Wirecard-Skandal

Bafin-Chef übt Selbstkritik

Der Bankenaufsicht waren die Umtriebe bei dem Zahlungsdienstleister nicht bekannt – auch, weil dieser als Technologieunternehmen eingestuft wurde.

07.07.2020

Von DPA

Felix Hufeld. Foto: picture alliance/dpa

Frankfurt/Main. Felix Hufeld ist für deutliche Worte bekannt. Schon kurz nach seinem Antritt als Chef der Finanzaufsicht Bafin im März 2015 galt der Jurist als „Bankenschreck“. Nun kämpft Deutschlands oberster Finanzaufseher um seinen Ruf und um das Ansehen einer Behörde, der Politiker im Bilanzskandal beim Zahlungsdienstleister Wirecard Versagen vorwerfen.

Selbst legt der gebürtige Mainzer hohe Maßstäbe an. Managern liest er durchaus mal auf offener Bühne die Leviten. „Opfermentalität“ bescheinigte Hufeld Bankern bei einer Konferenz im September 2019, weil führende Vertreter der Branche immer wieder das Zinstief als Begründung für magere Gewinne anführten, statt Geschäftsmodelle radikal umzubauen. Im März 2020 bekräftigte der Präsident der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin), nicht alle hätten „den Schuss gehört“.

Und die Bafin im Fall Wirecard? Hätten die Aufseher nicht früher aufmerksam werden müssen, dass bei dem in rasanter Geschwindigkeit zum Dax-Konzern aufgestiegenen Fintech womöglich nicht alles mit rechten Dingen zuging? Seit 2015 berichtete die britische Zeitung „Financial Times“ (FT) immer wieder über Merkwürdigkeiten und Unregelmäßigkeiten bei Wirecard. In diesem Frühjahr dann der große Knall: Milliardenloch in der Bilanz, Insolvenzantrag, Austausch des Vorstands, Ermittlungen gegen den Ex-Chef.

Hufeld nennt die Vorgänge eine „Schande“ – und äußert sich selbstkritisch zur Rolle der Aufsicht: „Wir sind nicht effektiv genug gewesen, um zu verhindern, dass so etwas passiert.“ Zugleich aber stellt der 59-Jährige klar: Seine Behörde war und ist formal nur für die Wirecard Bank AG zuständig – der Gesamtkonzern Wirecard sei im Einvernehmen diverser Aufsichtsbehörden als Technologieunternehmen eingestuft worden.

„Wir hätten die Einstufung als Finanzholding schneller zu Ende bringen müssen“, räumt Hufeld jüngst im Gespräch mit der Wochenzeitung „Die Zeit“ ein. „Auch wenn dies mit ziemlicher Sicherheit nichts gegen Bilanzbetrug und Täuschungen mit hoher krimineller Energie hätte ausrichten können.“ Hufeld zeigt sich in der Frage von Verantwortung für das aktuelle Desaster kämpferisch: „Bei aller Bereitschaft, künftig Fälle wie Wirecard auszuschließen und meine Behörde noch effektiver aufzustellen, sehe ich nicht, wo die Bafin gegen EU-Recht verstoßen haben sollte.“

Dennoch ist es nicht das erste Mal, dass die Bafin wie ein zahnloser Tiger erscheint, dem im richtigen Moment der Biss fehlt. In der Finanzkrise 2008 warfen Kritiker der Behörde vor, Zockergeschäfte von Banken nicht rechtzeitig erkannt zu haben – zum Beispiel im Fall des später in einer Notaktion verstaatlichten Immobilienfinanzierers HRE. Und was tat die Bafin, als jahrelang Aktien zu Lasten der Steuerkasse hin- und hergeschoben wurden – die sogenannten Cum-Ex-Geschäfte?

Zur Wahrheit gehört aber auch: Der Wirecard-Skandal verdeutlicht, wie zersplittert die Aufsicht in Deutschland ist. Die Kontrolle von Unternehmensbilanzen ist zwar eine Aufgabe der Bafin – aber erst in zweiter Stufe. Primär zuständig ist die privatrechtlich organisierte Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) und die stellte angeblich nur einen Mitarbeiter für einen Prüfauftrag in Sachen Wirecard ab. Zudem ließen sich auch Analysten und Investoren vom Fabelaufstieg des Zahlungsdienstleisters Wirecard mit seiner eher unscheinbaren Zentrale im Münchner Vorort Aschheim blenden.

Angesprochen auf Rücktrittsforderungen bleibt sich Hufeld im „Zeit“-Interview treu: „Wäre unser Verhalten bei fairer Betrachtung als wirkliche Verfehlung einzustufen, dann wäre ich der Erste, der die Konsequenz zieht. Das kann ich im Fall Wirecard aber nicht erkennen.“ Jörn Bender

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Erstellt:
7. Juli 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
7. Juli 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 7. Juli 2020, 06:00 Uhr

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