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Verneinung der Vergangenheit

Avner Falk entwickelte seine Geschichte einer Thorarolle

Mit Avner Falk kehrt die Thorascheibe an den Ort zurück, an dem sein Großvater Josef Zwi Szpiro sie fertigen ließ: Jerusalem. Der Enkel entwickelte gestern Abend im Tübinger Rathaus seine Geschichte einer Thorarolle.

25.11.2011

Von Ute Kaiser

Tübingen. „Es ist nicht selbstverständlich, dass Angehörige, die ihre Familie im Holocaust verloren haben, nach Deutschland kommen“, sagte OB Boris Palmer. Er weiß aus der eigenen Familien, von einem Großonkel, wie tief die Verletzungen sind. Weil es Wiedergutmachung für den Holocaust nie geben könne, müsse alles getan werden, „was zur Versöhnung möglich ist“.

Das erforderte auch Schritte, die schmerzten. Die Verwaltung musste Avner Falk bitten, mit Dokumenten nachzuweisen, „die einzige legitime Person zu sein, die Anspruch auf die Thorascheibe hat“. Etlichen der rund hundert Gäste, unter ihnen die Ehrenbürger Eugen Schmid und Erwin Geist, Prorektorin Stefanie Gropper und Landesrabbiner Netanel Wurmser, stockte der Atem.

Für Avner Falk war es „nicht selbstverständlich“, Deutsch zu sprechen – die Sprache des Volks, das seinen Großvater ermordet hat und die er erst als Erwachsener lernte. Er verdankt dem Historiker und TAGBLATT-Redakteur Hans-Joachim Lang, dass er als Erbe ausfindig gemacht wurde. Inzwischen seien sie gute Freunde geworden, „obwohl wir auch streiten“, sagte der 68-Jährige.

Dass Erbstücke zurückgegeben werden, kommt selten vor. Der Raub von Kulturgütern dagegen sei „im Nationalsozialismus ein Massenphänomen“ gewesen, so Lang. Er nannte es „beschämend, mit welcher Gleichgültigkeit solche Gegenstände belassen wurden, wo sie waren, oder wenn sie von geringem Wert waren, entsorgt wurden“.

Vor den Gästen – darunter Falks Schwester Ibby Mekhmandarov, ihr Sohn Jonathan und Vetter Thomas Sandberg, aber auch die vier Töchter von Otto Michel – entwickelte der Redner seine These von der „Verneinung der Vergangenheit“ (siehe auch das Interview). Falk, klinischer Psychologe und Psychotherapeut, interessierte sich zunehmend für „historische Forschung mit psychoanalytischer Erklärung“, wie er sagte. Eine seiner Thesen, die er auch auf den Tübinger evangelischen Theologie-Professor Michel bezog: Die Vergangenheit sei so „schmerzhaft“, dass viele „keine andere Möglichkeit sehen, als sie zu verneinen“.

Wie die Thorarolle in Michels Besitz kam, ist noch ungeklärt. Falks Theorie vom Beutestück erntete im Publikum nicht nur Zustimmung. „Es gibt Leute, die damit nicht einverstanden sind“, griff Avner das Kopfschütteln auf, blieb aber bei seiner Interpretation der „sehr peinlichen und schmerzhaften Realität“. Der größte Teil der Gäste dankte, teils stehend, mit langem Beifall.

Tübingens Oberbürgermeister übergab gestern Abend im großen Sitzungssaal des Rathauses an Avner Falk (rechts) die vorher sorgsam hinter Glas aufbewahrte Thorascheibe, eine Standscheibe. Der 68-jährige Psychologe aus Jerusalem ist der Enkel von Josef Zwi Szpiro, der die Thorarolle zum Andenken an seine Mutter Rivka Szpiro der Synagoge von Zgierz bei Lodz (Polen) gestiftet hatte. Die Erben von Otto Michel gaben sie 1994 an das Tübinger Stadtmuseum. Bild: Faden

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Erstellt:
25. November 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
25. November 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 25. November 2011, 12:00 Uhr

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