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Bald schließt sich das Tor für immer

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Bald schließt sich das Tor für immer --

04:02 min

Das Tübinger Untersuchungsgefängnis soll spätestens 2015 Geschichte sein

Bald schließt sich das Tor für immer

Vor 103 Jahren wurde das Gefängnis in der Tübinger Doblerstraße gebaut. Mal 50, mal 75 Untersuchungshäftlinge warten hier auf ihren Prozess im benachbarten Gerichtsgebäude. Manche sitzen nur wenige Wochen ein, andere zwei Jahre. Doch die Tage der im Volksmund als Café Dobler bekannten Anstalt sind gezählt: In den nächsten Jahren will das Land 13 Gefängnisse schließen, auch das in Tübingen. Ein Besuch in der U-Haft.

08.08.2008
  • Volker Rekittke
Bald schließt sich das Tor für immer Mittagessen im Café Dobler: Häftlinge bringen den Mitgefangenen die in Rottenburg gekochte Mahlzeit in die Zelle, zwei Vollzugsbeamte sind immer dabei.

Ein grauer Vorhang trennt die Kloschüssel vom Rest der Zelle. Der blickgeschützte Lokus ist alles, was der 9,5 Quadratmeter große Raum an Intimsphäre zu bieten hat. Die Einrichtung: ein Tisch, zwei Stühle, ein Waschbecken, ein Fernseher an der Wand über der Tür – und ein Etagenbett. Das Untersuchungsgefängnis in der Tübinger Doblerstraße ist eigentlich nur für 48 Untersuchungshäftlinge ausgelegt. Doch meist sind es mehr: „Derzeit 55“, sagt Dienstleiter Jürgen Aberle. Was auch noch nicht viel ist: „Der langjährige Durchschnitt sind stramme 70.“ Das Bundesverfassungsgericht rügte 2001 die Praxis der improvisierten Doppelbelegungen, forderte etwa abgetrennte, belüftete Toilettenkabinen. „Wenn jemand einen Antrag stellt, bekommt er die nächste freie Einzelzelle“, sagt Aberle. Was aber dauern kann. Weil dann oft nur noch die Verlegung in eine andere Anstalt bleibt, werde der Antrag nicht allzu häufig gestellt.

23 Stunden am Tag in der Zelle

Nicht nur die Tübinger U-Haft in der Doblerstraße, auch die meisten anderen Knäste im Südwesten sind chronisch überfüllt. Bei vielen besteht akuter Renovierungsbedarf. Aus diesem Grund sollen landesweit 1200 neue Haftplätze entstehen – und zwar ausschließlich in Neubauten und Erweiterungen an zentralen Standorten. Dabei geht es der Landesregierung auch ums Sparen. Denn im Gegenzug sollen bis 2015 insgesamt 13 kleinere Gefängnisse geschlossen werden – darunter auch das Café Dobler. Was nicht unproblematisch ist: Schließlich ist in Tübingen direkt nebenan das Amts- sowie das Landgericht. Und von der Uni werden bei Verfahren häufig Gutachter zu Rate gezogen.

„Man weiß in Stuttgart, dass man nicht dauernd Häftlinge über lange Strecken von A nach B zu Gerichtsterminen kutschieren kann“, sagt Wolfgang Williard. Er ist als Leiter der Rottenburger JVA auch für die Außenstelle Tübingen zuständig. Vielleicht, deutet Williard an, wandert die Tübinger U-Haft ja auch nach Rottenburg.
„Die kleinen Anstalten haben viele Vorteile“, sagt der JVA-Chef. Viele Häftlinge würden die Übersichtlichkeit und die kurzen Wege, auch zu Beratern, schätzen – jedenfalls im Vergleich zur Anonymität eines großen Gefängnisses: „Die meisten sagen: Lieber zu zweit in Tübingen als allein in Stuttgart.“ Und die Gefängnispsychologin Bettina Bamberg ergänzt: „Man lernt die Leute sehr schnell kennen und kann sie einschätzen."

Das kann gerade am Beginn der Untersuchungshaft wichtig sein: „Wer hier rein kommt, hat viele Ängste.“ Manche sind depressiv veranlagt, weinen viel, andere sind aufbrausend, neigen zu Gewaltausbrüchen. Gibt es Suizidversuche? „Das kommt vor“, sagt die Psychologin. Hinzu kommt, so Sozialarbeiter Andreas Sachse: „Hinter Gittern wird die Privatsphäre fast auf Null reduziert.“ Auch das sorgt für Stress.

Lesen, fernsehen, schreiben, vielleicht ein Brettspiel zu zweit: 23 Stunden am Tag verbringen die Häftlinge in ihrer Zelle. Eine Stunde bleibt für den Hofgang. 20 Meter im Quadrat, auf der 5,5 Meter hohen Mauerkrone ringsum Drahtrollen – das ist der Hof. Immerhin: Die Gefangenen können sich hier bewegen, sehen den Himmel – und wenigstens ein winziges Stück Tübingen: Etwas weiter oben auf dem Österberg thront ein Verbindungshaus. Einmal die Woche wird im Hof Volleyball gespielt. Bambergs nächstes Projekt mit Häftlingen ist ein Wandbild auf dem großen weißen Flügeltor im Hof. Das soll etwas Farbe in die grau-weiß-schmuddelige Tristesse bringen – und einigen Männern Beschäftigung.

In der Tübinger Untersuchungshaft herrscht alles andere als Vollbeschäftigung. Platzmangel ist ein klarer Nachteil der kleinen Anstalt. Ganze zwölf der 48 Häftlinge arbeiten in zwei Räumen im Keller. „Damenunterwäsche konfektionieren“, sagt Vollzugsbeamter Alexander Ruf. Der Auftrag kam von einer Firma aus der Region. Im Akkord packen die Männer Slips in Kartons, befestigen Preisschilder an Spitzen-BHs. Stundenlohn: ein Euro. Ohne Geld kein Tabak oder eine extra Portion Kaffee. Viele Angehörige leben selbst von Hartz IV. Für sie wird es nach der Schließung der Tübinger U-Haft schwerer, für manche gar unmöglich, die Ehemänner oder Väter im weit entfernten Knast zu besuchen: „Das Fahrgeld ist im Hartz IV-Satz nicht drin“, sagt Sozialarbeiter Sachse.

Knastarbeit ist für Untersuchungshäftlinge, anders als im Regelvollzug, keine Pflicht, klärt Williard auf. U-Haft ist härter als der normale Strafvollzug. „Es gibt hier keine Lockerungen, keine Freigänger.“ Sicherheit geht vor. Manche der Häftlinge bleiben nur ein paar Wochen oder Monate im Café Dobler, andere bis zu zwei Jahre. Doch das passiert eher selten und nur dann, wenn Angeklagte oder Staatsanwaltschaft durch mehrere Gerichtsinstanzen gehen. Weswegen die Männer hier sind? „Von Diebstahl bis Mord ist alles dabei – einmal quer durch’s Strafgesetzbuch“, sagt Williard. Derzeit sitzt auch ein Mann, der seinen Unterhaltspflichten nicht nachkommt: „Der will notorisch nicht zahlen."

Im Oktober 1905 wurde die Haftanstalt in der Doblerstraße, in deren Hof 1949 das letzte Todesurteil Westdeutschlands vollstreckt wurde, als Gerichtsgefängnis nach dreijähriger Bauzeit in Betrieb genommen – zusammen mit dem Justiz-Neubau gleich nebenan, der den 1829 erbauten Königlichen Gerichtshof ersetzte. Ursprünglich bot es auf drei Stockwerken Platz für 55 Gefangene. „Die beiden Ergehungshöfe und der Wirtschaftshof sind mit 4,20 Meter hohen Mauern umgeben und mit eisernen Toren abgeschlossen“, heißt es in einem Schreiben des Tübinger Amtsgerichtsdirektors von 1935.

Damals reichten als Aufsichtspersonal „zwei Beamte des unteren Dienstes und ein Angestellter“. Heute arbeiten hier 19 Vollzugsbeamte, deren Aufgaben sich in 100 Jahren sehr verändert haben. 1905 gab es noch kein Resozialisierungs-Gebot des Gesetzgebers. Es gab keine Sozialarbeiter und Psychologen. Von Angeboten wie Gesprächsgruppe und Kraftsport, Deutsch- und Malkurs ganz zu schweigen. Und wo heute das Essen aus der JVA-Großküche in Rottenburg geliefert wird, hieß es seinerzeit: „Gefängnisköchin ist die Ehefrau des ersten Aufsichtsbeamten.“

Woher der Begriff Café Dobler kommt, das hat Dienstleiter Aberle bis heute nicht herausfinden können. Gehört hat er den Namen schon von Leuten, die in den 1950er Jahren in der U-Haft einsaßen. „Wer entlassen wurde“, vermutet Aberle, „für den war’s einfacher zu sagen: Ich war im Café Dobler.“ Das hört sich einfach besser an als „Knast“.

Bald schließt sich das Tor für immer
Eine Stunde Hofgang am Tag haben die Tübinger U-Häftlinge: 20 mal 20 Meter misst der mit Mauern und Stacheldraht gesicherte Gefängnishof. Rechts oben, mit Fahne, ein Verbindungshaus, mit dessen Bewohnern sich Häftlinge vor Jahren mal einen nächtlichen Sängerwettstreit lieferten.

Bald schließt sich das Tor für immer
9,5 Quadratmeter Deutschland: Dienstleiter Jürgen Aberle in einer der 48 Zellen – viele von ihnen sind mit zwei Häftlingen belegt. Für ein wenig Intimsphäre soll der graue Vorhang um die Toilette sorgen.

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08.08.2008, 12:00 Uhr
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