Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Parken, Pech und Pannen

Automatische Parkhäuser werden für Städte wie Tübingen zum Millionengrab

Automatik-Parkhäuser galten als modern. In Tübingen wurden sie zur millionenschweren Fehlinvestition. Sogar Streusalz und Sonnenlicht stören die Technik.

30.08.2016
  • MADELEINE WEGNER

Tübingen. Viele Parkplätze auf kleinem Raum, weniger Abgase und mehr Sicherheit: Von den Vorteilen automatischer Parkhäuser war auch die Tübinger Stadtverwaltung um die Jahrtausendwende fasziniert. Für zwölf Millionen Euro ließ sie zwei solcher Parkhäuser bauen. In den damals neu gestalteten Stadtteilen Loretto und Französisches Viertel entstanden zwei Gebäude mit jeweils konventionellen und vollautomatischen Parkbereichen. Letztere sollten 480 Stellplätze bieten. Doch was als Schritt in die Moderne gedacht war, offenbarte rasch technische Tücken: Schon bei der feierlichen Eröffnung des Loretto-Parkhauses im Frühjahr 2003 stürzte das Computersystem ab: Das erste Auto konnte nicht eingeparkt werden. Im Herbst 2005 eröffnete das Parkhaus im Französischen Viertel – zwei Jahre später als geplant. In beiden Parkhäusern folgte eine über Jahre andauernde Pannenserie.

„Das Ausmaß dessen, was auf uns zukam, war nicht abzusehen“, sagt heute Wilfried Kannenberg, Technischer Geschäftsführer der Stadtwerke Tübingen, die beide Parkhäuser betreiben. Bei automatischen Parkhäusern, auch Parkregale genannt, wird das Auto vom Besitzer auf einer beweglichen Plattform abgestellt – und dann platzsparend wie in einem Hochregallager platziert. Die komplexe Mechanik aber sei „sehr reparaturanfällig“ – insbesondere durch das Streusalz, das die Autos im Winter hineinbringen. Die Lagerungstechnik habe besonders empfindliche Bauteile. Bereits Sonnenstrahlen hätten für Störungen gesorgt, sodass die Fenster nachträglich verdunkelt werden mussten.

In der Anfangsphase des Parkhaus-Betriebes habe es die meisten Störungen gegeben. Der Übergang in eine weitere problematische Phase war jedoch fließend: Mittlerweile altern die Bauteile, sodass der Reparatur- und Wartungsaufwand in immense Höhe steigt. Hinzu kommen Personalkosten. Denn das Parkhaus sollte zwar vollautomatisch funktionieren, dennoch kommt es immer wieder zu Störungen, zudem ist Hilfe bei der Bedienung nötig. Mit alldem sorgen die Parkhäuser für 200 000 Euro Verlust im Jahr.

Eine weitere Schwierigkeit: Die Zahl der fahrstuhlähnlichen Kabinen, die jeweils ein Auto ins Parkhaus transportieren und schließlich wieder ausspucken, ist zu knapp kalkuliert: Bei besonders starkem Andrang – etwa morgens zum Berufsverkehr – müssen die Dauerparker bis zu 20 Minuten auf ihr Auto warten. „Das ist nicht zumutbar“, sagt Kannenberg.

Das automatische Park-Angebot sei dennoch gut angenommen worden, momentan liegt die Auslastung bei 60 Prozent. „Dabei werden wir es belassen“, sagt Kannenberg. Bei größerer Auslastung steigen sowohl die Wartezeiten als auch die Fehleranfälligkeit überproportional stark.Das größte Problem sei, dass die Lagerungssoftware speziell für die beiden Tübinger Parkhäuser programmiert wurde. Die zuständige Firma jedoch existiert nicht mehr. „Wenn diese Software ausfällt – das wäre der Supergau“, sagt Kannenberg. Deshalb müssten so schnell wie möglich neue Parkplätze geschaffen werden.

Die automatischen Parkhäuser können nur mit enormem Aufwand zu konventionellen umgebaut werden. Schließlich gibt es keine Auffahrten in die Etagen, die Decken sind äußerst niedrig. Im Französischen Viertel werden die Geschosse, die zum automatischen Parken genutzt werden, wohl abgerissen. Die unteren beiden konventionellen Parkdecks bleiben bestehen. Im Loretto soll eine neue Tiefgage mit über 300 Plätzen gebaut werden.

Trotz aller Pannen sagt Kannenberg: „Automatische Parkhäuser haben schon viele Vorteile.“ Die Autos seien dort beispielsweise besser vor Diebstahl geschützt. Die Entscheidung für die Parksysteme hatte vor allem auch stadtplanerische Gründe: Als die Französische Armee in den 1990er Jahren ihre Standorte in der Tübinger Südstadt aufgab, entschloss sich die Stadt, die Flächen zu kaufen. Es sollten Stadtviertel mit möglichst wenig Autoverkehr entstehen. Kannenbergs heutiges Fazit: „In sehr großen Millionenstädten mit sehr großer Platznot kann man sich mit automatischen Parkhäusern durchaus auseinandersetzen.“

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

30.08.2016, 06:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular