Nahverkehr

Bahn-Reaktivierung: Machbarkeitsstudien für acht Strecken in Baden-Württemberg laufen

In Baden-Württemberg wird die Wiederinbetriebnahme längst stillgelegter Bahnverbindungen geprüft. Bund und Land locken mit Zuschüssen.

06.11.2021

Von Alfred Wiedemann

1989 wurde der Personenverkehr auf der Strecke von Göppingen nach Boll eingestellt, jetzt wird auch hier eine Reaktivierung untersucht. Foto: Giacinto Carlucci

Stuttgart/Meßkirch/Rottweil. Vor knapp einem Jahr hat das Land eine Studie vorgestellt, bei der 42 längst stillgelegte Schienen-Verbindungen auf ihr Fahrgäste-Potenzial abgeklopft worden sind. Ergebnis: 32 Strecken haben sehr hohes bis mittleres Nachfragepotenzial – zwischen mehr als 1500 Fahrgästen und über 500 pro Schultag.

Für acht der Strecken laufen inzwischen Machbarkeitsstudien. Darunter Hohenstaufen- und Voralbbahn von Schwäbisch Gmünd über Göppingen bis Bad Boll plus Verlängerung bis Kirchheim/Teck, Strohgäubahn-Verlängerung, Kochertalbahn von Waldenburg bis Künzelsau, Rottweil–Balingen und die Ablachtalbahn von Stockach nach Mengen.

„Die Erwartungen wurden bislang sehr gut erfüllt“, sagt Tobias Schick, Sprecher des Verkehrsministeriums. „Wir rechnen mit noch maximal zwei bis vier weiteren Anträgen.“ Für einige Reaktivierungskandidaten seien schon andere Untersuchungen durchgeführt worden.

„Manche Reaktivierungskandidaten sind schon weiter“, sagt auch Matthias Lieb vom ökologischen Verkehrsclub Deutschland: Hermann-Hesse-Bahn, Strecken um Reutlingen oder Markgröningen–Ludwigsburg. „Spannend wird, was bei den Machbarkeitsstudien herauskommt.“

Für die Ablachtalstrecke könnte die Studie Ende 2022 vorliegen, sagt Arne Zwick (CDU), Bürgermeister von Meßkirch: „Da werden riesige Datenmengen erhoben, Anwohner und Anliegergemeinden werden gefragt, Behörden und Leistungsträger wie die Nahverkehrsgesellschaft.“

Zusammen mit Sauldorf hat Meßkirch die stillgelegte Strecke von Mengen nach Stockach gekauft. In Rekordzeit wurde Ausflugsverkehr ermöglicht. Die erste Saison der „Biberbahn“ nach Radolfzell am Wochenende und feiertags kam sehr gut an. „Wir sind voll zufrieden“, sagt Zwick. Der Bedarf sei da. Sollte es mit der vollen Reaktivierung klappen, wäre das ein „elementarer Beitrag“ zur Verkehrswende: „Wir im Bodenseehinterland blieben dann gut erreichbar.“ Touristenziele könnten profitieren, die Kommunen an der Strecke könnten sich weiterentwickeln, wenn Pendeln einfacher wird. „Wer kann sich am See noch ein Haus leisten? Bei uns geht das noch“, sagt Zwick.

Auch für Balingen–Rottweil läuft eine Machbarkeitsstudie. „Wir hoffen, dass realistische Optionen für den Wiederaufbau der Strecke aufgezeigt werden können“, sagt Rottweils Oberbürgermeister Ralf Broß (parteilos). „Wir sollten auch im ländlichen Raum darauf hinarbeiten, möglichst viel Individualverkehr auf die Schiene zu verlagern.“

Große Möhre für Kommunen

Der Bildungsstandort Rottweil habe mit seinen Schulen und Berufsschulen ein Einzugsgebiet bis weit in den Zollernalbkreis. „Dasselbe gilt für den Berufsverkehr, viele Menschen pendeln auf der B 27 zwischen unseren Landkreisen.“ Die Reaktivierung der Bahn nach Balingen würde eine „attraktive Alternative zum Auto schaffen“. Und über die Gäubahn wären neue Verbindungen Richtung Bodensee und Alpen möglich. Noch ist offen, was bei den Machbarkeitsstudien herauskommt.

Eine Reaktivierung ist nicht einfach: Sind Schienen abgebaut worden, wurden Abschnitte bebaut? Oder Radwege angelegt auf den alten Strecken? Neue Trassen sind teuer, das Herrichten alter ist auch nicht billig. Der Bund übernimmt aber bis zu 90 Prozent der Reaktivierungskosten, das Land beteiligt sich, so dass bis zu 96 Prozent der Kosten gefördert werden können.

„Das ist eine große Möhre, die uns da hingehängt wird“, sagt Zwick. Ohne die Förderung und das Geld vom Land für den Zugbetrieb sei keine Reaktivierung realistisch. Auf der Ablachtalbahn seien mindestens 15 Millionen Euro nötig. „Das können die Kommunen nicht leisten und die Landkreise auch nicht.“

Tempo bei der Reaktivierung lohnt sich: Geld gibt es „in zeitlicher Reihenfolge der Inbetriebnahmen“, solange Mittel da sind, sagt Ministeriumssprecher Schick. Wer als erster ins Ziel kommt? „Das kann derzeit noch nicht seriös gesagt werden.“

75 Prozent Zuschuss für die Untersuchungen

Mit Machbarkeitsstudien soll untersucht werden, ob stillgelegte Bahnstrecken reaktiviert werden können. Das Land übernimmt 75 Prozent der Kosten. Die Landkreise Waldshut und Lörrach waren die ersten Antragsteller für Wehratalbahn, Kandertalbahn und einen Abschnitt der Wutachtalbahn. Für fünf weitere Bahnstrecken gab es ebenfalls Geld vom Land für Machbarkeitsstudien. Das Föderprogramm läuft noch bis Jahresende.

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Erstellt:
6. November 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
6. November 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 6. November 2021, 06:00 Uhr

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