Theatersport-Marathon im LTT

Baby-Metal von Tübingen nach Tokio

27 Stunden, neun Vorstellungen, weltweit im Internet per Livestream übertragen. Die Tübinger Theatersportler und ihre Gäste aus aller Welt ließen es ordentlich krachen.

31.01.2017

Von Michael Sturm

Ganz ehrlich: 27 Stunden Theatersport am Stück – das bekommt keiner hin. Der Impro-Marathon im LTT dauerte 27 Stunden, weil Volker Quandt den Theatersport in Tübingen vor exakt 27 Jahren etablierte– damals war bereits Udo Zepezauer an Bord. Zum Anlass der Jährung gab es daher eine Auftrittsserie, die die Nacht überdauerte. Während immer wieder frisches Publikum freudig herbei schritt, kamen einige der Akteure vor der letzten Vorstellung ganz schön auf dem Zahnfleisch daher. Etwa der Tübinger Harry Kienzler, der sich mit Theatersport-Übervater Volker Quandt und Ilka Luza beim Moderieren abwechselte – und dazwischen wenig Schlaf hatte. „Das merkt man jetzt schon“, so Kienzler. Mitten in der Nacht sei er an einem Punkt der Erschöpfung angelangt, an dem er merkte: „Ich komm’ nicht mehr weiter!“

Alles, was auf den Beinen ist

Du bist raus! Beim improvisierten Gedichtvers hat Udo Zepezauer die „verbotene“ Buchstaben-Kombination -er- benutzt. Die Reimer (von links): Chryssi Taoussanis (Tübingen), Aicha Marques (Salvador de Bahia), Udo Zepezauer (Tübingen), Fabio Vidal (Salvador de Bahia), Mirjam Woggon (Tübingen) und Mike Staffa (Tokio), setzten aufs Fingerschnipsen von Regisseur Volker Quandt (ganz rechts) ein. Bild: Sturm

Zu diesem Zeitpunkt musste eins der beiden Teams ein Lied singen, das, laut Kienzler, schon seltsam anfing. Dann sei es ewig weiter gegangen, bis das andere Teamdem Moderator Zeichen gab, die dieser allmählich auch wahrnahm. „Ich dachte, die hätten gerade angefangen“, so Kienzler. Und: „Das werden wir alle so schnell nicht vergessen.“ So werden auch die Damen vom LTT denken, die an der Garderobe saßen. Manche hatte sich ein Buch mitgebracht und genoss die Ruhe.

Zur letzten Vorstellung, am Sonntag um 18 Uhr, präsentierte Volker Quandt das letzte Aufgebot: „Jetzt lösen wir die Dreier-Konstellation auf“, kündigte er an. Nun spielten zwei Sechser-Teams gegeneinander. „Alle die sich noch auf den Beinen halten können“, flachste Quandt, ehe er den Tübinger Helge Thun zur herbeigesehnten Nachtruhe entließ.

Mehrere Brasilianer waren im Team, eine Japanerin, eine in der Türkei lebende Italienerin, ein in Japan lebender US-Amerikaner. Wenn sie miteinander agierten, etwa in der improvisierten Geschichte, die fortsetzen muss, wem der Regisseur das Schnipp-Zeichen gab, war das einfach nur spannend – teilweise verstanden sie gar nicht, was die anderen sagten! „Sie wissen nicht, wie sie übersetzt werden – und dürfen nicht aus der Rolle fallen“, erklärte Quandt. Die Fortsetzung in den jeweils eigenen Sprachen kam stets mit derart überzeugendem Tonfall, dass an der Babylon-These gezweifelt werden musste. Quandt hatte eine Erklärung: Man müsse sich nicht so gut kennen, so lange man sich an die Regeln des Improvisationstheaters halte, die ja für alle gleich seien. „Ich wusste, dass es mit den Brasilianern funktionieren würde“, so Quandt, der ebendort die Impro-Theater-Szene selbst etabliert hatte. „Das habe ich auch für die Japaner gehofft, obwohl ich die nicht gut kannte.“

Und wie war‘s für die Leute auf der Bühne? „Verwirrend“, sagte der Brasilianer Fabio Vidal. Er sei stets zwischen Ruhe und Unruhe gependelt. Vor allem in jener Aufführung, als er keine anderen Akteure an seiner Seite hatte, die, wie er, Portugiesisch sprachen. Er habe sich auf seine Sinne konzentriert, auf das was er sah, auf die Phrasen und Bewegungen der anderen, auf das Gefühl, das aus ihren Stimmen sprach. Einmal spielte er einen Ehemann mit drei Frauen, die einander bekämpften. Ein Traum, oder? Vidal schlagfertig: „Für wen?“

Für die jeweilige Zeitzone

Die Vorstellungen wurden als Livestreams ins Internet gestellt. Fünf davon zielten auf fernes Publikum: Diese Vorstellungen wurden nach Salvador der Bahia (Brasilien), Los Angeles (USA), Canberra (Australien), Chongqing (China) und Tokio (Japan) übertragen – quasi länderspezifischer Theatersport für die jeweilige Zeitzone. Auch wenn dafür der Live-Applaus aus dem Großen Saal des LTT immer dünner klang. Der Höhepunkt für Volker Quandt war die um 12 Uhr Sonntagsmittags beginnende Aufführung, die auf das Publikum im Tokio abzielte: „Die haben den Saal gerockt!“ Die Akteure bauten Baby-Metal ein, ein musikalischer Trend der sich in Japan immer mehr verselbständigt: Heavy Metal mit Mädchenstimmen.

Die Akteure hatten sich bereits in der Woche zuvor zu Workshops getroffen. Bei Martina Pavone wurde viel a cappella gesungen Die brasilianische Gummifrau Lulu Pugliese unterrichtete die Schauspieler darin, den zur Verfügung stehenden Raum mit Bewegungen des eigenen Körpers auszufüllen. Das tat auch die in Portugal lebende Australierin Jaime Mears, mit einer interessanten neuen Technik namens Viewpoints, die auch Volker Quandt beeindruckte.

Theatersport zur Mittagspause

Von heute bis zum 10. Februar bekommen die Tübinger Theatersport-Fans viermal in der Woche Nachschlag – zur Mittagspause im Café Haag. Dienstags und freitags sind je zwei Testmatches zwischen Deutschland und Brasilien angesetzt, jeweils um 12 und um 13 Uhr. Dazu wird japanische Nudelsuppe serviert.

Der brasilianische Künstler und Modedesigner Yosh José – der die Shirts für die Theatersportler entwarf, die am 27-Stunden-Theatersport-Marathon teilnahmen – wird auch da sein. 1994 war er als Schauspieler in Volker Quandt’s Inszenierung des brasilianischen StraßenHAMLET in Tübingen. Heute um 12 Uhr eröffnet er in Anwesenheit der Tänzerin Lulu Pugliese eine Ausstellung seiner Werke im Café Haag.

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Erstellt:
31. Januar 2017, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
31. Januar 2017, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 31. Januar 2017, 01:00 Uhr

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