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Passauer OB: Wir können Krise

Ausnahmezustand in der bayerischen Grenzstadt - Täglich kommen tausende Flüchtlinge an

Über Passau führt die zurzeit wichtigste Flüchtlingsroute. Oberbürgermeister Dupper müht sich ab, damit die Lage menschenwürdig bleibt. Abend für Abend schaut er am Bahnhof und in Unterkünften nach.

01.10.2015
  • PATRICK GUYTON

Am Nachmittag kommt ein Regionalexpress aus dem österreichischen Linz in Passau an. Die Menschen strömen aus den Türen, die meisten von ihnen sind Flüchtlinge mit einer Plastiktüte in der Hand. 300 sind es diesmal, hat Österreich mitgeteilt. Für Omara Chaar ist es wieder Zeit, sich das große, weiße Megaphon an den Mund zu halten und auf Arabisch laut zu rufen: "Das ist Deutschland, ihr seid in Deutschland, ihr seid in Sicherheit."

Es sind höchst aufreibende Tage in der bayerischen Grenzstadt. Seit dem 13. September ist die Kommune im Ausnahmezustand. An diesem Sonntagabend wurden in Deutschland wieder Grenzkontrollen eingeführt. Die vielen Flüchtlinge kommen nun nicht mehr mit dem Zug in München an - sondern zu ganz großen Teilen am deutsch-österreichisch-tschechischen Dreiländereck, also in Passau. Am Montag waren es 7200, am Dienstag rund 10 000. Dabei hat Passau selbst nur 50 000 Einwohner.

Neben Chaar steht in dem für Flüchtlinge abgesperrten Bereich des Bahnhofs der Passauer Oberbürgermeister Jürgen Dupper. Er begrüßt die Menschen, schüttelt Hände. Er erkundigt sich bei den Helfern. Sonja Steiger-Höller, die ein Kosmetikstudio betreibt und in ihrer Freizeit am Bahnhof arbeitet, sagt dem Rathauschef, was sich der 21-jährige Omara Chaar nicht zu fragen traut: "Könnte er eine Sim-Karte für das Handy bekommen?" Er müsse viel organisieren, etwa Dolmetscher benachrichtigen. "Klar", sagt Jürgen Dupper und notiert sich die Angelegenheit. "Wichtig wäre auch ein Wlan-Hotspot hier im Empfangsbereich", sagt Chaar nun. Ja, meint Dupper, die Stadt arbeite daran. Er wisse, es müsse schnell gehen.

Omara Chaar selbst ist erst seit zweieinhalb Monaten in Deutschland. Er stammt aus Syrien, hat dort Jura studiert. Über seinen Asylantrag ist noch nicht entschieden. Er wohnt zurzeit in einem Flüchtlingsheim, drei Kilometer entfernt. Wenn er lange am Bahnhof bleiben soll und spätabends kein Bus mehr fährt, läuft er zu der Unterkunft. "Leute wie Omara brauchen wir ganz dringend", meint OB Dupper. Er scheint die Helfer alle zu kennen, duzt viele. Der 54-Jährige ist ein rustikales bayerisches Mannsbild: groß, breit und mit Bauch. Dupper hat fünf Kinder, ist in Passau geboren, aufgewachsen und hat bis auf eine Legislaturperiode als Abgeordneter im bayerischen Landtag immer in der Drei-Flüsse-Stadt gearbeitet. Und er ist Sozialdemokrat im schwarzen Niederbayern.

"Wir packen das", hat er gesagt, als die Flüchtlinge kamen. Zu diesem Satz steht er weiterhin. Passau müsse mit den vielen Asylbewerbern zurechtkommen, und zwar auf menschliche Weise. Das sei seine Aufgabe. Dann fügt er hinzu: "Ich kann nichts Schlimmes daran finden, dass die Menschen hier ihr Glück suchen. Das Unglück kennen sie ja schon."

Vom Bahnhof werden die Flüchtlinge zu einem großen Gelände der Bundespolizei gebracht. Dort kommen sie in eine Halle und werden medizinisch untersucht. Im Idealfall ruhen sie sich ein, zwei Stunden aus. Dann werden sie weitergeleitet - entweder in andere bayerische Gemeinden oder ins gesamte Bundesgebiet. 20 Busse stehen dafür vor der Halle. Doch die Polizei findet nicht für alle Migranten sofort Plätze. Die Situation der vergangenen Nacht schildert ein Beamter dem OB: "Keiner ist draußen geblieben, keiner hat gefroren."

Wie lange soll das noch so gehen, wie lange kann das gehen? Jürgen Dupper weiß das nicht, niemand weiß das. "Es ist unbeschränkt", sagt er. Und mit Blick auf seine Stadt: "Wir können Krise." Das hat man Anfang Juni 2013 beim Hochwasser gesehen. Die ganze Altstadt stand unter Wasser, alle packten mit an, die Studenten wurden als Fluthelfer bejubelt, von auswärts kamen viele Helfer.

Sieben Tage die Woche ist Jürgen Dupper jetzt auf Achse. Keiner vergeht ohne Überraschungen. So ist am Sonntag eine neunköpfige Familie aus Afghanistan eingetroffen mit einem hoch betagten Mann, der nicht mehr sehen und nicht mehr hören kann. 110 Jahre sei er alt, das Geburtsjahr 1905, sagt seine 60-jährige Tochter. Auf den Fußmärschen von ihrem Heimatort Baghlan bis nach Passau - rund 7000 Kilometer - hätten die männlichen Familienmitglieder den Greis getragen. In Baghlan konnte die neunköpfige Familie, zu der vier Kinder und eine Schwangere gehören, wegen zunehmender Taliban-Angriffe nicht mehr bleiben. Drei Brüder seien getötet worden. Einen Monat seien sie unterwegs gewesen.

Mittlerweile ist die Familie mit dem Zug nach Gießen gefahren. Ein Sprecher der Bundespolizei hat den Mann gesehen und beschreibt ihn als "gebrechlich, greisenhaft, aber stabil". Dolmetscher halten die Geschichte für glaubhaft. Dokumente habe die Vier-Generationen-Familie aber nicht dabei gehabt, so dass das Alter des Mannes nicht überprüft werden konnte. "Aber selbst wenn er 90 Jahre alt ist, wäre die Flucht eine erstaunliche Leistung", sagte ein Polizeisprecher.

In Passau kommen die zahlreichen allein reisenden Minderjährigen provisorisch in einer Turnhalle unter. "Hier habe ich als Jugendlicher Basketball gespielt", erinnert sich OB Dupper. Jetzt unterhält er sich mit dem 17-jährigen Musa aus Damaskus. "Ich war 15 Tage unterwegs", erzählt er. Der Onkel ist schon in Deutschland. Die Familie hat Musa geschickt, sie will nachkommen. "Wir halten Unterricht ab und schauen, dass die Jugendlichen viel an die frische Luft kommen", sagt Sozialarbeiter Ralf Grunow.

Für den Abend hat Dupper eine vereinbarte Bierzelt-Rede abgesagt. "Ich mache stattdessen meine Abendtour, das ist wichtiger." Sie besteht aus Bahnhof, oft Bundespolizei und Unterkünfte. Jeden Abend klappert der OB die Orte ab. Er schaut, wie es geht und was fehlt. Sieht er das als seine Pflicht an? "Natürlich", sagt er, ohne zu zögern.

Ausnahmezustand in der bayerischen Grenzstadt - Täglich kommen tausende Flüchtlinge an
Mit dem Zug aus Linz kommen viele Migranten in Passau an. Ein Plakat und ein Dolmetscher heißen sie willkommen, bevor sie in einer Unterkunft medizinisch untersucht werden. Fotos: Thomas Jäger/dpa

Ausnahmezustand in der bayerischen Grenzstadt - Täglich kommen tausende Flüchtlinge an
110-Jähriger floh mit Tochter und Familie aus Afghanistan. Foto: dpa

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01.10.2015, 12:00 Uhr
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