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Landschaftsführer auf Spurensuche in Ammerbucher Gipsgruben

Ausflüge in die Erdgeschichte

Orchideen, Sagen und immer wieder Gips: Zwei Landschaftsführer nahmen am Samstag ihre Zuhörer mit auf eine Wanderung durch die Geschichte der alten Steinbrüche bei Entringen.

27.07.2009

Von HANNES WEIK

<strong>Entringen. </strong>Jan Bong und Ludolf Bertram stehen auf dem Gelände einer verlassenen Gipsgrube zwischen Entringen und Breitenholz. Eine Menschentraube hat sich um die beiden Landschaftsführer gebildet. Hinter ihnen erhebt sich eine Felswand aus hellgrauen bis rötlichen Gesteinsschichten, an der sich einige Kinder mit Geologenhämmern zu schaffen machen. Dabei wirbeln sie viel Staub auf, der wie Rauchschwaden hinunter zu den Erwachsenen zieht und sich auf ihren Kleidern und Brillengläsern absetzt.

Bong erzählt von längst vergangenen Zeiten: „Südwestdeutschland kann man sich vor 230 Millionen Jahren als ein Flussdelta vorstellen. In dieser Keuperzeit sind die Gesteine des Schönbuchs entstanden.“ Der Gipskeuper, dessen Staubschleier gerade heran wehen, wird seit über zwanzig Jahren nicht mehr abgebaut.

Das Areal der ehemaligen Steinbrüche wuchert langsam zu. Die Wege, die Bong und Bertram einschlagen, führen durch dichtes Gebüsch. Die schmalen Trampelpfade sind manchmal kaum noch zu erkennen. Bertram macht seine 25 Zuhörer auf eine unscheinbare Blume mit weißen Blüten aufmerksam. Das sei das Weiße Waldvögelein, die häufigste Orchideenart im Schönbuch. „Sie braucht acht bis zehn Jahre, ehe sie das erste Mal zu blühen beginnt.“

Dichter, unheimlicher Wald führt oft zur Entstehung von Sagen. „Die bekannteste im Schönbuch ist die über den Ranzenpuffer“, sagt Bertram. Dieser habe die Holzfäller erschreckt. Diese Gestalt gehe auf ein Hobby gelangweilter römischer Legionäre zurück. „Sie begannen, sich ihre Tuniken über den Kopf zu ziehen oder sich Wildschweinköpfe vor das Gesicht zu halten, um den Leuten Angst einzujagen.“

Ein Gebirge, dases nicht mehr gibt

Da ertönt plötzlich ein furchtbares Gebrüll. Der Ranzenpuffer bricht aus dem Dickicht hervor und wirft mit Tannenzapfen nach den acht Kindern. Doch die lassen sich davon nicht erschrecken. Sie wissen, dass Bong in der Verkleidung steckt.

In den Wäldern des Schönbuchs finde man überall alte Steinbrüche, erzählen die beiden Landschaftsführer. Sie stehen vor einem halb verfallenen Schuppen mit windschiefen Wänden, der vor gut hundert Jahren dazu diente, den abgebauten Gips auf eine Schmalspurbahn zu verladen. Die Gleise führten zum Gipswerk am ehemaligen Bahnhof Breitenholz. Aufmerksame Wanderer finden am Käsbach bis heute alte Schwellen. Sogar unter Tage sei der Gips abgebaut worden. „Dazu hat man einen italienischen Ingenieur namens Rigoni ins Ammertal geholt, der beim Bau der Gotthard-Eisenbahn Erfahrungen gesammelt hatte.“ Bevor der Gips als Baumaterial verwendet wurde, diente er den Bauern als Dünger. Um das Gestein zu Pulver zu zermahlen, gab es Gipsmühlen, die von Pferden angetrieben wurden. Zur Veranschaulichung haben die beiden Landschaftsführer ein Spielzeugmodell gebaut.

Die Mühlsteine bestanden aus dem grobkörnigen Stubensandstein, der ebenfalls im Schönbuch gebrochen wurde. Das sei auch ein beliebtes Baumaterial gewesen, sagt Bong. Als Beispiel nennt der gebürtige Rheinländer den Kölner Dom. Seinen Zuhörern gibt er einige Gesteinsproben in die Hand und hebt zu einem weiteren Ausflug in die Erdgeschichte an: „Der Stubensandstein stammt aus einem Gebirge, das es heute nicht mehr gibt und wurde von Flüssen im Schönbuch abgelagert.“ Dieses Vindelizische Gebirge habe im heutigen Bayern gelegen. Von noch viel weiter her ist der feinkörnige Schilfsandstein gekommen, nämlich aus dem Baltikum. Bong und Bertram reichen ein paar Brocken herum. „Eigentlich müsste er Schachtelhalm-Sandstein heißen“, sagt Bong, „denn die Abdrücke, die man darin gefunden hat, stammen nicht vom Schilf.“

Der Schönbuch sei ein Teil der Südwestdeutschen Schichtstufenlandschaft und werde unter anderem von diesen beiden Sandsteinen gebildet, erklären die beiden Landschaftsführer. Um zu verstehen, wie diese Landschaft entstanden sei, bitten sie ihre Zuhörer, die Hände übereinander zu legen. Das seien die Gesteinsschichten. Begonnen habe alles mit Ascheregen und Lavaströmen. Dann sei das Wasser gekommen. Sie verschütten einige Tropfen, was dazu führt, dass einige ihre Hände reflexartig zurück ziehen. So ähnlich funktioniere die Erosion. Ausgehend vom Oberrheingraben habe sie seit Jahrmillionen zur Bildung der Schichtstufenlandschaft geführt.

Wie mächtig die einzelnen Schichten sein können, zeigen die Felswände der Gipskeuper-Steinbrüche zwischen Entringen und Breitenholz. Sie stehen heute unter Schutz und zeigen mit ihrem Artenreichtum, wie die Natur alles wieder zurückerobert.

Die beiden Landschaftsführer Ludolf Bertram (links) und Jan Bong erklären die Entstehungsgeschichte des Gipskeupers, während die Kinder den alten Steinbruch bei Breitenholz mit Geologenhämmern auf eigene Faust erkunden. Bild: Weik

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Erstellt:
27. Juli 2009, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
27. Juli 2009, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 27. Juli 2009, 12:00 Uhr

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