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Lustnau wird vor Goldersbach geschützt

Bagger-Biss für vier Meter hohen Erdwall

Es hat 24 Jahre gedauert, die guten Vorsätze nach der letzten großen Flut in konkrete Politik umzusetzen – aber jetzt ist es so weit: Am Mittwoch eröffneten Regierungspräsident Hermann Strampfer und OB Boris Palmer die Bauarbeiten für den Staudamm, der Lustnau künftig vor den Ausbrüchen des Goldersbachs schützen soll.

12.05.2011

Von Sepp Wais

Tübingen. Tatsächlich sind die Bauarbeiter schon zehn Tage vor dem feierlichen Bagger-Biss zu dem aufwändigen Dammbau angerückt, mit dem nun das Goldersbachtal 50 Meter vor dem Lustnauer Klosterhof auf voller Breite abgeriegelt wird. Von den geplanten Ausmaßen des Erdwalls ist zwar noch nicht viel zu sehen. Aber das bisschen Dreck, dass die Bagger inzwischen aufgehäuft haben, brachte dem Oberbürgermeister bereits die ersten Protest-Mails gegen die „dramatischen Eingriffe in die Landschaft“ ein.

Sechzig Stadträte, Stadtverwalter, Planer, Bauarbeiter und insbesondere auch Lustnauer Goldersbach-Anwohner beobachteten gestern den feierlichen „Bagger-Biss“ für den Hochwasser-Damm im Bebenhäuser Tal – ausgeführt von OB Boris Palmer und RP-Chef Hermann Strampfer (rechts) unter der Anleitung von Bagger-Profi Rolf Fischer. Bild: Freese

Boris Palmer kann diese Empörung zum Teil verstehen: „Das Bebenhäuser Tal wird durch den Eingriff bestimmt nicht schöner“ – aber: „Das ist eben der Preis, den wir für den Hochwasserschutz zahlen müssen.“ Und keineswegs der einzige. Bei Gesamtkosten von fast fünf Millionen Euro verschlingt der Hochwasserschutz für die Bewohner der Lustnauer Tallagen laut Palmer in etwa so viel, wie Tübingen in einem durchschnittlichen Haushaltsjahr aus eigener Finanzkraft investieren kann. Daran möge man denken, wenn die Stadt mit ihren Steuern wieder mal in die Kritik gerate.

Für RP-Chef Strampfer war der gestrige „ein sehr erfreulicher Tag“ – vor allem angesichts der langen Vorgeschichte. Mittlerweile wartet Lustnau seit einem halben Jahrhundert auf einen wirksamen Hochwasserschutz. Seit der Überschwemmung von 1955 wiederholte sich für die Lustnauer ein ums andere Mal das gleiche frustrierende Spiel: Wenn der Goldersbach zuschlug, wurden eifrig Dämme und Staubecken versprochen und geplant, aber sobald die Erinnerung an die letzte Flut verblasste, hatte man im Rathaus wieder Wichtigeres zu tun.

Vielleicht auch deshalb, so Strampfer, weil ein Damm nicht eben zu jenen Investitionen gehöre, „mit denen man als Oberbürgermeister in die Geschichte eingeht“. Umso größer sei sein Respekt vor der Tübinger Kommunalpolitik, die sich zu dieser „Entscheidung der Vernunft“ durchgerungen habe. Den Lustnauern wünschte der Regierungspräsident, dass sie „in Zukunft etwas ruhiger schlafen können“.

Dafür soll ein „Drei-Säulen-Modell“ sorgen, dessen erste Säule bereits steht. Im Sommer 2005 wurde ein Vorwarnsystem mit drei Regenschreibern im Schönbuch und zwei Pegelmessanlagen am Goldersbach installiert. Seither werden die dort automatisch registrierten Niederschlags- und Abflussmengen an die Landesanstalt für Umwelt in Karlsruhe übermittelt, wo sie je nach Wetterlage täglich, stündlich oder auch im Fünf-Minuten-Takt kontrolliert werden. Bei Gefahr alarmiert die Landesanstalt die Feuerwehr, die dann ihrerseits die bedrohten Quartiere alarmiert und das Dammtor vor Lustnau schließt.

Stauraum für 135 000 Kubikmeter

Die zweite Säule basiert auf der Bereitschaft der Hochwasser-bedrohten Lustnauer, selbst alle erdenklichen Vorkehrungen zu treffen, um ihre Häuser und Grundstücke gegen eindringendes Wasser abzuschotten und unvermeidliche Schäden in möglichst engen Grenzen zu halten. Dabei wird ihnen die Stadt ein gutes Stück entgegenkommen: Noch in diesem Jahr soll der Goldersbach an ein paar Schwachstellen im Lustnauer Siedlungsgebiet so ausgebaut werden, dass in seinem Bett bis zu 55 Kubikmeter pro Sekunde schadlos abfließen können.

Wenn noch mehr Regenwasser aus dem Schönbuch herunterstürzt, muss die dritte und mit drei Millionen Euro (ein Drittel steuert das Land bei) teuerste Säule im Schutzkonzept helfen – das Damm-System zur kontrollierten Überflutung zweier Rückhaltegebiete im Bebenhäuser Tal. Das erste liegt südlich der Steinernen Bruck und kann etwa 5000 Kubikmeter Wasser aufnehmen. Das zweite, sehr viel größere Überschwemmungsgebiet, in das sich der überschäumende Goldersbach ergießen soll, reicht vom Lustnauer Ortseingang 700 Meter talaufwärts und umfasst eine Fläche von etwa 15 Hektar. Hier ist Platz für 135 000 Kubikmeter Wasser – mithin genug, um die plötzliche Sintflut vom letzten großen Hochwasser im Sommer 1987 komplett aufzufangen.

Eingedämmt wird dieser Retentionsraum mit einem 4,20 Meter hohen und am Fuß bis zu 40 Meter breiten Erdwall, der unmittelbar vor dem Klosterhof das dort etwa 200 Meter breite Tal abriegelt und sich dann am westlichen Bachufer – also dort, wo bereits die großen Bäume gefallen sind – gut 300 Meter das Tal hochzieht. Wo die Bebenhäuser Straße (L 1208) den Damm durchbricht, wird ein 4,20 Meter hohes und 16,50 Meter breites eisernes Schiebetor angebracht, das die Feuerwehr im Ernstfall schließt.

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Erstellt:
12. Mai 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
12. Mai 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. Mai 2011, 12:00 Uhr

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