ein Barcode erstellt, auf dem Projektdaten, Kostenstellen und Mitarbeiterzeiten erfasst werden. Mit einem mobilen Handscanner geben die Mitarbeiter ihre Arbeitszeiten für den jeweiligen Auftrag ein. So kann tagesgenau nachverfolgt werden, ob die Kalkulation noch im Limit liegt. Als Nebenprodukt entstehen die Stundenzettel der Mitarbeiter – quasi als Stechuhrersatz.

Aber nicht nur die Aufträge werden digital erfasst. An der Plattensäge, an der die Holzteile zugeschnitten werden, bekommt jedes einzelne Stück seine eigene Identität, sprich einen Aufkleber mit allen erforderlichen Angaben für die Weiterverarbeitung. Virtuell geht es auch im Showroom zu: An einem im Konferenztisch integrierten Bildschirm bekommen die Kunden einen Einblick in das umfangreiche Leistungsspektrums der Schreinerei.

Selbstverständlich entstehen auch in einer modernen Schreinerei Hobelspäne. Sie werden aber sofort abgesaugt, und wie alles Restholz bei Willi Pfeffer weiterverwertet. Die Holzabfälle kommen in ein Silo, das erst in diesem Jahr aufgestockt wurde, und werden verheizt – weder Pellets noch Heizöl müssen zugekauft werden. Eine Fotovoltaikanlage auf dem Dach ergänzt das ökologische Konzept.

Erfolgreiche Talentschmiede

27 Lehrlinge in 27 Jahren: Das ist die Ausbildungsbilanz im Hause Pfeffer. Regelmäßig zählen die frischgebackenen Gesellen zu den Innungs- und Kammersiegern. „Wir brauchen dringend guten Nachwuchs“, so der Geschäftsführer, „wer nach der Ausbildung bleiben will, findet einen Platz bei uns.“

Einem ehemaligen Azubi ist auch eine weitere Erleichterung der Arbeitsabläufe zu verdanken. Der junge Mann studierte im Anschluss an seine Lehre Holztechnik an der Dualen Hochschule in Mosbach. Seine Abschlussarbeit widmete er dem Thema „Zentraler Einkauf in einer Schreinerei“. Nach dem Studium ging er zurück in seinen Ausbildungsbetrieb und bereitete hier eine Planungssoftware auf, aus der Zeichnung, CNC-Daten und Stückliste generiert werden können.

Hochentwickelte CAD-Planung, modernste Holzbearbeitungs-Maschinen, IT-Software und Barcodesysteme: Werden in Zukunft Maschinen auch die Belegschaft ersetzen? Ein klares „Nein“ von Willi Pfeffer: „Ohne Mitarbeiter geht’s nicht. Maschinen können nur das umsetzen, was wir planen – und dafür brauchen wir Topleute.“ Die digitale Unterstützung helfe dabei, so effektiv wie möglich zu arbeiten, um den Kunden faire Preise bieten und einen hohen Durchsatz halten zu können.

„Es läuft alles rund bei uns“, bilanziert Willi Pfeffer den Status quo seiner Schreinerei. Der Unternehmer, der sich selbst als „Handwerker aus Überzeugung“ bezeichnet, ist stolz auf seine Mannschaft, die seine Entscheidungen immer mitgetragen hat. Für ihn ist klar: „Es gibt nur einen Weg, und der geht nach vorne.“

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15.12.2017, 07:50 Uhr
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