Tübingen · Bahn

Zugverkehr bald planmäßig ausgedünnt – aber dafür zuverlässig

Mit Bussen und geplanten Zugausfällen will die Deutsche Bahn im Schienenverkehr rings um Tübingen mehr Verlässlichkeit erreichen.

05.12.2019

Von Uschi Hahn & Hans-Jörg Schweizer

Leere Bahngleise in Tübingen. Bild: Tanja Miller

Es klingt wie Hohn: „Mit dem Naldo-Jobticket kommen Sie sicher und bequem zur Arbeit.“ Das verspricht die Werbung des Verkehrsverbunds Neckar-Alb-Donau im Tübinger Hauptbahnhof. Doch davon können viele Pendler rings um Tübingen derzeit nur träumen. Allein am Donnerstagnachmittag fielen innerhalb von einer halben Stunde zwei Züge aus. Einer Richtung Stuttgart, einer Richtung Pforzheim.

Besonders krass war es am Dienstag auf der Ammertalbahn: Auf der Strecke zwischen Tübingen und Herrenberg wurden 38 Fahrten gestrichen. „Das ist fast die Hälfte“, sagt der Geschäftsführer des Ammertalbahnzweckverbands Dieter Braun. „Die Deutsche Bahn ist einfach nicht in der Lage, die bestellten Leistungen zu bringen“, so Braun über die Bahntochter Regionalverkehr Alb Bodensee, kurz RAB, an die der kommunale Zweckverband den Betrieb auf der Ammertalbahn vergeben hat.

Grund für die Ausfälle ist, wie mehrfach berichtet, vor allem Personalmangel bei den Lokführern, die sich zudem wegen Überlastung häufig krankmelden. Doch in den vergangenen Wochen kam noch etwas dazu. Gleich in zwei Werkstätten der Bahn fielen Spezialmaschinen aus, mit denen die Räder der Fahrzeuge geglättet werden. Diese Reparatur fällt im Herbst oft an, weil Laub auf den Gleisen die Lokführer zum Abbremsen zwingt, was Macken im Stahl hinterlässt. Von den alten und damit eh schon wartungsanfälligen Dieseltriebfahrzeugen sind daher derzeit noch mehr außer Betrieb als sonst.

Busse vielleicht ab Montag

Im Zweckverband hat man jetzt reagiert. An den Endpunkten der Ammertalbahn in Tübingen und Herrenberg sollen Ersatzbusse bereitstehen und bei Zugausfall die Strecke bedienen. Das Angebot eines Busunternehmens lag am Donnerstag bereits vor. Es gebe zwar noch viel zu klären, sagt Braun. Doch „mit viel Optimismus“ könnte es mit dem Schienenersatzverkehr vom kommenden Montag an klappen. Die Kosten für die Busse will der Zweckverband von der Bahn zurückhaben. Braun sieht „eine Chance, dass wir das als Schadensersatz zurückbekommen“.

Auch die Bahn selbst reagiert auf die Zugausfälle. Wie DB Regio am Donnerstag erklärte, sollen vom heutigen Freitag an bis 6. Januar auf der Kulturbahn, der Strecke von Pforzheim nach Horb, die Züge montags bis freitags nur im Stundentakt fahren – wie sonst am Wochenende. Damit sollen Lokführerstunden eingespart und der restliche Betrieb wenigstens verlässlich werden. Der Streckenabschnitt Tübingen - Horb ist nicht betroffen.

Auf der Ermstalbahn soll am Wochenende gar kein Zug fahren. Zwischen Bad Urach und Metzingen gibt es stattdessen Ersatzbusse.

Mit einer Ausdünnung des Taktes am Wochenende will sich auch die RAB auf der Ammertalbahn behelfen, wie Braun mitteilt.

Die DB Regio verweist außerdem auf den Betreiberwechsel auf einzelnen Strecken im Stuttgarter Raum. Mit der Abgabe zum Beispiel der Filstalbahn zum 15. Dezember werde DB-Personal frei, das aber erst auf die Strecken rings um Tübingen umgeschult werden müsse. Frei werden dadurch auch Fahrzeuge. Wie die RAB dem Ammertalbahn-Zweckverband mitgeteilt hat, sollen diese auch zwischen Tübingen und Herrenberg für Entlastung sorgen, sagt Braun.

Strafe und Entschädigung

Strafzahlungen für ausgefallene Leistungen sind in den 1996 geschlossenen Verträgen des Zweckverbands Ammertalbahn mit der RAB nicht vorgesehen. Auch bei der Frage nach Schadensersatz für die um ihre Fahrten geprellten Fahrgäste muss Braun passen. Dafür sei die RAB zuständig.

Auf die DB Regio könnte als Vertragspartner des Landes angesichts der vielen Zugausfälle im kommenden Jahr allerdings durchaus wieder eine Strafzahlung in Millionenhöhe zukommen. Wie hoch diese „Pönale“ wegen teilweiser Nichterfüllung des bestehenden Verkehrsvertrags ausfallen wird, kann Pressesprecher Edgar Neumann vom Verkehrsministerium aber noch nicht abschätzen. Denn erst 2020 werden die 2019er Zugausfälle im ganzen Land zusammengezählt. 2017 – auch damals gab es einen Lokführerengpass – habe die DB Regio einen einstelligen Millionenbetrag ans Land Baden-Württemberg bezahlt.

In eben jenem Jahr hatte das Verkehrsministerium mit der DB Regio auch einen Zehn-Punkte-Aktionsplan ausgearbeitet, der unter anderem ein drei Millionen Euro schweres Prämienprogramm für zusätzliches Personal, eine Kommunikationsoffensive und unbürokratische Entschädigung betroffener Vielfahrer vorsah: Jahresabo-Besitzern bezahlte DB Regio „freiwillig“ eine Entschädigung in Höhe einer Monatskarte, berichtet Neumann. Zur Entschädigungsfrage schüttelt man derzeit bei DB Regio noch den Kopf. Es könnte aber sein, dass beim wöchentlichen Jour fixe der Bahnbetreiber im Verkehrsministerium kommenden Dienstag dieses Thema auf der Tagesordnung steht. „Wir wollen, dass entschädigt wird“, sagt Neumann, denn „von der Pönale ans Land hat der Fahrgast nicht viel“.

Streit-Lust: Zugausfälle wegen Lokführermangel
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Video: Tanja Miller

02:45 min

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Erstellt:
5. Dezember 2019, 18:22 Uhr
Aktualisiert:
5. Dezember 2019, 18:22 Uhr
zuletzt aktualisiert: 5. Dezember 2019, 18:22 Uhr

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