Tübingen · Stadtarchiv

Auslagerung der Unterlagen statt Neubau

Ein Neubau ist in weite Ferne gerückt. Die Verwaltung will nun einen Teil der Unterlagen zu einem auswärtigen Dienstleister auslagern.

07.01.2020

Von Sabine Lohr

Stadtarchivar Udo Rauch vor vollen Regalen: Jetzt sollen Unterlagen ausgelagert werden. Bild: Anne Faden

Vor sechs Jahren durfte sich Tübingens Stadtarchivar Udo Rauch Hoffnungen machen: Das Archiv sollte endlich einen zentralen und geeigneten Standort bekommen – in der ehemaligen Güterumschlaghalle auf dem Güterbahnhof-Areal. Doch im Frühling 2019 stellte sich heraus, dass sich das Gebäude nicht fürs Stadtarchiv eignet: Wegen des Brandschutzes hätte die hölzerne Tragkonstruktion ummantelt werden müssen, was sehr teuer geworden wäre. Die Verwaltung erklärte daraufhin, sie wolle „mittelfristig“ einen neuen Standort suchen. An einen Neubau ist aber nicht zu denken. „Es fehlt der Standort und die Kapazität für die Planung eines weiteren Projekts“, sagt Oberbürgermeister Boris Palmer.

Inzwischen ist das Archiv, das auf neun Standorte verteilt ist, komplett gefüllt. Nichts passt mehr hinein. „Wir könnten das Archiv von Foto Kleinfeld übernehmen, haben aber keinen Platz dafür“, sagt Udo Rauch. Und bedauert sehr, dass die Aufnahmen von Tübingen in den 20er- und 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts nun nicht im Stadtarchiv landen.

Nun hat die Verwaltung eine Idee, die sie am Donnerstag, 9. Januar, dem Kulturausschuss vorschlägt: Ein Teil des Stadtarchivs soll nach Donauwörth ausgelagert werden. Dort, so Palmer gibt es eine sehr große Archivhalle, „in der unser Stadtarchiv zigfach Platz hätte“. Unterlagen, die jemand einsehen möchte, sollen dann per „Scan on demand“ digital zur Verfügung gestellt werden. Oder, wenn das Einscannen nicht geht, per Post nach Tübingen kommen. Dieses Verfahren werde, so Rauch, bisher nur in der Industrie angewendet, „für Unterlagen, die man eher loshaben will, die aber ein paar Jahre aufgehoben werden müssen, weil es das Gesetz so vorschreibt“.

Bisher wende kein Archiv in Baden-Württemberg „Scan on demand“ an. Und ganz billig sei es auch nicht: Die Verwaltung rechnet mit Kosten von 46 000 Euro im Jahr.

Das sei aber immer noch günstiger als ein Neubau, so Palmer. „Natürlich kommt das nur für die Bestände in Frage, die keinen historischen Wert haben. Wir wollen das Kulturgut der Stadt auch in der Stadt bewahren. Das ist aber ein relativ kleiner Teil der Bestände.“

Zunächst sollen, so steht es in der Sitzungsvorlage, „insbesondere“ Personalakten ausgelagert werden – Unterlagen, die eher nicht angefordert werden. Doch Rauch denkt auch an das Archiv des Tübinger Wasmuth-Verlags, der vor einem Jahr schloss. „Der Verlag hat sein tolles Archiv der Stadt übergeben, aus Platzgründen habe ich es bei einem Umzugsunternehmen zwischengelagert.“ Es werde, so Rauch, nun wohl auch bei dem Dienstleiter gelagert.

Bis 2012 war ein Teil des Stadtarchivs – vor allem Unterlagen aus dem 17. Jahrhundert – auf dem Dachboden des Rathauses untergebracht. Doch die Last der Archivalien drückte so auf das Gebäude, dass die Fassade Risse bekam. „Damals hat man uns versprochen, dass es eine Lösung geben wird“, so Rauch. Die sei auch nötig, denn auch ein Gutachten sei zu dem Schluss gekommen, dass es so, wie es ist, nicht bleiben kann.

Der Zustand des Archivs ist besorgniserregend: „Wir sind schon zweimal knapp einer Havarie entronnen“, sagt Rauch. Denn zweimal seien Wasserrohre gebrochen. Dabei dürften Wasserrohre gar nicht in einem Archiv sein. Einmal, so Rauch, habe es durchs Dach geregnet – auf alte Gemeinderatsunterlagen. Und schon mehrmals musste Schimmel von den Archivalien entfernt werden.

„Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll“, sagt Rauch frustriert. Das Problem sei alt. „In 500 Jahren Stadtgeschichte hat man sich nie Gedanken übers Archiv gemacht“. Dagegen sei in den 1950er Jahren die Bücherei gebaut worden – und in den 1980er ein zweites Mal. In den 1960er Jahren sei für das Museum gebaut worden, in den 1990ern ein zweites Mal. „Ein Stadtarchiv ist eine gesetzliche Aufgabe“, betont Rauch. Scans seien keine Alternative dafür und allenfalls eine Notlösung.

Palmer versteht die Enttäuschung Rauchs. „Wir standen ja alle voll hinter dem Plan, in der Güterhalle endlich eine gute Unterbringung zu realisieren. Wir haben aber auch gemeinsam einen Schlussstrich unter diesen Plan gesetzt, als klar wurde, dass wir dafür die Halle abreißen müssten.“ Bewähre sich die Lösung in Donauwörth, werde die Stadt alles dorthin auslagern, „was keinen besonderen Wert hat und selten genutzt wird“. Das seien viele Regalmeter von Akten, insbesondere seit 1945.

Falls sich Schwierigkeiten in der Praxis zeigen, „müssen wir die große Planung für alle Bestände weiter führen und ein großes Archiv bauen“. Welcher Weg es sein werde, lasse sich erst in zwei bis drei Jahren erkennen. „Bis dahin fahren wir auf Sicht. Wichtig ist, dass wir jetzt eine Lösung haben, um neue Akten in das Archiv aufzunehmen. In jedem Fall wird die Zerhäuselung des Archivs und die Unterbringung in vielen ungeeigneten Standorten beendet.“

Ideen für die alte Güterbahnhofshalle

Mitten auf dem Güterbahnhof-Areal, umgeben von Neubauten, steht die alte Umschlaghalle des aufgegebenen Güterbahnhofs. Die Stadt kaufte sie zu einem symbolischen Preis. In ihr soll, auf der linken Seite, eine Kindertagesstätte gebaut werden, weil mehr Kinder als prognostiziert in dem Quartier leben.

Auf der rechten Seite stellt sich Baubürgermeister Cord Soehlke „eine Gastronomie oder eine kulturelle Nutzung“ vor.

Der mittlere Hallenteil könnte eine offene Halle werden, ähnlich der Panzerhalle im Französischen Viertel. „Das könnte ein interessanter, bunter Ort werden, der bürgerschaftlich genutzt werden kann und mit dem Platz davor verbunden ist“, so

Soehlke gegenüber dem TAGBLATT.

Im Planungsausschuss am Donnerstag, 16. Januar, will Soehlke die detaillierte Planung für die Halle vorstellen, über die anschließend auch im Gemeinderat diskutiert werden soll. Das „Lern- und Dokumentationszentrum zum Nationalsozialismus“, das ebenfalls in die Halle will, könne eventuell in einzelnen Boxen integriert werden oder durch temporäre Ausstellungen.

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Erstellt:
7. Januar 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
7. Januar 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 7. Januar 2020, 01:00 Uhr

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