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Aus den Fehlern von L’Aquila lernen
Das Erdbeben liegt bereits sieben Jahre zurück, aber noch immer sind viele Straßenzüge im italienischen L’Aquila eingerüstet für die Restaurierung. Foto: dpa
Korruption und Pfusch prägten nach dem Erdbeben 2009 den Wiederaufbau

Aus den Fehlern von L’Aquila lernen

Viele Fehler wurden beim Wiederaufbau nach dem Erdbeben von 2009 in L’Aquila begangen. Diese will die jetzige Regierung Italiens vermeiden.

30.08.2016
  • BETTINA GABBE

Rom. Sieben Jahre nach dem Erdbeben von L’Aquila steht ein Wald aus Kränen über der schwer beschädigten Altstadt. Viele Straßenzüge der Hauptstadt der Region Abruzzen sind weiterhin gesperrt. Erst vor 18 Monaten wurden die bewilligten Mittel bereitgestellt, sodass der Wiederaufbau und die Instandsetzung von Häusern und Kirchen beginnen konnte. Nach dem jüngsten Erdbeben zwischen den Nachbarregionen Latium und Abruzzen versprach der italienische Ministerpräsident Matteo Renzi einen raschen Wiederaufbau der am meisten zerstörten Ortschaft Amatrice und umliegenden Dörfern. „Hier geht es nicht um Herausforderungen oder Versprechungen: Für den Wiederaufbau braucht es den Atem eines Marathonläufers“, stellte der Regierungschef klar.

Renzi will die Fehler vermeiden, die nach dem verheerenden Beben vom April 2009 in L’Aquila gemacht wurden. Für die über Nacht obdachlos gewordenen 80 000 Menschen stellte die damalige Regierung 21 Milliarden Euro bereit. Doch bisher wurden nur sieben Milliarden ausgegeben. Unter der Leitung des Katastrophenschutzes wurden „New Towns“ errichtet, Siedlungen aus schnell gebauten Häusern, die weitab der ursprünglichen Stadtviertel und Dörfer liegen. Statt der 3000 Euro pro Quadratmeter teuren Bauten hätten auch die beschädigten Häuser der Erdbebenopfer wieder hergerichtet werden können, monieren Architekten.

Berlusconis Nachfolger Renzi versicherte den Betroffenen bereits, dass die Ortschaften an Ort und Stelle in der ursprünglichen Form wieder aufgebaut werden. Dabei gilt es einen Wust aus bürokratischen Hürden zu überwinden, der nach dem Beben von L’Aquila vielerorts Aufbauprojekte zum Erliegen brachte. So wurde das Krankenhaus des in der vergangenen Woche weitgehend zerstörten Amatrice bereits nach dem Beben von 2009 als dringend sanierungsbedürftig eingestuft. Nachdem die Region die bereits bewilligte Finanzierung über 2,1 Millionen Euro zurückgezogen hatte, wurde die Anpassung an Feuer- und Erdbebennormen jedoch auf Eis gelegt. Ein Streit zwischen dem Bürgermeister von Amatrice und der Region Latium, die das kleine Krankenhaus mit 15 Betten schließen wollte, sowie Ermittlungen gegen einen Verantwortlichen der zuständigen Gesundheitsbehörde ließen das Projekt schließlich ganz zum Erliegen kommen, obwohl es als dringend erforderlich eingestuft war.

Der nationale Anti-Mafia-Staatsanwalt Franco Roberti warnte hinsichtlich des geplanten Wiederaufbaus vor Versuchen der Mafia, an den umfangreichen Aufträgen zu verdienen. „Die Clans verdienen traditionell vor allem an minderwertigem Beton“, warnte Italiens oberster Mafia-Jäger. „Aber wir haben gut konsolidierte Einsatzkräfte mit viel Erfahrung, wir sind bereit“, fügte Roberti hinzu. Vor allem nach dem Erdbeben in der süditalienischen Region Irpinia von 1980 gelang es den Clans, die bereitgestellten Mittel abzuschöpfen. Das soll sich nach dem Willen von Regierung und Justiz nun nicht wiederholen.

Das zum Schutz vor mafiöser Unterwanderung angewandte Modell habe in L’Aquila funktioniert, meint Italiens oberster Mafia-Jäger. Dort wurden 2014 sieben Bauunternehmer festgenommen, die über die neapolitanische Mafia-Organisation Camorra billige Arbeitskräfte angeheuert haben sollen. Die mit dem Bau der „New Towns“ beauftragten Firmen hätten kaum Arbeiter aus der vom Erdbeben erschütterten Region eingesetzt, monieren Kritiker des zentral von Rom aus gesteuerten Wiederaufbaus von L’Aquila.

Mit 2500 ist die Zahl der obdachlos gewordenen Menschen nach dem Erdbeben vom vergangenen Mittwoch geringer als in L’Aquila. Doch im Unterschied zur abruzzesischen Bergregion sind in Amatrice und Umgebung viele Häuser nicht nur schwer beschädigt, sondern müssen neu aufgebaut werden. Die Regierung Renzi will bis zu drei Milliarden Euro pro Jahr in die Sicherung von erdbebengefährdeten Bauten investieren. Um Privatleute zu bewegen, ihre Häuser den Normen entsprechend umzurüsten, plant Rom analog zur Förderung energieeffizienter Sanierungen Hilfen für bedrohte Häuser.

Um die Baumaßnahmen an öffentlichen und privaten Gebäuden finanzieren zu können, möchte Renzi die Kriterien des Stabilitätspakts verletzen und neue Schulden machen. Dazu müssten die EU-Partnerländer dem seit acht Jahren ohnehin in einer tiefen Wirtschaftskrise befindlichen Land entgegenkommen.

Damit italienische Steuereinnahmen dieses Mal nicht in dunkle Kanälen oder unsinnige Projekte fließen, versprach Renzi gestern absolute Transparenz beim Wiederaufbau der zerstörten Häuser im mittelitalienischen Erdbebengebiet. „Jeder ausgegebene Cent kann überprüft werden“, schrieb Renzi auf seiner Facebook-Seite. Der Wiederaufbau müsse schnell geschehen, „aber vor allem muss er gut gemacht werden und die betroffene Bevölkerung einbinden“.

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30.08.2016, 06:00 Uhr
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