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Aus dem Stand Zweiter
Bald Oppositionsführer in Schwerin: AfD-Spitzenkandidat Leif-Erik Holm (Mitte) stößt darauf mit Parteivize Alexander Gauland (links) an. Foto: Getty Images
AfD hängt CDU in Mecklenburg-Vorpommern ab, bleibt aber deutlich hinter der SPD

Aus dem Stand Zweiter

Für Regierungschef Erwin Sellering und die SPD geht die Wahl in Mecklenburg-Vorpommern glimpflich aus. Der AfD-Erfolg schmerzt vor allem die CDU.

05.09.2016
  • PETER GÄRTNER IRIS LEITHOLD, DPA

Diesmal bleibt ihnen das Desaster erspart. Die Sozialdemokraten wissen, wie sich das anfühlt – von der AfD überholt zu werden. Im März ist ihnen das bei den Wahlen in Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg passiert. Nun hat es die CDU in Mecklenburg-Vorpommern getroffen, ausgerechnet im Stammland der Kanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel. Für die Sozialdemokraten geht die Abstimmung im hohen Norden dagegen glimpflich aus: Sie landen auf Platz eins. Ihr Regierender dort, Erwin Sellering (SPD), kann weitermachen. Die Verluste bei der Wahl fallen geringer aus als zuletzt befürchtet.

Auch wenn es keinen Grund für ausgelassenen Jubel gab: Sellering freute sich zumindest über einen „großen Erfolg“ im „schwersten Wahlkampf“ der SPD in Mecklenburg-Vorpommern. „Wir haben die ganze Zeit gegen die AfD argumentiert“, meinte der Ministerpräsident sichtlich erleichtert darüber, dass die Rechtspopulisten es nicht geschafft haben, eine Regierungsbildung unmöglich zu machen. Nun ist Erwin Sellering ohnehin ein sachorientierter Politiker und keinesfalls für überschwängliche Gefühlsausbrüche bekannt. Selbst als vor fünf Monaten die Umfragewerte noch einen deutlichen Absturz auf 22 Prozent signalisierten und kurzzeitig die CDU vorn lag, blieb er gelassen. Für ihn sei es nicht nur wegen der grandiosen Aufholjagd zugleich auch der „schönste Wahlkampf“ gewesen, „erstens, weil wie so unter Druck waren und zweitens wegen der liebevollen Unterstützung vieler Bürger“.

Der aus Sprockhövel bei Bochum stammende Jurist hat in einem rasanten Tempo dazugelernt. Sellering hat den Leuten nicht nur auf den Mund geschaut, er hat sich in den mehr als 20 Jahren, in denen er in Greifswald und Schwerin lebt, zu einem „Wossi“ gewandelt. Den Wessi hat er ebenso abgelegt wie den schweren westfälischen Singsang. In dem am Ende ganz auf seine Person zugeschnittenen Wahlkampf sprühte er vor Optimismus und verkündete bessere Zeiten. Auch distanzierte er sich frühzeitig und deutlich von der Flüchtlingspolitik der Kanzlerin. „Es darf nicht sein, dass unsere Bevölkerung darunter leidet, weil Flüchtlinge gekommen sind.“

Geht es um die Flüchtlingspolitik, heißt der heimliche Wahlsieger allerdings nicht Sellering, sondern AfD. Die Rechtspopulisten haben ihr großes Wahlziel erreicht: Mit rund 21 Prozent wurde sie zweitstärkste Kraft nach der SPD und – das war ihr besonders wichtig – vor der Union. Denn in Mecklenburg-Vorpommern liegt der Bundestagswahlkreis von Angela Merkel (CDU), bisher eine sichere Bank für die Kanzlerin. „Das Ergebnis hat große Symbolkraft für die Bundestagswahl in einem Jahr“, sagt Bundesparteivize Alexander Gauland bei der Wahlparty in einem Strandcafé am Schweriner See.

Einen „historischen Sieg“ nennt Gauland das Ergebnis, auch wenn es vor dem Wahlsonntag leicht höhere Umfragewerte von bis zu 23 Prozent gab und mancher in der Partei wohl insgeheim auf einen neuen Rekord gehofft hatte. Ihr bislang bestes Ergebnis hat die AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im März mit 24,3 Prozent eingefahren. Bei der Wahlkampf-Abschlusskundgebung in Schwerin hatte Gauland 30 Prozent für Mecklenburg-Vorpommern nicht ausgeschlossen.

„Meck-Pomm“ ist das neunte Bundesland, in dem die AfD im Parlament sitzt. Und mit dem Wahlergebnis vom Sonntag spürt die Partei noch stärkeren Rückenwind für ihr eigentliches Ziel, den Einzug in den Bundestag 2017 und die Abwahl von Kanzlerin Merkel. Björn Höcke, der Thüringer Fraktionsvorsitzende vom rechten Flügel der rechten Populisten, gibt die gut 21 Prozent von Mecklenburg-Vorpommern als „Minimalziel“ für die Bundestagswahl aus.

Doch auch diese Szene gibt es bei der AfD-Wahlparty in Schwerin, auf der auch Vertreter der sogenannten Neuen Rechten gesehen werden: Bei der Bekanntgabe der ersten Hochrechnungen brandet der Applaus noch einmal besonders auf, als das Scheitern der rechtsextremen NPD und der FDP an der Fünf-Prozent-Hürde deutlich wird.

Der AfD-Spitzenkandidat Leif-Erik Holm, hatte sich im Wahlkampf moderat präsentiert und in der Landespolitik stark auf das Thema Familie gesetzt. Geschickt greift er auf die Wendezeit zurück. „1989 hat gezeigt, dass wir gemeinsam etwas bewegen können“, erklärt Holm auf der Internetseite der Landes-AfD. Doch immer wieder schlägt der studierte Ökonom auch nationalistische Töne an, warnt vor kriminellen Ausländern. Selbstredend schoss er sich auch auf die Flüchtlingspolitik der Kanzlerin ein, forderte eine konsequente Schließung der Grenzen. „Vielleicht ist das heute der Anfang vom Ende der Kanzlerschaft Angela Merkels“, sagte er am Wahlsonntag.

Holm, Vater eines dreijährigen Sohnes, lebt mit seiner Familie in Berlin und im Dorf Klein Trebbow bei Schwerin. Vielen Mecklenburgern und Vorpommern ist er noch als Moderator des Radiosenders Antenne MV im Ohr. Es habe ihn nicht in die Politik gezogen, sagt der 46-Jährige. 2013 trat er dann doch in die AfD ein, gründete den Landesverband mit. Ein Grund sei die aus seiner Sicht verfehlte Euro-Rettungspolitik von Merkel gewesen. Heute ist Holm einer von zwei Landessprechern. Künftig wird er wohl Oppositionschef im Landtag sein.

Der nächste Stimmungstest wird die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus in zwei Wochen. Dort liegt die AfD in der jüngsten Umfrage bei zehn Prozent.

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05.09.2016, 06:00 Uhr
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