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Balkon zur Autobahn
Das Stuttgarter Stadtmuseum in der klassizistischen Fassade des Wilhelmspalais ist fertig diese Projektion aber zeigt den Wunschtraum des Architektenbüros Lederer Ragnarsdóttir Oei: eine urbane Freitreppe zum möglichen Boulevard der Adenauer-Straße. Foto: Stadt Stuttgart
Städtebau

Balkon zur Autobahn

Das neue Stuttgarter Stadtmuseum im Wilhelmspalais ist fertig. Das Gebäude ist ein starkes Plädoyer für eine verkehrsberuhigte Kulturmeile.

12.09.2017
  • JÜRGEN KANOLD

Stuttgart. Mit einem Fahrrad auf dem Hochseil die achtspurige B 14 überqueren? Auch nicht gefährlicher, als vom Opernhaus über die Stadtautobahn zur Staatsgalerie zu Fuß zu gehen. Sagt provokant die Bürgerinitiative „Aufbruch Stuttgart“ und möchte am kommenden Sonntag auch mit dieser spektakulären Aktion für eine lebendige Kulturmeile werben.

Um was es städtebaulich geht in der Landeshauptstadt, kann man jetzt am besten vom Balkon des Wilhelmspalais aus begreifen. Das liegt ebenfalls an der Konrad-Adenauer-Straße, diente zuletzt als Stadtbücherei und ist prächtig zum künftigen Stuttgarter Stadtmuseum ausgebaut worden: Der Blick geht direkt auf das Kunstmuseum, links das Alte Schloss, rechts das Neue Schloss und davor, am Charlottenplatz – tobt und lärmt der Verkehr.

Das war mal anders. Just vor 200 Jahren holte Wilhelm I., König von Württemberg, den italienischen Architekten Giovanni Salucci nach Stuttgart. Dieser baute ihm unter anderem, nobel klassizistisch, in Verehrung des Renaissance-Meisters Palladio, ein Palais für seine beiden Prinzessinnen.

Natürlich bediente der Baumeister des Hofes – im 19. Jahrhundert durfte noch der regierende Monarch die Stadt herrlich bis selbstherrlich gestalten – einen Masterplan. Das Palais schloss die Achse der baumbestandenen Planie zum Kronzprinzenpalais (heute Kunstmuseum) ab und eröffnete im rechten Winkel dazu die Neckarstraße mit den repräsentativen Kulturbauten.

Dieses Stadtbild ging unter im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs und später auch im autogerechten Wiederaufbau. Und als Stuttgart 1961 beschloss, unter Erhalt der Fassaden im Wilhelmspalais die Stadtbücherei einzurichten, machte Architekt Wilhelm Tiedje das Haus über eine Brücke hauptsächlich von der Rückseite aus, der Urbanstraße, fürs Publikum zugänglich – logischerweise, denn Charlottenplatz und Adenauerstraße gehörten ja mittlerweile zur Stadtautobahn.

Jetzt die Wende: Das Stuttgarter Büro Lederer Ragnarsdóttir Oei erhielt 2010 nach einem Wettbewerb den Auftrag, das künftige Stadtmuseum zu bauen, wieder in der Fassade des Wilhelmspalais. Das Ergebnis aber ist nun ein großartiges Plädoyer für das viel beschworene Kulturquartier in einer verkehrsberuhigten Stuttgarter Innenstadt. Denn schon das offene, lichtdurchflutete Eingangsgeschoss versteht sich als urbaner Raum: wendet sich nicht beleidigt ab von der Bundesstraße, sondern sucht geradezu die Verbindung zur Innenstadt, lädt die Bürgerinnen und Bürger ein. Auch mit einem Museumscafé und einem Vortragssaal. Immer wieder überraschende Aussichten, ja Panoramablicke ermöglicht diese Architektur aus den Fensterfronten.

Und im Entwurf wäre da auch noch eine breite Freitreppe hinunter zur Straße, auf der dann mal die Passanten den Kultur-Boulevard queren könnten. Das ist Zukunftsmusik, aber Architekt Arno Lederer gehört ja auch zum Vorstand der Bürgerinitiative „Aufbruch Stuttgart“ und motiviert die stadtplanerische Gesamtsituation. Stuttgarts OB Fritz Kuhn sagte schon gestern beim Rundgang mit der Presse begeistert: „Das Haus zwingt uns zu einer neuen Verkehrspolitik.“

Das Stadtmuseum ist ein modernes Gebäude im Gebäude, tatsächlich eine „Schatulle“ im edel restaurierten historischen Kern, wie Architektin Jórunn Ragnarsdóttir sagt. Schwarzer Estrich und ansonsten helles Birkenholz: Das ist die Grundstimmung. Das Untergeschoss gehört ganz den Kindern. Ein clever eingezogenes Zwischengeschoss nimmt alle funktionalen Aufgaben für die Erwachsenen ab: Garderobe, Toiletten . . . Im ersten und im zweiten Obergeschoss folgen die Ausstellungsräume, mehr als 7000 Quadratmeter Nutzfläche bietet das verwandelte Palais; rund 41 Millionen kostet das alles.

Schöne Idee, das königliche neue Stadtmuseum zunächst mit einer Architektur-Preview vorzustellen. Wobei OB Kuhn schmunzelnd warnt: „Schreiben Sie nicht, wir eröffneten das Haus nackt, sondern ein nacktes Haus.“ Museumschef Torben Giese jedenfalls hat noch bis zum Frühjahr Zeit, die Dauerausstellung einzurichten.

Der Hesse schwärmt freilich schon von diesem „Palast“, mit dem ihn die Stuttgarter betraut haben. Er weiß, wovon er spricht, Giese kommt nämlich aus Wiesbaden, wo vor drei Jahre der Neubau eines lange geplanten Stadtmuseums nicht zuletzt an den Finanzen gescheitert ist.

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12.09.2017, 06:00 Uhr
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